Sonntag, 29. Juli 2012

Schattenreich


Dies Land ist ein Hohlraum, ein Nichts, ein schwarzes Loch, eine Leere,
von dem die Erlösungssüchtigen, Froh-Doofen, Dumm-Seeligen
und Heils- und Führergläubigen, der Glücksbesoffenen Heere
der Welt sich angezogen fühlen, ein ziemlich finsterer Ort,
wo sie nur im eigenen Leuchten und inneren schwachen Licht
einen verborgenen Schatz im Sumpf von Trauer und Schwere suchen.
Dieses Land ist nicht fremdenfeindlich. Die geistig und die seelisch
und im Empfinden ebenso Bedürftigen wie Erfüllten,
die das Schattenreich besuchen und nicht mehr verlassen können,
werden gern, vielleicht sehnsüchtig erwartet, mit unglaublicher
seltsamer Lust gar aufgenommen und willkommen geheißen.
Sie sind das einzige Licht hier, bringen lebendiges Feuer.
Das Schattenreich war niemals der willigen Untertanen und
eines Volks von gern Geführten Reich, sondern nirgends auf der Welt
waren eines Landes Bürger je so gleich in der finsteren
Und unbestimmten Begierde und einem sinnlosen leeren
und tiefen Schmerz und sich einig und zugleich so sehr vereinzelt
und allein wie hier und voller Verlangen nach dem Anderen.
Es ist die Heimat des Unglücks, der immer und immer wieder
verbrannten Ernten sowie des beständig schwindenden Reichtums,
des Unglücklich-Seins, der Trauer und Unruh auf Dauer,
der hässlichen schwarzen Nacht, die regelmäßig und lang seine
Bürger überkommt und ihre Körper schluckt und überformt mit Taubheit,
wuchernder Mitleidlosigkeit. Die Bürger eint ihr Schatten nur.
Was dies Land ohne Absicht, Schuld und Wille ist, das führt sie her,
in ihren Untergang die Utopisten, Frommen, Gläubigen,
die Humanisten, die Jenseits- und die Erlösungssuchenden
und sonstigen Verrückten, in ihrem Liebesstau und –taumel.
Sie kommen her, weil es sie braucht, verlangt, das große leere Grab,
im Land, das Loch im Kopf und Magen der Schattenländer Körper.
Es braucht die fremden Meister irgendwie, die Lehrer, Führer, Götzen,
Gott. Es öffnet ihnen und ihrem Anhang, der von Sinnen ist,
blind und taub und ohne Arg und jeglichen Verstandes beraubt,
der blöden Hoffnung und dem Jenseits- und Befreiungsglauben,
in dem sie wehrlos treiben und ruhen wie vermenschlichtes Vieh
das Nichts, in das es passt und das es selber immer wieder ist.
Sie sind es, die den Untergang erbitten, nach Strafe betteln,
die Haut vom Fleisch, das Fleisch vom Knochen und alles von der Seele
trennen wollen, den Ungeist rufen, der alle eint im Schattenreich,
den Henker, Totengräber als den Tröster der Verlorenen,
den Herrn erschaffen als den Grund der guten Hunde-Seele
und als Sinn der Sklaven-Sehnsucht, die sie fromm-dämlich bei sich führen.
Und alle werden Erde, Staub, der Meister und sein Gefolge.
Sie sind Fremdländer, sie kommen und verschwinden wieder spurlos
im leichten Grab aus Wind und Rauch. Die Schattenländer bleiben da,
sind selbst der Tod, unsterblich, sind unbegreiflich, unverstanden
unverändert, unscheinbar, unwandelbar und unbedeutend
sie warten auf den nächsten endlos langen Zug von Seeligen.
Bald sind es vielleicht die Menschen, die sich selbst in Säcke stecken
und dem Licht des Tages nur Haariges entgegen recken.
Sie ahnen schon, dass sie im Kleid der Nacht einst bloß und machtlos sind
gegen das Feuer und den Staub. Die Schattenländer sind geschützt,
bloß kaltes totes Fleisch, sie haben eine Seele schwarz auf weiß,
sind stumm und denken mit dem Stift nur Male, Bilder, Zeichen, Schrift.