Mittwoch, 30. Januar 2013

Pommerland


Leichenvogel flieg
    zu Vaters Heil'gem Krieg
       zur Mutter heim ins Morgenland
          Morgenland ist abgebrannt
    mit Vaters Heil'gem Sieg
Leichenvögel fliegt

Sonntag, 27. Januar 2013

Flug-Körperlichkeit


Warum wir verknotet sind, mein Sein und mein Sinn

Wie entsteht der erste Knoten? Ich drehe das Eine gegen das Andere, binde es an einen imaginären Urgrund und projiziere durch eine Spiegelung den Gegensatz in ein Bild. Im Bild ist ein neuer Gegensatz entstanden. Ich drehe auch ihn, also eins gegen ein anderes und erhalte einen Text. Der Text hat seinen Grund im ersten Knoten, der ihm real erscheint: das ist das, was wir für den Grund der Realität halten und er hat seinen Sinn im Begriff, der über ihm schwebt, auch allgemein als große Bedeutung des Seins, Seele ist, doch noch nicht Seelen-Wollust. Wie sprengt man die Knoten, wie dreht man sie auf? Indem man sich von allen Texten und Zeichen befreit und nackt dann dasteht als das oben geschilderte Gerüst und sich darin begreift? Geht nicht so einfach. Reicht nicht. Man verkennt sich in der Struktur erst nur, weil sich diese nicht ändert. Man setzt erst einen falschen Text an einen falschen Text und glaubt sich befreit. Falsch ist das noch. Aber immerhin, man ist bereit. Die gesamte Struktur mit den zwei kleinen Spiegelknoten und der zweiten richtigen Spiegelung dazwischen muss sich nochmals spiegeln. Der nackte Mensch, der bloße, mager bis auf 's Gerüst und nur mehr ein Rippengitter braucht einen zweiten, Menschen, Spiegel, einen weiteren für eine weitere Spiegelung. Bei dieser letzten Spiegelung gehen dann alle Knoten auf und es erscheint dazu etwas, das sich der Beschreibung entzieht. Den Wahn halt aus. Der letzte Spiegel heißt große Liebe. Ein Illusion. Jedoch auch der schönste Grund, ein Grund nur für sich. Und er öffnet die Sinne neu und reißt Welt und Sinn auseinander und reißt die Welt ein. Ein Körper wird befreit von Zeichen und Sinn, sogar von Sprache, und er verdichtet sich in sich und um ihn wird als neue Hülle, aus zerrissenem Text, Bruchstücken alten Sinns, etwas zum neuen Körper und seinen freien Sinnen hin gedreht, der Text neu erzeugt und mit Schmerz gehalten, also ein neues Selbst ohne Text und Schrift liegt bloß und für sich, ein höchstes greifbares Sein, das nicht die hohle Seele und Begrifflichkeit ist, sondern Körperlichkeit, Sinnlichkeit und Gefühl und dazu bildet sich eine neue Welt, die nicht nur Spiel mit der Einsicht der Entfremdung und nur Um- und Hin- und Herwertung ist, sondern endlich Zeichen und Text des Gefühls, der Sinne und Körperlichkeit. Das also entsteht, wenn zwei in sich gehen und die Spiegelung zulassen. Sie Hülle, er Kern. Zwei Seiten des Spiegels. Harmonie. Und im Moment der Berührung, scheinbare ewige Symmetrie. Was aber, wenn die große Liebe geht? Nacht und Traum, Dunkelheit, Sinne verschlossen in sich? Unbeschreibliches.

Hingewundert


Es wundert mich sehr und ihn hart,
wenn ihr absichtlich zart
lächelt der Mund.
Durchs Licht ihrer Augen
ist mein Sehen und Sehnen
verwundert und wund.
Auf meines Herzens tiefsten Grund
brach sie ein, brachte ihn und es
selbst auch heimlich zum Stehn.
Sie ist das gewohnt, wird nachsichtig geschont
und ich leide und kann nicht mehr gehn.
Gebe dann mal ich Dummer
ihr noch meinen Kummer
mit sinnlosem Wortspiel bekannt,
werd ich gleich von ihr
mit dem Wunder der Rede
wörtlich übermannt, überrannt.
Doch selbst, wenn sie spricht
im Zorn und in Wut, weiß ich nicht,
was ich ohne sie soll,
bin sprachlos, froh, weil sie da ist, nur so,
das tut mir gut und so wohl.

Denkwürdigkeiten



Wunsch und Wollust
(Schreber auf der Flucht)

Es gibt nur zwei wirkliche Stufen des Mensch-Seins/-Werdens, und eine abschließende imaginäre Wunsch-Stufe. Die erste ist eine der subjektlosen Verbundenheit des Kindes mit dem allmächtigen Subjekt der Mutter. Die zweite ist die, in der ein Subjekt aktiv und passiv den Zeichen der Welt begegnet. Sexualität hat auf jeder Stufe der Entwicklung ein wichtige Rolle, ist real da. Beim Menschen ist erst mal nach der Geburt sofort ein erwachsener Mensch mit dabei und für ihn da und wichtig, beide sind 'in Anhang' zueinander, somit ist auch dessen Sexualität da, es ist beim Sex dabei und liegt auf dem weiblichen Wollust-Körper dazu. Am Anfang ist Sexualität da als reine Wollust oder weg als reiner Schmerz im Mangel und subjektloses Schrei'n. Es gibt nur Selbst- und Körper-Sein und das Nicht-Sein. Auf der nächsten Stufe sodann treten Wollust und Wunsch auseinander. Sexualität ist vermittelte Wollust, wird gegeben und genommen, ausgehandelt, ist nicht mehr nur Körper, sondern zeichenverhaftet. Zwei Subjekte der Lust begegnen einander und eine Welt der Zeichen tritt hinzu. Lust wird zu Lust haben im Nehmen und Geben, das ursprünglich wollüstige Selbst wird zur kontrollierten Lust, das anfängliche Nicht-Sein dazu wird zu Zeichen und Ich. Die urprüngliche Wollust ist auch noch da, wie auch weiterhin die Sexualität der Erwachsenen da ist, für das Kind ist sie ein imaginärer Urgrund des Seins, eine Verdichtung der Liebe und Angst, Liebe, wenn der Erwachsene da ist und Angst, wenn das Kind allein ist. Eine dritte (ödipale) Stufe in dem Sinn, dass plötzlich Sexualität für das Kind selbst da wäre, gibt es nicht. Sondern das Kind wird für sich irgendwann in die Welt der Zeichen eintreten, aber nur zusätzlich durch einen Prozess des Lernens im Spiel. Die Welt der Zeichen wächst und wächst dem Kind zu. Die Lust bleibt dieselbe und hat mit Sexualität unmittelbar weiterhin nichts zu tun. Das Kind hat nun Sexualität nie aus sich und für sich gehabt. Woher kommt sie also? Es gibt also für Kinder nur Sexualität, weil es die vorher für Erwachsene gab und für Erwachsene gib es die Sexualität nur deshalb, weil sie ihnen vermittelt wurde? Das scheint widersinnig zu sein. Es gibt aber für den Menschen überhaupt keine unvermittelte Fortpflanzungs-Sexualität sondern nur einen Rest davon in einem Stück auf der Bühne. D. h. schon die Sexualität für das Kind war nur ein Traum der Erwachsenen mit einem Rest Körperlichkeit. Trotzdem gibt es Missbrauch und nicht nur Traum an Traum. Gewalt soll nicht sein und kommt doch dazu und ist zuerst die physische Verletzung und das Liegenlassen, dann ist es die Verletzung und gewaltsame Unterbrechnung von Geben und Nehmen von Lust. Beides gibt es dauernd, man nennt es Erziehung. Erziehung erzeugt beim Kleinkind nur reinen Schmerz und Brüllen, auf der zweiten Stufe dann ein zuviel von Liebe und Angst, eine Sucht nach Geborgenheit und Sinn und panische Angst vorm Alleinsein und Selbstverlust. Niemand ist aber an sich Schuld. Gewalt ist irgendwie anfänglich wohl äußeres Ereignis gewesen. Meteorit bringt das Himmelseisen. Zurück zur Welt unserer Zeichen. Es gibt also keine dritte Stufe, auf der die Sexualität für das Kind dazukommt. D. h. es gibt keinen realen Ödipus, keine plötzlich eintretende Geschlechtlichkeit im Wirklichen, sondern immer nur ein Spiel auf der wirklichen Bühne. Von den wahrhaft Verwundeten und ihren widerlichen Tätern rede ich hier nicht, beide tun mir zu sehr weh. Auf der Bühne findet nur scheinbar nochmal ein Rollentausch statt, sobald das Individuum geschlechtsreif ist. Geschlechtsreif ist der Mensch nur als Herr der Welt der Zeichen. Der Weg dorthin hat kurz nach der Geburt begonnen und endet mit einer Rolle in der Gesellschaft. Dort kann der Mensch als Protagonist eines Stücks zum Autor desselben werden, muss aber nicht, er kann auch beide Rollen einnehmen, es sind eh nur Rollen. Was ist, wenn der Autor in diesem Sinne (so etwa in der Pubertät oder auch viel später) aus dem Stück heraustritt? Er hat auf der Bühne zwei Wollust-Qualitäten: eine imaginäre kleine Wollust, die ausgehandelt wird im Spiel der Geschlechter, im Wechselspiel eines Ich und Selbst und eine große reale Wollust, die das Subjekt ins Selbst fallen lässt, das es unvermittelt aber nicht mehr sein kann und nur Nichts ist und Schmerz und Schreien des Subjekts dazu. Es geht um Lust geben und nehmen und Lust haben und nicht-haben, Lust sein und Lust nicht-sein. Für das der Fortpflanzungs-Sexualität beraubte Wesen und Mensch-Tier wird es nun auf der Bühne des Lebens kompliziert. Alle Beteiligten sind in eine Welt auf der Bühne, in die Welt der Zeichen, getreten. Das heißt natürlich auch, dass Lernen keinen Erkenntnisgewinn bringt, sondern nur größere Verwirrung und immer hinkt der Verstand hinterher. Ich wollt, ich hätt nie ein Buch gelesen. Bei der kleinen Lust ist der Mensch Autor, und Ich und Selbst gleichwertig. Bei der großen ist er nur immer entweder draußen, also Autor und ich oder drinnen also Selbst. Die große Wollust ist die eines andern oder seine mit Schmerz und Depression. Die kleine Wollust ist ein Theaterstück, die große ist großer Wahn und Bühne. Beides ist wirklich, aber nicht echt. Echt wäre der Selbstverlust bei der großen Wollust in Wunde und Tod. Damit wären wir wieder beim Vergewaltiger, der nicht zum Spiel gehört, sondern es zerstört (Vergewaltigung und Mord braucht kein Verstehen). Der große Selbstverlust führt aber nur zum kleinen Tod, zu einem symbolischen in einem Symptom oder in Depression. Das einzige Reale ist ihm der Schmerz. Genauer der Schmerz behauptet Realität zu sein. Er ist die Realität, die es wirklich nicht gibt. Schmerz ist ein Begriff, der den Körper einnimmt. Was folgt für die Geschichte der Menschheit, wenn wir schon mal beim Größen-Wahn sind und uns scheinbar als großer Mann gebärden wollen, uns eigentlich körperlich weiten: es gab auch nur zwei Abschnitte: Prähistorisches und Historisches. Das Historische ist patriarchalisch. Von uns ist das Historische nachträglich als Stück inszeniert. Wenn man das Stück umschreibt, und es dem Körper gefühlsmäßig passend macht, dann darf man auch die Vorgeschichte zu einer matriarchalen umschreiben, wobei aber auch dort nicht die Frau und Mutter, sondern nur der Körper regieren darf. Das hab ich versucht zu tun. Bei Schreber wird als erster Schritt in Richtung einer Neu-Ordnung in seiner Inszenierung der Welt der dafür erforderliche Körper geschaffen. Schreber ist das für sich nicht restlos recht, aber er nimmt es in Demut hin. Die Aufgabe der Interpreten der Denkwürdigkeiten ist es nicht, Schreber nun nachträglich aufzuwerten als paranoiden Sinnschreiber, der sich seine Welt durch den Wahn wieder erarbeitet hätte gegen 'Fehler' der Erziehung - er bleibt ja überall im Wahn, nur hat er zusätzlich einen großen Wollust-Körper - (falscher Ansatz der traditionellen Psychoanalyse), oder ihn abzuwerten, indem man ihn zum körperlosen Autor einer schriftlichen Wunsch-Maschine macht (Deleuze/Guttari). Da fehlt doch die große Wollust. Nein. Wir wollen nicht die immergleichen Phrasen wiederholen, die auch Schreber bis zum Schluss verfolgt haben. Er hatte einen Wollust-Körper und hat ihn gegen die heranfliegenden wunderlichen Phrasen verteidigt, wir müssen ihn, diesen Körper, uns auch nehmen, wenn wir ihn, Schreber, verstehen wollen, wir müssen ihn richtig lesen, mit der Lust, Depressionen und Schmerzen, ihn neu schreiben, und als Autoren müssen wir uns für ihn verantworten. Wir müssen die Körperlichkeit, auf die Schreber mit roher Gewalt passiv geworfen wurde, uns aktiv nehmen. Sie ist nämlich einfach da. Wir dürfen mehr als nur wünschen, wir dürfen versuchen der eine Körper zu sein.

Ver-Messer



Messer-Traum

Menschen lassen sich
von Schneidern Träume
mit Messern
wahr machen
doch Träume kann man nicht
wahr und wach machen
Träume sind wirklich
und Wirklichkeit
ist schon Traum

Schnitter mit Messern
der Wahrheit
schneiden Träume ab
die Beschnittenen werden fort an
nur noch von Messern träumen
die Welt wird vermessen
der Mensch vermessen
mit einem Messer
vermessen seiner Vermessenheit

Traum ist vergessen
Wirklichkeit Wahrheit
Welt Vergänglichkeit
Sterben Leid
doch dreht
schon Traum
noch auch Messer
gegen Wahrheit
wieder zu Wirklichkeit

Samstag, 26. Januar 2013

Denkwürdigkeiten


Letztes Geheimnis, ein Vor-Zeichen von Gegensinn
oder
Von einer Körpergrammatik hin zum Flug-Text

Sprach-/Sinnverlust und -rekonstruktion und die rückschauende Betrachtung der Vorgänge durch Schreber selber erlauben in begrenztem Umfang auch eine erweiterte grammatikalische Aufarbeitung oder sprachförmliche Interpretation des Textes. Möglich wäre eine Grammatik der Bilder im Buch: Sonne als Subjekt, Strahlen als Zeitstrahlen und Prädikation, Objekte und Partikel lassen sich auch finden (Männer, Vögel, Insekten). Auch der grammatische Sprachpanzer wurde von ihm (durch andere) weggesprengt. Grammatik ist äußerlich und steckt nicht von vornherein im Menschen drin. Schreber steckt nun schon vielfach selber drin in Wahn, Selbstdeutung und Sprechen und Schreiben. Man kann sich da schwer noch selbst einbringen. Deutungen werden vage. Ein Versuch. In der Universitäts-Irrenklinik zu Leipzig wurde sein Wille gebrochen. Das war die 'Flechsig'sche Hölle'. In der Pierson'schen Privatklinik war er nur kurz und ist ohne Zweifel dort weiter mit Medikamenten (Morphium) behandelt worden (Sinn seiner 'Teufelsküche'). Die Wirkungen der Morphium-Vergiftung werden auf den von Schreber im Buch genannten Seiten des Kraepelin-Buchs beschrieben. Scheint mir ein Hinweis auf Medikamenten-Experimente zu sein. In Pirna hat man ihn 2 ½ Jahre jede Nacht in ein Verlies gesperrt (im Buch: 'Teufelsschloss'). Wird von den Gutachtern nicht bestritten. Ihm wurde also das gesamte Nervensystem gründlich bearbeitet. Was bleibt da vom Ich, von allem, was Ich und Es ist - Es und Ich sind nur zwei Worte für eine Sache aus zwei Perspektiven – beides äußerer Text. Was bleibt von einer papierenen toten Wahrheit, die nur der Körper beleben kann, wenn deren Innerstes und Gehalt, also Tod (angedroht) und Gewalt in Reinform auf den Körper fällt: Nichts. Nichts als der Körper selbst, nichts als etwas, befreit von den äußeren Texten: das Selbst, also das, was das Selbst im Grunde ist, der Körper mit all seinen Sinnen. Aber dem Menschen sind die Sinne auch das Subjekt eines Sinns, dieser Sinn-Rest von Subjektivität kann nicht verschwinden, auch der Leser nicht und er, Schreber, als Deuter nicht. Das Subjekt kann nicht verschwinden, solange der Körper noch lebt, sondern muss von anderen Subjekten aufgenommen werden, muss diese aufnehmen: als Bilder im Buch erscheinen: doppelte Sonnen, Einverleiben von Flechsig - ich würde immer dann, wenn zwei Figuren im Buch im Wechselspiel sind vom Subjekt im grammatikalischen Sinn reden – das Doppelte kann ihm als ganzes Subjekt für sich mit Ich und Selbst gegenübertreten, ich auch als Objektivation der Vervielfältigung, Verdopplungen. Dem folgen die Handlungen/Prädikation verselbständigt in Halluzinationen, Strahlen – also das eher Abstrakte im Stück, das sich Bewegende auf der Bühne, oder Eigenschaften. Und endlich als Objekt meiner Grammatik besetzen Objekte das Subjekt Schrebers als kleine Männchen, drängen sich heran als hingewunderte Männer, Vögel, Insekten - das was klein und an sich vielfältig ist, ist Objekt, Es in der Vielfalt. Subjekt und Objekt ist wie Ich und Es, dem Autor der Unterschied ziemlich egal, einfach zwei oder mehr Geschichten. Theoretisch ist also eine Bilder-Grammatik zum Buch schreibbar mit einer Unterscheidung von Wortarten und Satzbau, also Elementen der Struktur (statisch betrachtet) und Elementen der Bewegung (dynamischer Sprach-Sinnfluss). Schreber beschreibt die Wahrnehmungsvorgänge und Denkprozesse selbst sehr genau, in der Bewegung der Sonnen, in deren Wechselspiel, der eher spielerischen Annäherung an den Körper durch den niederen Gott Ariman und das Hin- und Hergerissen-Sein des höheren Gottes Ormuzd. Der eine Gott ist mehr Inhalt, der andere mehr Zweck und Gesamt-Sinn. Er beschreibt das Herantreten des Sinns an ihn und den Körper, die Umkehr der Bewegung der Sinnbildung in den Sprachlügen, dem Sprechen der andern, das Ich dreht sich für ihn und sein Selbst aus den Lügen heraus. Seine uns seltsam erscheinenden Bilder sind ein Weg der Befreiung vom Zwang der Texte durch Änderungen im Schreiben und Bebilderung einer neuen Grammatik. Die Deutung ist nicht abwegig. Er muss ja alles neu lernen. Schrebers Rettung war also der Körper, der ihm schon vor der klinischen 'Behandlung' Grund des Seins war, wie er schreibt, Rettung vorm unerträgliche Alltag und beruflichen Erfolg. Vermutlich doch ein Ergebnis seltsamer Erziehungsmethoden, Erfahrungen eines Wertverlusts schon in der Kindheit und einer besonderen Bedeutung des mütterlichen Körpers für den Prozess der Sozialisation und Ich-Bildung. Die Interpreten, die das gesehen haben, liegen m. E. nicht so weit daneben. Wenn man sich aber zu deutlich einbringt ins Buch, ist das Ergebnis vielleicht Sinn, jedoch satter paranoider dumm-gefährlicher Sinn. Blödsinn. Schreber wollte kein wahnsinnig blödes Tagebuch für wahnsinnig blöde Ärzte schreiben. Die Bilder und Aussagen des Autors und die Sätze und Reden erlauben nur vage Sinnbildung. Also doch keine richtige Grammatik. Ariman sei Dank. Für mich ist es wichtiger, dass das Buch einen Ausgangspunkt hat und ein Ziel, es ein Draußen noch gibt zum Inneren. Ich setz mich ja auch hin zum Schreiben und steh nachher wieder auf. Dem Schreiben und dem Schreber und seinem Buch muss ich Freiheiten lassen. Nochmal von vorn hin zum Gegensinn. Ich erlaube mir also zuerst wieder mal den Schre(i)ber in Abzug zu bringen. Also ist das Buchthema: Verlust von Sprache, Wiederherstellung des Sprechens auf einem Körper des Sinns. Zunächst erfährt der Körper, dass sich fast alle Sinn-Zeichen des Realen von ihm lösen können. Alle Werte sind plötzlich weg, und das Reden wird eingestellt. Schreber war lange sprachlos. Schon wieder. Das Ziel der Rekonstruktion ist vorgegeben. Es ist der Körper, mit dem der Mensch heute in seiner großartigen modernen Mündigkeit so ganz allein ist. Da ist Schreber nicht ganz allein. Ich fühl (Es) ihm nach. Die absolute Autorität des Vaters ist weg und die mütterliche reicht nicht. Der Körper des Kindes kann sich also beides nehmen: den Körper der Mutter und nachträglich dazu die Autorität des Vaters. Der Aufklärung (Ausgang des Menschen … und und und ...) fehlte der Körper bis ihr der Sinn (seines grausamen Zwangs) genommen wurde bzw. gegeben wurde. Dann kam der Körper zur Sprache. Ab dann musste der Körper sich neu selbst beschriften. Das Denken wurde über Bilder erst wieder sprachlich. Körper ist Gefühl, das für sich sein darf und in das sich das Subjekt fallen lassen kann. Schreber hat das mindestens zweimal radikal erfahren, in der Kindheit und in der Anstalt (vielleicht auch schon mit der Beförderung zum Senatspräsidenten – er war vielleicht einer der mit/gegen Freud 'am Erfolg scheitern' durfte). In der Wiederherstellung des Sprechens als sinnlichen Erfassens der Welt, Hauptanliegen des Buchs und des Wahnens, kommt es zu einem wirren Tanz der Elemente, d. h. die Zuordnung der Personen/Dinge/Begriffe im Spiel entzieht sich der Deutung, Subjekt und Objekt sind austauschbar, die Elemente werden durch Verdopplungen, Spaltungen abgesichert, hin- und hergeschoben, auf geraden Bahnen und in Schleifen (gibt es als Bild im Buch), es kommt auch zu Verdichtungen, Zusammenfassungen und Deutungen. Ein Wettstreit mit dem Zufall. Die Bilder können auch mal so, mal so gesehen werden. Auch die Kommentare und Begriffe/Erklärungen Schrebers selber sind letzte unsichere Absicherungen von Sinn, körperlich, und Offenbarungen des Unsinns. Man muss auch schon deshalb nicht zwischen Wahn und Schriftstellerei unterscheiden bei ihm im Buch und in der Welt draußen, weil auch jeder Normale heute in diesen oder ähnlichen Bildern gefangen ist, es nur nicht zu erfassen sucht und nicht schreibt. Ist das nun Traum oder wahr? Mir fällt bei den Interpreten auf, dass jeder aus Schreber einen wie sich macht (Jung, Freud und andere Analytiker haben Schreber als schreibenden Psychiater sich vorgestellt, sich genauso und anerkennend und sich selbst lobend zum Schreiben geäußert. Recht so!). Schreber ist als Schreibender wirklich ganz Anderer geworden. Er nimmt daher jeden als ein großer Spiegel mit. Er ist Kaspar Hauser als Text. Aber, so wie der Autor und der Leser immer wieder aus dem Buch herausfallen, ist Schreber aus der Anstalt auch entkommen. Er ist nicht der Wahn der andern geblieben. Denn im Grunde ist der Körper doch etwas greifbares und an sich bleibendes, und vielleicht ist er das einzige, was uns auch seelisch immer zusammenhält. Und die Oneiroide im Koma zeigen doch was Realität ist, eine ziemlich nachträgliche und immer gründlich körperliche (Nerven sind überall in Körper und Seele und Grund der Wirklichkeit - und ein Mensch im Koma hat eine Seele und Wirklichkeit). Ganz egal, was im Kopf passiert, im Text, im 'richtigen' Leben und dem eingebildeten gesellschaftlichen Sein, es ist der Körper, der uns dran hindert, dass wir richtig und ganz auseinander fliegen. Der Mensch kann nicht fliegen, er muss sich komplexe Flugmaschinen bauen, Körper-Flug-Texte schreiben. Darum ist das körperliche Glücklichsein vielleicht die Grundbedingung jeden anderen Glücks. Die Körperlichkeit hat sich Schreber aufgedrängt. Er hat es als Senatspräsident erstmals (vielleicht auch vorher schon) nach eigener Aussage gespürt und als Eigenschaft einer/seiner Weiblichkeit gedeutet. Diese Selbstdeutung ist nicht zwingend. Er ist damit nur bei seinem Begehren als Mann geblieben, er hat sich sein Wünschen als solches genommen. D. h. der Zugang dazu war ihm vermittelt durch die Bilder von Frauenkörpern, durch sie halt auch, also u. a. möglich. Er hat diesen Filter seines Begehrens immer gebraucht, als Kind den mütterlichen und später den weiblichen Körper, den Spiegel nie zerbrochen. Er war nie restlos nur Selbst. Er war nicht wahnsinnig und er war kein Transvestit. Nur vor dem Spiegel war er reines Begehren und somit auch mit der Frau im Bild erst vollständig. Mann kann nicht anders. Frau ist nicht ganz anders, nur sich viel näher. Eine große Körperlichkeit war Ziel Schrebers und das war das Anliegen seines Buchs und im Ergebnis der maximale Grad an Freiheit und die Befreiung aus der Anstalt. Auch religiös ist er nicht mehr sinnvoll einzufangen. Es gibt ja auch diese Sorte von Wunder-Deutern. Ganz zum Schluss im Buch stellt er fest, dass er nicht Erlöser ist, sondern seine Beziehung zu Gott halt einzig und weltordnungswidrig sei ('Weltordnungswidrigkeit' = 'Seelenmord', also Gewalt gegen den Körper mit Abspaltung aller äußeren Texte des Sinns, Verweis auf den Körper und körperlich-sinnlicher Wiederherstellungsprozess bildlich dargestellt durch 'Anbindung' von Körpernerven an 'Gottesstrahlen') und er nicht den Menschen durch seinen Tod befreit, sondern im Hinscheiden nur den einen obersten Gott, der an ihn und 'an Erden' gefesselt wurde und Mensch werden musste oder deutlicher: als allzu menschlich erkannt wurde. Gott war plötzlich der Weltordnung unterworfen (Gegensinn ist erlaubt) und musste Arbeiten gehen – für die Wiedergeburt oder Auferstehung eines fast Toten (Schreber). Und Schrebers Hoffnung ist, für die Menschen Erkenntnis und Erleuchtung zu sein, und was mit Gott wird, weiß er nicht zu sagen, angeblich, der darf sich aber wahrscheinlich irgendwann aber wieder seinen weltordnungsgemäßen Geschäften widmen in weiter Ferne, somit dem unvermeidlichen Rest-Sinn, mit freundlicher Genehmigung und einem Augenzwinkern des Autors. Für sich hat Schreber im Wahn oder im Spaß die maximal mögliche Ewigkeit eines kurzen Lebens und mit dem Tod endet die Unsterblichkeit und ist ihm auch die Weltordnung wiederhergestellt. Oder auch nicht: als Buch wäre er eine der darin genannten 'Seelen' in den 'Vorhöfen des Himmels', ein 'Identitätsbewusstsein' das noch lange fortbesteht und eventuell auch ansteckend wirkt. Man kann ihn nun weltordnungsmäßig als Autor rühmen oder besser mit ihm einfach zeitweise subjektlos leiden und sich freu'n. Man darf aber nicht vergessen, der Mensch ist nicht Mittelpunkt der Welt. Die funktioniert auch ohne ihn. Das sagt er mir mit seinem Bühnen-Spiel und Stückwerk und Text. Und so setze ich hier auch den Autor wieder ein und verabschiede mich so nach und nach vom Buch und von meinem eigenen Text. Das also ist Schrebers einziges Geheimnis, wahrscheinlich und für mich, gesagt hat er es nicht. So seh ich das, so lang ich selbst noch lebe und fühle und einen Körper habe. Alles andere ist Spekulation. Die Welt dreht sich auch ohne Dich und mich. Für jeden ist Liebe etwas anderes. Das muss man sich lassen. Der eine ersehnt sie, der andere ist sie. Für den einen ist es die Eine, für die andere ist es sie selbst und viele usw. oder so. Schreber ist zur Frau zurückgekehrt und hat sich um eine Tochter gekümmert. Die eine Frau war ihm Halt in Frau, Mutter, Tochter, die andere in ihm selbst war nur Spiegel-Spielerei. Text ist zwar Text, aber es gibt tote und liebevoll belebte. Er soll liebevoll gewesen sein bis an sein Ende (gestorben ist er an einem ärztlichen Kunst-Fehler – also meidet die Anstalten/Veran-/-unstaltungen des Sinns der deutlichen Interpreten und der irren Ärzte). Ich hoffe, das war nun nicht auch körperlose Kunst und ein Kunstfehler. Ich lese den Text er-lebt.

Freitag, 25. Januar 2013

Hand-An-Haltung


Hand-Spiegelung

'Ich bin Menschen-Rater', wollt ich ihr sagen, 'hab mich verirrt im Land unsrer Fantasie' und nach verborgenem Schreibzeug wollte ich sie und nach heimlich geschriebenen Träumen fragen. Ich ging zu ihr hin, hatt alles vergessen. 'Ist dir auch so warm', fragt ich sie stattdessen - scherzend - selbst verloren in Unsinn und Scherz, wohl wissend, dass ihr gar nicht warm war ums Herz. 'Immer kalt ist mir, Sommer wie Winter, nur', 'es ist alles unsagbar kalt', ich sage das auch und, dass ich keinen Rat hab und keinen Ver-Rat an Ihren Sinnen, und ich erhalte Vertrauen und ihre kalte Hand darf ich nehmen und meinen kalten Verstand muss ich hineinlegen und darf sie anfassen, mir die Kälte unserer Körper zeigen lassen. Ich nehm sie mir von den Fingern zur Hand. Knete tastend kurz Sinn zu Sinn hin. Ich bin ihr keine Hilfe und leer ratlos, verspreche ihr Offenheit, Aufmerksamkeit, Nach-Denken, und - sie reicht mir die Hand ein weiteres Mal und bekennt sich erkannt nun als warme Hand mir, ihr Körper hat sich über mich gewundert, ich bin ihr zwischen äußerer Lächerlichkeit und einem harten kalten Kern, Sinn wie Stein, mit körperwarm sinnliche Hülle geworden.

Flugkörper der Frühgeschichte

Es gibt ganz alte bildliche Darstellungen von Flugkörperlichkeit.

Kann der Mensch einfach so fliegen als Mensch? Es scheint, je leichter er wird, je wenige beschwert von wirklich gewordenen Traumzeichen, Mythen, je mehr er den Körper und Geist löst von den Dingen um ihn, vernünftig ist, abstrakt-analytisch denkt, umso größer und schwerer wird die Welt insgesamt. Die Welt wächst mit Vernunft und Verstand ins Kleine und Große, dehnt sich aus und wird körnig. Wächst sie wirklich nach allen Seiten und in sich hinein? Wir bleiben doch ausgesperrt, körperlich. Die Welt wird Wünschen und Träumen entzogen. Wir sind relativ auf unseren Erdball beschränkt. Je größer und schwerer und dichter die Welt nun ist, im Großen wie Kleinen, und unbeschreiblich nah und weit, umso größer die Macht eines unbestimmten Glaubens an eine unbestimmte zweite Welt in und hinter der Welt: je wirklicher die Welt zum Schein, umso mächtiger wird die für sie und uns notwendige scheinbare Sinn-Stütze. Wir haben einen Sinn statt der Sinne, wir haben eine Wirklichkeit mit einem seltsamen Gott als Gespenst, Seins-Sinn und Seelen-Grund. Wir haben künstliches (gestohlenes) Gedanken-Licht und sind dafür blind für das Licht des Tags. Wir trauen den wirklichen Augen, wie unseren übrigen echten Körper-Sinnen, dem Sinnlichen nicht. Das ist also keine gute Zeit für un-sinnige Körper-Flugmaschinen. Doch Fliegen ist keine Kunst, Kunst ist Flug. Und die Flug-in-den-Urlaub-Maschinen bleiben bescheiden einfach und tote beschränkte Technik, so lange der Mensch nicht auch ohne sie sich erhebt und der Arbeit für immer entschwebt. Was macht einen Körper schwer und was leicht? Am Anfang waren Gewicht und Körper verteilt auf zwei. Körper war die Frau, Gewicht und Steinchen und Stöckchen als Zeichen darauf war der Mann. Sie Hülle, er Inhalt, Kern. Sondersinn neben den Sinnen. Ein vor-bildlicher Zustand war das. Lang vergangen und vergessen. Zeit der Schwere. Dann Zeitsprung. Bildung: die Schwere wird mit dem Körper in ein Bild gestellt. Steinbild. Steinzeit. Herausgegriffen: Venus von S., Venus von W. Wie stellen sie sich dar für den gebildeten Betrachter heute: als simpel dicke Frauen, deren Körperfülle Sinn männlicher simpler sexueller Bedürfnisse sein soll. Dicke Frauen also als Grund magerer Einsichten? Jetzt Anders gedacht. Zwei kleine 'Venusfiguren' aus Stein beinhalten beides: Frau mit (Mann als) Kern und Gewicht, Frau erstarrt zu Sinn, Sein und Stein. Die Figuren sind daher selbst Kern eines größeren Frauenkörpers und müssten eigentlich an irgendeiner Stelle auch selbst diesen Kern tragen, getragen haben. Die Venus von W. hätte das Loch dafür in der Nabelgegend. Ein natürliches Loch, erweitert noch. Sie hatte im Nabel-Loch vielleicht den Stein der Weisen, der schon immer nur ein toter Stein war und sein Ersatz-Stück. Buch-Stab. Aber die Öffnung ist mehr. Sie ist Mundraum. Die Zunge als Kern diesmal, herausgefallen, verlorengegangen, nicht mehr greifbar im Schutt der Geschichte, zum Vergessen verschluckt. Die Figur ist also auch ein Körper als Gesicht mit den Brüsten als Augen und dem Nabel als Mund und Armen als Brauen. Es ist ein symbolischer Körper. Unserer ist nicht mehr symbolisch und noch nicht Fleisch, er ist jedem nur gern behandlungsbedürftig und krank, arm und krank wie die Phantasie von der 'fetten Frau Venus'. Es sollte der, der an der Deutung eines Gesichtes im Bild des Körpers zweifelt, versuchen Lust und Begierde in Gesichtern von Menschen zu deuten und sie alle dann zeichnen, malen und in eine Maske zaubern: es kommt immer eine 'frühgeschichtliche Venus' raus bei oberflächlicher Betrachtung durch andere. Zur Deutung der Figur als Gesicht wird bei der Venus von W. der 'Kopf' möglicherweise zur Haartracht. M. E. war es männliche Haartracht, Haarknoten und seine Pracht.
Exkurs, sinnlich und sinnlos: welche Rolle spielt der Mundraum und die Zunge für Traum und Trance? Fragt einen Träumer, der wird sich euch deuten. Fragt einen Glaubens-Besessenen nach seinen Visionen, der wird euch wie sich auch belügen. Und dieser 'Kopf' der Figur ist auch unser eigener eigensinniger: es ist ein doppelhirniger mit viel Hintersinn und besteht aus zwei Hinterköpfen, der vordere ist männlich und der hintere (kann es denn anders sein) ist weiblich. Mann sieht ihn gern, wie man an der Figur sieht. Der hintere Teil des Kopfes ist mächtiger und er beugt die Figur nach vorn und das Rund zum Oval. Vielleicht. Das Gesicht ist ein innerer Spiegel, Gesicht an Gesicht, schon für den Säugling.
Die 'Venus' von W. hat also zum oberflächlich weiblichen Körper zwei Gesichter, ein wirklich wirkendes wie als Maske und ein symbolisches zweites verstecktes im Kopf, und ist damit stärker verschränkt als die 'Venus' von S. Beide Körperchen tragen m. E. auch noch auf sich zwei Gestalten, die Brüste sind auch Köpfe, Wange zu Wange in müder Umarmung. Verdichtet und verschachtelt sind die Körper. Die Figuren haben in meinen Augen auch nicht Beinstummel sondern - sofern die Füße nicht einfach durch den Abrieb der Zeit und Abriss verloren gegangen sind - Doppelbeine, wobei nur die Schnittmenge dargestellt wird: der Unterschenkel ist Unterschenkel der Frau und wohl Fuß des Mannes oder die Ober- und Unterschenkel von Zweien verbinden sich zueinander gedreht zu einem Kegel. Der vermeintliche Ausrutscher an einem der Oberschenkel formt vielleicht eine Ferse. Meine vage Deutung. Die 'Venus' von S. ist also Gesicht, Körper und Umarmung. Die 'Venus' vom W. hat zusätzlich noch dieses weitere Gesicht: das leere vor 'm Spiegel: das nicht vorhandene Gesicht des 'Kopfes' ist bei ihr das Gesicht der Figur an sich, und unser eigenes in der Deutung. Traumgesicht. Trance. Wenn die Venus von W. also eine Figur mit drei Köpfen ist, dann allerdings ist es keine Venus mehr, sondern ein Mythos, eine Geschichte, die erzählt wird. Zwei, Mann und Frau, sind ineinander geschlungen wie Bild und Wirklichkeit und liegen auf einer dritten ohne Gesicht, der Deutung (in Trance). Der Körper der dritten Person, die vielen allein sichtbar ist und dann immer 'Venus' oder 'dick-fette Frau' genannt wird, ist um die Mitte m. E. deshalb 'dick', weil zwei sich da umfassen. Ich seh mit ein wenig Mühe auch zwei Paar Arme. Ein Paar Arme sind dünn wie ein Strich und sondern von sich ein weiteres Paar als fehlende Masse des ersten und also als unförmigen Ring. Wenn manche Interpreten meinen, dass der Schöpfer des Kunstwerks uns seine 'Neigung' zum vollkräftig Weiblichen präsentieren wollte: dann hatte der Künstler und hat der Interpret wahrscheinlich auch eine Neigung für und zum elfenmäßigen Kleinwuchs einer Hosentaschen-Venus. Der rätselhafte Haarkopf der Figur ist uns ein Trance-Traum-Kopf. Er hat auch was von durchpflügter Erde dem Haarmuster nach. Weist hin auf Ackerbau (?). Der Form nach ist es vielleicht hochgesteckter simpler männlicher Knoten, dem Muster nach ein komplexes weibliches Geflecht, Haarflechterei? Geht die Deutung insgesamt zu weit? Die Venus ist kein modernes Kunstwerk! Es sind auch nicht Liebende, die sich umarmen auf dem Körper einer Urmutter. Es ist ein schlafender Körper, mit zwei verschlungenen Schlafenden und einem Ohngesicht und Traum-Trance-Kopf. Müde. Wenn die Venus von S. keinen Zusatz-Kopf hat, sondern einen Haken, war sie mehr Schmuck oder Zier zu einem Gebrauchsstück. Die Figürchen sind nicht prähistorisch, es sind Geschichtszeichen, also schon auch Zeichen der Macht und Begierde, aber auch schon wieder ihre positive Überwindung, ein komplexes Bild dafür, also die Aufhebung der Zeichen in Körperlichkeit.  Wenn die eine Figur wenigstens wesentlich auch ein Trance-Traum-Körper ist, verschränken sich auf ihr Wille und Wunsch. Es ist noch kein Körper-Sprach-Text als Leser-Fluggerät, es ist Bild, das das Innere verbirgt, bzw. in einem anderen hat, das auf einen anderen Körper verweist, einen sprechenden Menschen. Der Besitzer des Figürchens selbst war ein Flugkörper der Frühgeschichte, Seher, Wahrsager, Deuter und die Figur sein Bild und Beweis. Er war kein Blinder mit 'fetter Frau'. Er war im Besitz eines Trance-Körpers, der vielleicht auch seine viel-leichtere Frau war.

Zum Schreiben: erst muss der Körper der Begierde entwendet werden durch einen Text. Dann ist der Text zu zerlegen und neu zu bewerten, dem Körper zuzuführen. Wille und Wunsch müssen beieinander bleiben. Trance ist eigene Arbeit, nicht verteilbar auf Heiler und Opfer, ist mit Gebrauchsanleitung von vornherein falsch. Ein Hypnotiseur, ein Geisterseher und Türöffner führt immer auf den falschen Weg neuer Lügen und neuer Gewalt. Die Trance führt nirgendwohin, nicht zur Erkenntnis eines Inneren und nicht zu einem Sinn eines Äußeren. Sie führt nur zu den Sinnen. Die Texte müssen genommen, zerlegt und zerrissen werden. Das Subjekt muss sich fügen. Körper zum Denken bin ich.

Mittwoch, 23. Januar 2013

Denkwürdigkeiten


Schreber und die Religion

Religion und Philosophie mag Eingang gefunden haben ins Buch, schließlich verweist Schreber wiederholt Leser und sich auf Verstand und Bildung, jedoch hat uns sein Körper ihm das zersetzt, ob er er es wollte oder nicht oder nicht wollen wollte oder so. Er war darum auch gegen alle Geister seiner Zeit stark ver-rückt. Religion ist nicht wirklich Thema des Buchs, sondern nur mit, somit u. a. Gegenstand des dichtenden Wahns, nur ein Zeichensystem unter vielen, das vom Schreiben erfasst und umfasst wird. Es ist nur eine der Schriften, die auf einem Menschenkörper neu und verändert entstehen. Es ist eins der Systeme, die aufgearbeitet werden für uns, die wir neu betrachten dürfen. Es ist nur irgendeiner der Texte und nicht ein besonderer, der durch das Zerbrechen der andern gerechtfertigt wird, es ist nicht der Urtext, der gerettet wird und der uns rettet. Nein, danke. Alles beginnt im Buch vom Märchen der Welt mit der 'Menschenspielerei' - im Fall Schreber war das erst schlimmster denkbarer Missbrauch eines Menschen - und wird letztlich zum Ende des Buchs hin und zum Ende der Internierung zum bloß mehr leichten Spiel – zum Buchschreiben selbst. Es wird kindlich greifendes Buchstabieren. Buchtext: 'Die Antworten, die sich die Strahlen (Sinn, Sonne, Äußerungen seiner zwei Götter Ariman/Ormuzd als Gegenspieler – Ergänzung von mir) selbst auf diese Fragen geben, d. h. fälschungsweise meinen Nerven unterlegen ("Neue Menschen aus Schreber‘schem Geist" oder auch "das weiß ich nicht, sollte derjenige" u. s. w.) sind so kindisch, dass ich nicht länger bei ihnen zu verweilen brauche.' 'Menschenspielerei' ist natürlich auch ein Wort für Religion. Ein ausgeklügeltes menschenfeindliches Spiel mit Menschenkörpern. Die Welt ein Irrenhaus mit einer Gebrauchsanweisung, Gesetzestexte, Heilige Schriften, Lehrbuch der Psychiatrie, alles Mauern um ein Irrenhaus, das Inhalt und Sinn dieser Mauern ist. Und Regeln schreiben sich in die Hirne und verschränken sie im gegenseitigen Missbrauch ihrer Körper ineinander. Diese Spielerei ist real (physisch verletzend) und (schriftliche) Fiktion, das Spiel mit einem Menschen ist das Loch im Spiegel, ein Übergang, durch den man vom Buch aus an sich in den Text eintritt, vom Beschriebenen zum Geschriebenen, vom eher Objektiven zum eher Subjektiven übergeht, man fällt aus der Wirklichkeit hinein in Schrebers Welt. Am Ende des Buchs beklagt denn auch Schreber das in der Anstalt erlittene unendlich große Leid und den durch die 'Behandlung' erlittenen Verlust seiner beruflichen Stellung, der Ehre, des Glückes der Ehe und und und bla bla. Aber er ist in freudiger Erwartung eines neuen Glückes. Über alles geht er hinaus, Anstalt, Buch, Sinn, Religion, Therapie und zuletzt und nicht weniger unwichtig noch Philosophie. Man tritt am Ende wieder hinaus mit ihm, heraus aus Text und Buch, jedoch in eine andere Welt. Text ist Text, Realität ist Realität, und die Träume kann man mitnehmen und eins ins andere verwandeln. Der Lohn oder das Ergebnis des Lesens und Dichtens und Wahnens ist nicht, wie manche meinen mögen, der 'Wahn' des Autors und Deuters, mit einem/seinem 'Wahn' und Leiden und Buch zum Religions- und Sinngründer geworden zu sein, (das war für mich der Gipfel des Schwachsinns an Interpretation) zurückgefallen zu sein also auf eine inhaltslose simple und blöde Sinnsuche als Glaubensgrund, also eingebrochen im Intellekt, sondern ausdrücklich ist die Hoffnung Schrebers, mit allem, Buch, Interpretation und eigenem Sein lediglich 'eine Umwälzung in den religiösen Anschauungen der Menschheit herbeiführen' zu können. Eine erlebte Umwertung der Werte war das, die einem Mann maximal mögliche. Diese Hoffnung Schrebers ist keine des Wahns und der Richter des Berufungsgerichts stellt korrekt fest mit Berufung auf die schriftlichen Ausführungen Schrebers im und zum Prozess: 'den Propheten einer neuen Religion zu spielen, liege ihm vollständig fern, er betrachte sich lediglich als wissenschaftliches Beobachtungsobjekt'. Ein Wunder der Klugheit, der Richter, ohne Ironie seiner- und meinerseits. Ein Körper achtet also auf seine Wirkungen. Wäre es anders gewesen, Schreber doof-sinnsüchtig-religiös, dann hätte er doch sein Buch auch wegwerfen müssen: geheilt, befreit und – von einem neuen Wahn ereilt. Witzig sind die letzten beiden Sätze der 'Denkwürdigkeiten', in denen zunächst auf die 'Gewissheit eines lebendigen Gottes und einer Fortdauer der Seele nach dem Tode' hingewiesen wird und – dann das Folgende sofort als Ergänzung im Text dazu: 'mit dem Ausdrucke der Hoffnung, dass in diesem Sinne günstige Gestirne über dem Erfolge meiner Arbeit walten mögen'. Mit anderen Worten: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. 'Humor' ist untertrieben, es ist ein ohrenbetäubender Abschluss-Brüller. Also deuten wir uns mit Schreber den Christengott und Heiland auch folgendermaßen: Jesus, für Schreber in der Anstalt naheliegendes und bevorzugtes Vergleichsobjekt. Er darf sich ohne weiteres mit ihm dort identifizieren im Leid und er tut es auch zum Schluss des Textes auf den letzten Seiten des Buchs, seines Wegs. Da kommt es aber nicht zur froh-freudigen Identifikation unterm Kreuz des Zusammenbruchs, sondern zur Einsicht. Er nämlich, also der andere (euriger richtiger) Heiland, stand wie Schreber in engster persönlicher Beziehung zu Gott. Für beide ist Gott Mensch geworden. Im ersten Fall ist, das erkennen wir jetzt, nicht in Jesus ein Gott zum Menschen geworden - das ist doch nur eine paranoide Selbstüberhöhung von Interpreten, die mit Evangelien daherkommen und Jesus glaubten befreien zu müssen und ihn am Kreuz haben hängen lassen -, sondern tatsächlich wurde für ihn ein Gott, der Gott der Juden, wirklich zum Vater und auf die Erde herabgezogen. Wenn einer Gottes Sohn ist, dann sind doch beide aus Fleisch und Blut. Jeder, der es anders sieht ist blind, blöd oder beides oder ein selbstsüchtiger Betrüger. Schreber hat das erkannt durch eigenes erleuchtendes und erleuchtetes Wahnen und war uns ein Augenöffner. Er hat uns die wahren Irren im Buch als Augenöffner-Figuren vorgeführt (ein kleiner Gott, Flechsig u. a. zieht ihm an Schnüren die Augen auf und zu). Strahlende Wirkung des Wahns auf den Geist. Die Göttliche Weisheit hat sich gewandelt und ist auf den irdenen Verstand getroffen. 'Anbindung an Strahlen' wird zu 'Anbindung an Erden'. Die Bilder sind vieldeutig. Der Wahn bei Schreber beginnt damit, dass ein großes Verbrechen ihm alles von Wert raubt: die 'Menschenspielerei' ein Wort auch für simplen Missbrauch und Vergewaltigung (im Schreber'schen 'Euphemismus' der 'Grundsprache' zu der wir den Ausdruck der Schriftsprache gestellt haben: im Begriff: Gewalt). Alles von Wert ist die gesamte Welt äußerer Zeichen (nochmals also Familie, Ehe, Recht, Religion, Psychiatrie, Analyse, Medikamenten-Chemie u. a.), deren Verlust ihn auf nichts als das Selbst und den Körper zurückwirft. Und nun erscheint als Wahn die zurückgelassene Realität und Oberfläche des bisherigen Seins Schrebers als witzig-blöde Karikatur des Normalen, fast alles hat sich verkehrt, wird ihm zum Nachdenken und Wahnen der Grundsprache (im verkehrten Sprechen auf ihn zu) übergeben. Ein Zurück gibt es nicht. 'Liegen gelassen werden' ist am Anfang seine große Angst und bedeutet Hinrichtung, Selbstmord und Tod, nach den Angaben im Buch. Er schildert hier Real-Angst. Erst ist Schreber noch stumm. Dann wird er von sich, seinem Selbst und einem Mitgefühl mitgenommen, denn der Körper ist nicht so schnell vergänglich. Die Seele ist tot, doch der Körper lebt. Und das Gefühl holt sich alle Gesundheit und eine Realität zurück, die sich wehrt und als nun mit-gefühlte ihn arg mit-nimmt. Die vom lebendigen fleischlichen und denkenden Selbst-Seelen-Wollust-Körper aufgearbeitete lustvoll entstellte Wirklichkeit zieht nun selbst am Körper und dessen Nervenschnüren und wundert ihn vielfach wund. Er rettet sich selbst. Und immer wieder wird er spielend vernichtet und erneuert er sich und heilt sich und holt sich wollüstig Sinn-Strahlen, die dann auch sinnliche werden müssen (obere/untere Gottheit, männlich-weiblicher Körper, guter/böser Arzt/Mensch). Zurück zum Heiler. In dem Sinn war auch der (richtige, hingerichtete und uns wieder hergerichtete) Heiland ein Heiler. Für die 'geprüften' und bezahlten Gelehrten des Lehrbetriebs ist er/es aber Religion geworden, nachträglich wurde die Geschichte schriftlich wieder umgebogen. Körper-Wunder wurden zurückgewundert zu angeblich echten Wundern (hinter den Naturwundern des NT verstecken sich doch nur witzige Sinnsprüche eures Herrn). Der Heiler wurde von den Betrügern des Sinns mit einem heiligen Geist ausgestattet und als Gott und mit und zu Gott in den Himmel zurückgeschoben. Religion ist immer eine Verbindung eines persönlichen, intimen Selbstheilungs- bzw. Offenbarungsvorgangs mit einer nachträglichen allgemeinen paranoiden Fehldeutung. Bei Schreber haben wir die Besonderheit, dass die Selbstheilung vom Subjekt des Prozesses gleich selbst niedergeschrieben und interpretiert und bearbeitet wurde. Bei der Religion wird immer die freundliche Offenbarung verfälscht von gefährlichen wahnsinnigen Paranoiden und ist in deren späterer Nachschrift stark verändert. Die Wunder werden den Ungläubigen dann zu tödlichen Wunden, sowohl in den Nachschriften, dort immer im himmlischen Endgericht, als auch im Vorgriff darauf in einer grauenvollen irdischen Endlösung (oder in ärztlichen Kunstfehlern, wie im Falle von Schrebers späterem Tod). Gibt es in allen Religionen. Ein religions-gesäuberter Buddhismus ist auch nicht möglich, sondern immer eine Sache von Leuten, die im Buddhismus ein Bild ihrer eigenen schizophrenen Offenbarung und Selbstheilung gefunden haben. Das macht die Sache aber nicht zur großen Wahrheit. Da wird ein eigenes gutes Körper-Buch auf ein oberflächliches der Weisheit oder Halbwahrheit gelegt. Da geht viel gute Liebe und Leben verloren. Folglich begegnet dann der geblendete Gläubige auch da einem Führer mit Respekt und Angst. Doch wenn der Lehrer/Führer sich für etwas mehr als Irdisches hält und nicht widerspricht, sowie die meisten Führer halt noch an sich selbst glauben, die großen und kleinen in der Welt, ist er ganz simpel, als gefährlicher Paranoider zu bewerten. Aber keine Angst, sie sind alle keine Zauberer, die Paranoiden, allenfalls simple Mörder. Der Kern eines jeden Offenbahrungswahns ist wirklich nur die reale Schreber'sch Seelenwollust. Und das ist nichts als das in der Männergesellschaft verdrängte Menschsein und die Reaktion darauf. Die Erklärung ist schwierig. Man muss der Menschheit durch die Geschichte und durch die Vorgeschichte und dem Menschen durch sein Leben mit den richtigen Wendungen folgen. Dann erklären sich die Offenbarungen und die Seelenwollust (die mit simpler Wollust direkt wenig zu tun hat, wie Schreber sagt). Dadurch dass Schreber die Erlebnisse der Entstehung eines religiösen Wahns schreibt und der Beschreibung und Deutung für ein eigenes Schreiben öffnet, vernichtet er für sich und andere jeden religiösen Offenbarungs-Wahn und jedes daran gehängte paranoide Zwangssystem, das ihn aus dem einfachen Wahnen immer wieder herausreißt. Er entblößt die beiden Seiten religöser und anderer Glaubenssysteme: den schizoiden Offenbarungsprozess der harmlosen Selbst-Erlöser einerseits und die gefährlichen paranoiden Fehldeutungen der dem oft folgenden Glaubenssysteme und -institutionen andererseits. Schreber hat also Seligkeit, einen weiblichen Wollust-Körper, der die abgeladenen Sinn-Schmerzen neutralisiert. Nochmal: ein Seelenmord hat ihn zwangsweise weltordnungswidrig an Gott geheftet und Gott wurde egoistisch, irdisch und menschlich (nochmal: 'Anbindung an Strahlen' wird 'Anbindung an Erden'). Ergebnis war auch, dass zunächst Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit alle Beteiligten der Geschichte im Buch also des inszenierten Stücks erfasst hat, teilt uns Schreber so mit. Die dann aber wachsende und dagegen und daraus erwachsende Seelenwollust hat den Widerspruch der 'Weltordnungswidrigkeit' langsam aufgelöst, wenn auch nicht restlos. So steht es geschrieben. Ein bisschen Menschenspielerei darf noch sein zur eigenen Unterhaltung und vielleicht Mahnung (vor einem Rückfall in die Normalität). Schrebers Wahn ist keine Religion sondern eine Anleitung zum Sehen, Schmecken, Riechen, Essen, Trinken, Denken, Sprechen, Schreiben, Lesen. Das ist vielleicht eine Offenbarung, aber niemals Religion. Es ist der Tod jeder Religion. Es ist die Offenbarung der Offenbarungen und Offenbarer, auf dass es sie öffne, ein Licht auf die 'wahren' Erleuchteten, auf dass es sie blende. Wir wollen Gott endgültig in Abrede stellen. Das tut auch Schreber. Wenn es Gott noch gäbe, wäre sein und unser Wahn Wirklichkeit, real und nichts sonst und er, Schreber, wäre damit freiwillig in der Anstalt geblieben. Über den Wahn könnten wir uns dann mit Schreber leider nicht erheben. Er bliebe uns für immer erhalten, der Wahn und nicht Schreber und sein Buch. Gott wäre dann weit weg, irgendwo zwischen unseren Gestirnen und Sternbildern und wir nur verrückt. Und wir dürften uns einbilden, dass uns Heilung der Seele geschenkt wurde, nicht körperliche und wir liebten nicht, sondern funktionierten nur. Wenn wir aber dem Buch Schrebers folgen, wenn wir uns der Liebe zu uns selbst und den andern ergeben, können wir dem Wahn (weitgehend) entkommen. Liebe deinen Nächsten wie dich vorher selbst, sagt uns Schreber im Berufungsverfahren wie im Buch. Er verzeiht, nicht die Sünden der Menschheit, sondern die seiner Peiniger. Er ist nicht auf Dauer schuldloses Opfer für die Sünden anderer (auf den letzten Seiten des Buchs). Sondern es wird eine Weltordnung wiederhergestellt, zu der sich selbst Gott in Widerspruch gesetzt hat. Deutlicher: durch die erlittenen Gewalt wurde Gott in seinem Wesen erkannt und durch die Befreiung wurde er widerlegt. Und er -Schreber - kommt nicht in den Himmel (auch von Ehre und Ruhm), sondern bekommt für seinen Körper die himmlische Liebe auf Erden, für fünf Jahre etwa seine Frau (irgendwie) zurück und eine Tochter als Kind. Die Weltordnungswidrigkeit endet damit als gewendet und alte Zeichen mit neuem und anderem sinnlichen Sinn sind da. Alte Wunder und Wunden sind nur mehr vergangene Gewissheiten, sie sind zufällig passiert und nachträgliche Wahrheiten, die keinem mehr nachgetragen werden. Sie sind durch eine etwas andere Interpretation sinnvoll gewordene neue Zeichen. Real und wirklich sichtbar wären sie ja unfassbare Folge eines wirklich nur weltordnungswidrigen Verhältnisses. Wir sind nicht im Wahn. Hoffentlich.



Nachtrag: Schrebers Wahn ist am Ende harmlos, da er selber zwar die ihm verbliebenen Reste des Wahns, also die Störungen der Befindlichkeit einerseits in äußeren Wahrnehmungen (kleine Unfälle, Versehen, unangenehme Sinneseindrücke), und andererseits die inneren unwillkürlichen Körpersymptome (Brüllen, Zucken usw.) nicht wie der Normale einem und seinem eigenen Willen und beliebigen Zufall und simplen Glauben unterwerfen kann und sie weiter auch falschen Ideen zuordnen muss (fremden Ursachen und Urhebern als Willensersatz), sie also nicht weiter verarbeiten und einem Subjekt des Redens und Denkens unterwerfen kann, aber dieser Wahn halt nur in Form eines Buches von ihm an die Menschen seiner Umgebung herangetragen werden möchte. Wäre er nicht interniert gewesen und hätte er kein Buch geschrieben, hätte er vielleicht Jünger und Evangelisten gefunden und viele Verbrechen, wenn auch selbst ganz unschuldig und unbeteiligt im Nachhinein, verursacht. Als Glaubensgedankenüberdenker in der Anstalt hat er Glück gehabt. Er ist bis heute peinlich geblieben und bestenfalls denkwürdig und liebens- und lesenswert. Er ist ein Schizo. Ein Spiegel. Schreber ist in erster Instanz von einem unmündigen Richter als unmündig verkannt worden, die Irrenärzte haben ihn im Gutachten als Irren verkannt, das Berufungsgericht hat ihn ganz professionell geschäftsmäßig als geschäftsfähig eingestuft. Ich halte ihn für ziemlich normal und für einen, dem sich ungewöhnliche Ansichten halt wie Flicken des Geistes aufgedrängt haben, dem Intuition zugeflogen ist, ganz zufällig und dann pappen geblieben auf einem Körper mit pappigem Sehnen und zum Überdecken von schmerzenden Dellen nach innen und außen.


Montag, 21. Januar 2013

Denkwürdigkeiten


Paranoia/Schizophrenie

'Paranoia' ist zur Zeit Schrebers mit Kraepelin eine Bezeichnung für ein geistiges Verrückt-Sein, das intellektuelle Defizite nicht zur Folge hat. Es war die Zeit der eingemachten Gehirne. Paranoia heute ist etwas anderes. Es ist ein Verrückt-Sein, das mit realen Gegnern und kranken Phantasien und un/ordentlichen Gedanken im Sinne von falschen Verknüpfungen realer Elemente spielt, weniger ist dabei das Sinn-System selbst mit den Sinnen betroffen. Daneben gibt es die Schizophrenen, denen Sinn, Sinne, Denken - nicht die Gedanken - auseinanderfallen. Paranoia/Verfolgungswahn und Schizophrenie/Spaltungsirresein betrachtet man in der Psychiatrie und Psilyse aber trotzdem (?) irgendwie als schwer unterscheidbare Wahnsysteme, mit riesiger Schnittmenge bei den Symptomen. Eine für Ärzte-Schädel als eingemachte = approbierte = geprüfte (also mit Schreber: ungereinigte) Gehirne sinnvolle Verwirrung ist das. In der Psychiatrie findet eine klare Definition der Paranoia deshalb nicht statt, weil Wahn insgesamt ja von Normalität geschieden werden soll. Paranoia aber ist selber Normalität, die Normalität der Ohnmacht und der Wahn der Ohnmächtigen (zum Wahn der Gebildeten und eingebildet Mächtigen). Das muss versteckt sein. Aus diesem Grunde darf sich die Paranoia auch kräftig im Reich der Symptome des Schizophrenen bedienen. Ein Beispiel für den Unterschied: der Paronoide hat einen eingebildeten Verfolger, den er als Drahtzieher (metaphorisch) für irgendwas un/heimlich Un/erwünschtes 'erkennt' - Der Schizo hat einen dem Traum entliehenen echten Draht-Zieher, mit dem er mehr oder weniger freundlich um seine unbestimmten Gedanken und sein Wahrnehmen ringt, haluzinatorisch oder schriflich und traumhaft. Der Schizophrenie wird also durch die Verbindung mit der Paranoia die exakte Analyse ebenfalls versagt (vom Paranoiden). Netter Trick. Sie, die vom Realen abgehoben ist, wird durch die Verbindung mit der Paranoia ein Gegenbild zum Realen und soll damit echter 'Wahn' werden. Sie ist aber nicht Wahn, sondern Öffnung des Denkens, also Analyse selbst. Anne-Liese vielleicht. Die Diagnose 'Paranoia' im Sinne Kraepelins durfte Schreber für sich zurecht zurückweisen. Er war ja nicht neben sich und seinem Verstand, sondern tief in ihm drin, im Verstand, nicht im Wahn! Kraepelins Wahn und der unserer Psychiater und Annalytiker ist schlicht falsch. Es ist nur ihr eigener. Es gibt keinen unbegreiflichen fremden und kranken Wahn, der im Gegensatz zum Realen und Normalen steht. Schrebers 'Wahn' war seine ihm eigene Analyse, sein Verstand in seinen Bestandteilen und sein Schreiben, Beschreiben. Für Schrebers 'Wahn' nehmen wir also den Schizo-Begriff, sein Wahnen hat ihm das Denken und dem Leser vielleicht die Augen geöffnet, mit Drähten durch Drahtzieher. Augen auf, Augen zu! Zu den Schizophrenen rechnet man zu unrecht, aber recht großzügig heute auch noch die Schwachsinnigen, denn ansonsten bräuchte man ja keine Ärzte in der Anstalt: denn die Dementen brauchen nur Pfleger und die Schizos brauchen nur verständnisvolle Deutung und Liebe. Wozu also Heiler? Mit den Schwachsinnigen in der Truppe kann man aber das geamte Kollektiv internieren und für die Um-Deutung können sich Schein-heiler (Psychioten) selbst engagieren – und schon ist der Arzt in der Anstalt und schnell übernimmt er vom Schizo die Gleichgültigkeit und vom Dementen die Dummheit. Ist doch Beamten-Bequemlichkeit? Dem Schizo ist das nun mal wieder egal und der Schwachsinnige ist sowieso lieb und nachsichtig. Es wär das echte Paradies, wenn da nicht einer Fehl am Platz wär. Einem geht auf, dass die Bühne der Anstalt irgendwie sein Wahnsystem ist. Die Wahrheit scheidet aus und Schreber ist raus.
Noch ein Gedankenspiel dazu: alle echt Wahnsinnigen – mit Kraepelin (als einem von ihnen) – zeigen also keinerlei intellektuelle Defizite. Wenn wir jetzt aber noch die angeblich Dementen als die eigentlich Klugen in der Anstalt erkennen, als die Simplen, dem praktischen Leben Zugewandten, dann könnten wir alle entlassen, in eine Welt, in der sie wohl unauffällig untertauchen könnten. Abzüglich der Ärzte ist die Welt draußen wie die Welt drinnen. Die Ärzte bleiben also drin und über den Eingang der Anlage schreiben wir 'Club Wahn-Inclusive“. Urlaub war es für die Herren Schreibtisch-Behandler ja schon immer.
Zurück zu Schreber: als 'krank' in der Anstalt war Schreber selbst Analyse und Selbstanalyse, Opfer einer Eingebung, Offenbarung und Erleuchtung. Der Körper wurde ihm vom Geist und Sinn äußerer Werte getrennt durch Gewalt, die Sinne wurden ihm vom Hirn gerissen durch das Nekrin (irgendwas mit Morphium wahrscheinlich?) und Schreber selbst hat sich den Kopf und das Hirn zerbrochen in zwei Teile beim Schreiben der Wiederherstellung des Sinns. Da haben wir wieder die drei Wahnsinnigen: den verlorenen Paranoiden, den niedergerungenen Dementen und den Schizophrenen im Aufstand der Selbstbefreiung.
Die Texte des Realen sind vielfältig (Recht, Beruf, Familie, Ehe, Schule … und und und) erzeugen jedoch für sich nicht das Gefühl der Realität. Sie sind an sich tot. Text – Sprache – Bild – Sinne – Zeichen mit Textbezug. Es ist ein Kreis mit Schwerpunkt Text oder Schwerpunkt Zeichen. Das eine ist Realität mit Phantasie-Anteil, das andere Traum mit Text-Rest. Filmriss. Filmido. So entsteht Realität, ihr Genies. Das Buch ist der Gegentext zum Text des Realen und erzeugt einen Wachtraum, der so gestaltet ist, dass Schreber darin leben kann – mit gewissen Einschränkungen. In Schrebers Buch spricht der Geist in verkehrter Richtung, er geht den Weg des Traums: Sinne – Bild – Sprache. Warum im Prozess der Restaurierung des angegriffenen Körpers/Kopfs Schrebers durch dessen unzerstörbaren Intellekt eine direkte Anbindung der äußeren Texte des Zwangs an die Sprache nicht mehr erfolgt ist, ist doch klar: Schreber war sauer und er ist boshaft und er hat ein Buch dazwischen geschoben und nicht paranoiden Ärzte als Vertreter der normalen geprüften Wahns das Ein-Sagen erlaubt. Ein Buch, das ruft „halt!“. Lohn dafür war ein wollüstig-euphorisches Triumphgefühl und eine im Buch erhalten gebliebene Offenbarung der Geister. Preis war ein Brüller (ein vieldeutiger) und ein ewiges Stimmenrauschen, Buchstaben-Gewimmel. Schreber war nicht paranoid (in unserem Sinn). Er hat nur die Vertreter der geschriebenen und geprüften Zeichensysteme aus seinem Buch und seinem Kopf verwiesen. Er hat allen verziehen. Er hat die Namen seiner wahnsinnigen Peiniger verwendet, aber ihr Handeln ins Undeutliche und fast Undeutbare verfremdet. Raus mit ihnen! Der Buchtext ist geschützt. Durch ihre Deutungen oder Klagen (auch vor Gericht) wären die dargestellten Figuren mit einem Schuldbekenntnis aus dem Buch herausgetreten – und verurteilt worden. Kleiner Flechsig! Flechsiglein bleibt allein. Schreber war nicht paranoid, hat er doch alle Paranoiden aus seinem Text ausgeschlossen, die gesichtslosen, namenlosen Verfolger der andern, die Wahrheit heißen, Wahn und System. Der Paranoide distanziert sich nicht von seinem Wahn, er arbeitet ihn nicht auf, sondern ab, er wetzt immer sich und seinen Wahn an sich und den anderen im Realen ab. Ab-wetz-arbeiten heißt für ihn, dass er das, was ihn stört, vernichtet und wirklich umformt und verbiegt. Ein Paranoider behauptet immer die absolute Autorität für sich und ist nie im eigenen Wahn und Text und Buch als Figur verfremdet mit vertreten, er ist als 'ich' und 'er' immer in einer einzigen Realität, beide sind als gleich und echt für uns dort zu finden. Der Paranoide schreibt über sich real, seine Erlebnisse sind reale, seine Handlungen sind real, die Gründe sind leer und sinnlos, die Handlungen auch. Für jeden gefährlich. Schreber ist zwar auch als Autor da und real, jedoch ist er daneben wahnhaft vor allem in der dritten Person als Figur da, die in einer surrealen Umgebung agiert. Die Realtität Schrebers im Wahn berührt in vielen Punkten unsere Realität überhaupt nicht. Der Wahn ist traumhaft irreal bunt. Wir haben auch seinen Körper nicht, um den Traum mit zu träumen. Wir ahnen ihn. In der Welt des Paranoiden sind wir hingegen voll drin. Mit einem Paranoiden und seiner langweilig grauen Welt kann und muss man sich auseinandersetzen, weil er uns in unserer Welt gefährlich werden kann. Schreber geht als Autor dagegen nur widerstandslos im Realen auf, er versucht nichts und niemanden zu ändern, ist freundlich, demütig, harmlos, verzeihend als Mensch und anderseits eine Figur des eigenen Wahns, ringt nur mit Ideen als Objekten. Seine Wirklichkeit, in der er lebt und die Wahn-Wirklichkeit, die er träumt, berühren sich nur an einer Stelle: in der Seelen-Wollust eines subjektlosen Körpers. Das Berufungsverfahren dokumentiert und bestätigtigt im Urteil die Harmlosigkeit Schrebers im 'Wahn' neben der absoluten Berechenbarkeit des Autors in den Geschäften des Alltags und damit seine uneingeschränkte Geschäftsfähigkeit und einen kleinen Rest von Autorität als Jurist natürlich auch. Aber auch vor Gericht behauptet er vor allem seine Offenbarungen, sein klar anti-auctoritäres Schreiben. Aus dem stummen und zum Blöden vergeblich 'kurierten' Dementen ist ein Buch geworden, aus der erzwungenen Arbeit durch und zwecks Selbstbefreiung ein Seelen-Wollust-Körper-Text und links (im Osten) als dunkler Flügel ein Rest des paranoiden Wahns des Systems (seine Rechtskunde) und rechts (im Westen) als lichter Flügel ein Rest von Sinnenklang mit Paukenschlag (Hintergrund-Stimmen mit Brüller). Ist das Buch eine Flugmaschine? Für ihn vielleicht. Er wurde Subjekt seines Bilder-Buchs. Er ist der Anstalt entkommen (durchs Fenster vom Westflügel).
Nochmals: im Begriff der Paranoia verleugnet der Normale seinen Wahn. Den Paranoiden und Normalen bestätigen Wahn und Welt nur das immer schon fertige vollkommene und deutliche schein-reale Bild von sich, das Ich. Der Paranoide behält von vornherein seinen Wahn mit großem Aufwand unter Kontrolle, er bleibt auch im System der Zeichen als Herr und Subjizierender, Verfolgender, und im Satz immer als 'ich' an erster Stelle und führend kontrollierend und schön integriert, während der Schizo erst herausgeworfen ist aus dem System und dann wieder eintaucht in die 'fremde' zu sich gedrehte Welt und am Ende als Subjekt i. S. eines Subjizierten, Nachfolger des Objekts, Opfer und Unterworfener des Wahnens, eines Spiels der Gedanken, ausgeschieden bleibt. Der Paranoide sucht überall als Sucher nach Sinn, er bleibt Gefangener des Wahns. Ein Team von Führern unter Führern und Führern. Der Schizo sucht nicht danach, weil der Sinn schon da ist als Prädikat und Objekt (sprechende Halluzinationen) und ihm ansonsten manchmal, wenn er schläft oder klavierspielend träumt, freundlich von allein kommt (Schrebers Pollutionen, Schreber beim Stuhlgang am Klavier). Was bedeutet es, wenn Schreber das Klavierspiel u. a. als befreiend schildert vom Zwang der Gedanken lösend und sich dabei auf einem Eimer sitzend entleert? Das heißt ganz einfach für ihn rückschauend wie für uns auch als Leser: er scheißt auf Behandlung und Psychiatrigkeit: die Deutung darf man sich gönnen. Die Schizophrenie bleibt immer harmlos mit einem Rest von Wahn. Der Paranoide bleibt humorlos auch im Schreiben und immer paranoid und – gefährlich. Er ist in seinen Büchern, wenn er den eigenen Wahn darlegt, nicht befreit, sondern weiter restlos darin als Betrüger, Verbrecher, Lügner, Führer, Heiler, Erlöser. Er löst seine Probleme mit Totschlag und Mord. Er ist vom Leichengift verblödet (wie Schreber das nennen würde). Er hasst den Witz. Wenn Deleuze und Guattari Schreber zum freien Wunsch-Schizotum verurteilt haben, so könnte es auch daran gelegen haben, das die beiden paranoid waren (oder etwas allzu sehr witzig, also freundliche Schizos). Sie haben ihm die Offenbarung eines neuen Glaubens-nur-für-sich nicht genehmigt und ihm den Rest-Wahn abgesprochen, wahrscheinlich oder vielleicht ihn nur zum Über-Paranoiden hoch phantasiert, zum aktiven Sinnzerstörer, zum reinen Widerspruch (oder doch nur zu Ihresgleichen). Das war er m. E. nicht. Ich glaube seinen Ausführungen im Gerichtsverfahren. Ich bin halt mehr Schreber als sie. Das Begehren ist nicht der Wille zur Macht, es ist der Wille zum Witz. Aber Witz ist spitz und tut weh. Die Paranoiden unter den Interpreten jedenfalls müssen noch die Berufungsschrift lesen und den traumhaften Inhalt des Buchs weniger ernst nehmen.

Sonntag, 20. Januar 2013

Traumpartner


Lassen - Thun - Sein

Lassen dich
Lassen sich
Lassen unter
Dir sein

Lassen mich
Lassen sein
Lassen in sich
Hinein

Lassen ab
Lassen weg
Lassen offen
Kommen

Thun Recht
Thun Nichts
Thun Abbruch
Thunlichst

Lassen ab
Lassen es
Lassen ganz weg 
Allein

Lassen mich
Lassen gehn
Lassen liegen
Sterben

Lassen auf
Lassen zu
Lassen über
In Ruh

Samstag, 19. Januar 2013

Denkwürdigkeiten


Zeichnen und Dichten und Wahn vs. Schreiben, Beschreiben, Erklären

Das Wunder des Realen und Schrebers Zeichnen im Sinne der Seelensprache

Alle modernen Dichter haben nur bei Schreber geklaut. Vergeblich, sie sind am Boden geblieben. Zu Kapitel 17: es geht um nicht weniger als um die Enstehung des Realen. Der Körper des Realen entsteht aus den beiden Teilen des 'Zeichnens', dem Bilden und poetischen Dichten, prozessualen und intuitiven Schreiben, Verdichten und Malens, dem Übersetzen des Bildlichen ins Verbale einerseits und dem beschreibenden Schreiben, dem Berichten, dem zeichenbezogenen Reden, dem Nachplappern des Fremden unvermitteltem Folgen des Äußeren, der Text-Reihung, der Übersetzung von Text in Text andererseits. Schreber war beides in seiner Körperlichkeit. Es geht um den Unterschied und die Verbindung von: Schreiben mit geschlossenen Augen, Träumen, die wahr sein dürfen, die ungeprüft durch die Sinne wörtlich werden dürfen zum einen, zum andern mit Schreiben, das sich der Sinne bedient, die Welt bespricht, sich der Welt auch fügt, es geht um ein Sprechen hin zu äußeren Bilder und zurück vom Texten, von den Texten, die neben dem Körper stehn. Schreber widmet dem gesamten Vorgang, den er das 'Zeichnen' nennt, das 17. Kapitel des Buchs: Zeichnen im Sinne der Seelensprache. Er setzt dem Zeichnen den Denkzwang voran und schiebt ihm dem Klang hinten nach. Das Kapitel beginnt also mit der Erläuterung des Denkzwangs, durch den ein unvermitteltes Schreibens eines Textes und automatisches Verbinden mit anderen Texten, das durch ein eigenständiges Erklären von bereits benannten Objekten mit Eigennamen beispielhaft beschreiben wird - insbesondere mit Hinweis auf Etymogeleien -, der Darstellung eines Zwangs, der grundlos durch Konjunktionen, Zeichen zu Sinn fügt, Text einfach nur zu Text legt und legen muss. Der Denkzwang geht dabei wesenlich von andern aus, ist Spiegel-Satz-Verkehrung, Sprach-Lüge, gegen die er sich immer wehren muss. Dies ist vielleicht eine Seite des umfassenderen Zeichens des Realen, die 'umfängliche Gedankenarbeit' der er anschließend gegenüberstellt: die 'Aufschlüsse über übersinnliche Dinge', die sowohl den Wahn bezeichnen können als auch die Bearbeitung im Buch, die Darstellung und das Werden des Realen also, welche er für kein 'Gold der Erde' (meine Assoziation: Goldtropfen: Morphium) mehr hergeben möchte. An der Stelle des Buchs werden Wahn und Erklärung zu Schrebers eigenem Realen verbunden nach meiner Deutung. Der von Schreber als 'Zeichnen' an sich bezeichnete bewusste Gebrauch der Einbildungskraft, steht dem Denkzwang, an zweiter Stelle im Kapitel behandelt, gegenüber. Schreber erwähnt das Zeichnen auch vorher schon einmal in Zusammenhang mit dem Auf- und Zuziehen der Augen durch drei kleine Männer oder für drei kleine Männer, drei Augen also, denen Personen zugeordnet sind, zwei Ärzte und er selbst als Zyklopen-Auge des Wahn-Un-Sinns. Das Zeichnen befreit vom Wahn. Das Zeichnen als das bewusste Sehen, der Einsatz der im Kopf vorhandenen Bilder befreit vom Wahn. Entsteht also der Wahn - anders herum gedreht - durch eine Unterdrückung der im Kopf angelegten Bilder? Entsteht Wahn durch irgendein ein Sondern der Hirnhälften voneinander, das Bild von Sprache trennt und ein Denken in falscher Richter zur Folge hat? Beispielhaft erfolgt sein 'Zeichnen' vor dem Spiegel, er zeichnet sich als Frau, auch mit dem Rücken zu sich selbst geschieht dies, wenn er seinen eigenen Hintern zeichnet. Bilden sich Bilder im Kopf durch eine Art Spiegelung, die im Spiegel der Sprache nochmal fixiert ist? Das 'Zeichnen' wird von Schreber als ein gegen den Wahn gerichtetes umgekehrtes Wundern bezeichnet, Wundern ist aus unserer Sicht sein Wahn, aus seiner Sicht echt. Das sogenannten Zeichnen, sein Bildermachen im Kopf, das Vor-Zeichnen der Wahrnehmung vor dem sprachlichen Erfassen entschärft nach seiner Beschreibung die Wirkung der Wahn-Sinn-Strahlen, was an der Stelle im Buch auf S. 106 mit den kleinen Augen-Männchen so deutlich beschrieben ist. Exkurs: Freud konnte sich nach eingenen Angaben für Prüfungen als Student Texte seitenweise bildhaft einprägen, d. h. er war in der Lage, bildhaftes gut und leicht in Worte aufzulösen und also hat er seinen Patienten später auch sein Gehirn geliehen, um Traum- und Bildhaftes mit ihnen und für sie gegen den Wahn und unter Umgehung falschen Denkens direkt ins Sprachliche zurück- und zu überführen. Freuds Denken war sehr bildhaft und zugleich reich sprachlich und seine Elemente des Denkens und seiner Theorie sind zu Sprach-Figuren hingewunderte Sprachbilder der Prozesse und Personen, die zur Analyse gehörten. Für Schreber ist das sogenannte 'Zeichen' vom Bild her ein Vorgriff auf das Schreiben des Buchs. Es erlöst ihn als das Gegenwundern zum und vom Wahn. Der Vorgang bewirkt ein 'Reinigen der Strahlen' von ihrer schädlichen Wirkung (vom 'Leichengift' des Wirklichen, von mir hierher verschoben) und erlaubt natürlich deren euphorische Aufnahme in seinen Seelen-Wollust-Körper und seine Erleuchtung (hier zweimal meine Ergänzung). Vom Sprechen scheidet Schreber zum Schluss des Kapitels den Klang, ein körperlich-bildliches Element des Gehörten, das ist sowohl Geräusch aber auch wortlose Musik. Der Klang erlaubt Nichtsdenkungsgedanken, also nach unserer Einschätzung wäre das ein gedankenarmes, spach- und inhaltssarmes Bewusstsein, also Unbewusstes, ohne eine wahnhafte Umkehr des Denkens und den schädlichen Denkzwang. Jandls Klang eine kleine Lebenshilfe für Mayröcker. Wie sehen wir Reales oder Traum- und Wahnhaftes: beides besteht aus einem Denkzwang, der sich von Text zu Text wie von selbst bewegt, ein unmittelbares und sinnloses und auch falsches Anbinden von Sprache an äußere Zeichen. Es gibt nur einen abstrakten Denkzwang, abstraktes Denken, das immer falsch ist, gleich in welche Richtung es läuft. Denken richtet sich bei Schreber sinnlos gegen Denkzwang. Recht so. Sodann besteht Reales auch aus einem von vorhandenen Bildern (wie von Archetypen) ausgehenden Gegen-Zeichnen des Äußeren. Das kommt aus einem anderen Raum. Bei Traum und Wahn als einem Spiegel-Gegenstück des Realen oder zum Realen wird das Bildhafte vom Denken zum Teil ausgeschlossen, oder besser ausgesperrt und sich selbst überlassen und/oder verkehrt angegangen vom Sprachlichen her, es endet die Sprache im Bild, der Traum sodann damit im äußeren Text selbst, reiht dort Bild-Zeichen an Bild-Zeichen nur wie in einem Film und gibt sinnlos Sprachliches dazu oder endet in einem Bild, das an sich ist, also Haluzination und hingewundert. Umgekehrt und ergänzend dazu läuft das im dritten Teil des 17. Kapitels beschriebene Geräusch-Gegenwunder. Dabei wird das sogenannte normale Denken über Klang und Bild hin wieder zu geordneter Sprache geführt. Sind nun beide Körper, der des ordenlichen Denkens/Sprechens und der des Wahns und Traums, also der eher sprachliche, Schrebers wahnsinnig weiblicher und tendeziell der einer Frau an sich gehörende und andererseits der bildliche, der Körper des Malers, der normalere der Normalerität, der sich bildhaft die Sprache sucht, in jedem normale Denken vorhanden oder sind es Flugkörper des Wahns? Sind bei Schreber die zwei Seiten des Denkens doppelt verdreht miteinander verbunden oder ist sein Wahn nur irgendeine Realität, eine von vielen. Ist nicht alles Denken real, das nicht den Körper vernichtet? Sind ein Wort-Sach-Maler und eine bildernde, wilde Schriftstellerin zusammen eine doppelt verschlungene Realität in eigener Dimension? Ein Wachtraum-Paar? Ein vollkommenes Wachtraum-Paar müsste allerdings die Realität wirklich überwinden können und soweit ich weiß, ist noch keiner und kein Paar von Körpern geflogen. War der angebliche Begleiter des fliegenden Zauberers eine Frau (eine Frage für Rätselhasser)? Flugmaschinen sind meiner Überzeugung nach tödlich, wenn der Körper nicht zur Maschine passt, oder wenn er allein ist, nur halb. Die Pupillendifferenz ist übrigens variabel beim Piloten. Aber, da er in der Trance allein ist, muss er sterben. Schreber ist im Blindflug wieder in der Anstalt gelandet und bei den Ärzten und ihren Heil-Kunst-Fehlern und mit seinem Gehirn am Ende bei ihren toten und leeren Vorstellungen. Übrigens: Schrebers Text ist vielleicht deutlicher als meiner.

Donnerstag, 17. Januar 2013

Denkwürdigkeiten


Noch ein Einstieg


Es gibt für die Interpretation der Denkwürdigkeiten brauchbare Richtungen: Schreber als Schreiber und Betrüger, geschickt und witzig, dann Schreber als Behandlungsopfer, vergiftet mit Drogen, betrogen, misshandelt mit Hirnschaden und falscher wahnhafter Selbstdeutung und nachfolgender Entschuldigung und schriftlicher Distanzierung, und Schreber mit Körper-Gefühl und Umbrüchen des vom Körper wahrgenommenen Realen in ihm zunächst nicht erklärbaren Zufällen, später Sinnestäuschungen und schließlich schriftlicher Korrektur des Realen bestimmt vom Körperlichen. Und dann gips noch eine unbrauchbare, die Interpretation des Schwachsinns durch Leser, die nur bunte Bilder sehen, die über-deutenden, die die Schreibarbeit dann rückgängig machen möchten und das weggeschriebene Reale, die Inhalte, die Schreber als fremde im Wahn begegnen, ihm wieder zuschreiben: der Autor wird mit diesem Leser zum kleinen Selbst und Subjekt in einer sinnlosen Ich-Welt auf der Suche nach Sinn: ziemlich dürftig ist das Ergebnis dieser Interpretation, Bildung durch bunte Bilder, Sinn als Label dazu.

Ich bleib mal einfach bei Schreber, beim Schreibprozess, beim Geschriebenen und Beschriebenen, dem Buch, den Nachträgen dazu, den Gutachten, der Stellungnahme Schrebers im Berufungsprozess, dem Urteil des Berufungsrichters. Die Welt ist Schreber verloren und begegnet ihm neu als zufällig wieder sinnvoll mit Sinnes- und Sinntäuschung. Schreiben an sich ist ja nicht angreifbar, die Schrift ist unveränderlich da, ein System äußerer Zeichen, das von Vielen, für den Ort des Sinns und für richtig gehalten wird. Am geschriebenen kann man Schreber festmachen, das hat er selber ja auch gemacht: er hält sich mit dem Buch an Regeln und an der Welt fest, der Text ist inhaltlich problematisch aber nicht formal und grammatikalisch, er ist einwandfrei lesbar: Das Buch hat einen Autor und zum Wahn kommt wieder das Subjekt. Schreber war vielleicht auch vergiftet durch Medikamente. Hätte er das selbst geglaubt, hätte er kein Buch geschrieben, er hätte sich ja in anderen Büchern und Krankengeschichten nachlesen können. Es gäbe dann heute keinen Autor Schreber mit Rätsel-Wahn und Wahnsinns-Rätseln und kein Mensch wüsste, dass Flechsig winzig klein war (und wahrscheinlich das Männlein des Flechsig auch).

Wir müssen nun mit ihm, dem Autor, die 'hingewunderten' Kleinigkeiten in den Zufällen und Sinn- und Sinnestäuschungen mit dem Wahn und seiner Auflösung in Verbindung bringen. Das ist uns wieder gerne nicht leicht. Die seltsamen Zufälle und der Sinnes-/Sinnentrug gehören zum schriftlichen Aufarbeiten des Wahns. Das Schriftsystem ist wie alle anderen äußerlichen Zeichensysteme nur von innen her angreifbar, Schreiben durch Verfremdung des Zeichensinns und durch eine dies quittierende schmerzhafte Schreibarbeit. Schreber ist es gelungen, sich schreibend vom Wahn und der Anstalt zu befreien. In der Berufungsschrift schreibt Schreber: 'dem schriftliche Gedankenausdruck gegenüber erweisen sich alle Wunder machtlos' (S. 353 Text Gutenberg als epub). Es ist noch mehr als das. Auch das schreibt er in der Schrift, die zur Aufhebung der Entmündigung gehört. Mehrere Prozesse laufen da ab: im Buch, vor Gericht, in seinem ganzen Außen und Inneren. Denn das Sein ist ihm für immer fraglich geworden und der Sinn sinnlich. Er hat der Welt seinen seligen Wollust-Körper untergeschoben. Er hat alle Zeichen den Sinnen und dem Gefühl unterstellt, die Grammatik beibehalten, jedoch mit verändertem Satzbau, den Satz umgedreht, Objekt gewundert nach vorn und wunderndes Subjekt dahinter. Das gibt einen bleibenden Rausch der Sinne. Das Wiedereinsetzen des Sprachsinns, empfunden als von außen kommend, verändert also nachträglich und dauerhaft die Welt der Zeichen der Schrift (und anderer objektiv greifbarer Zeichensystem der Gesellschaft) und er deutet sich ihre scheinbare Hilfe oder Störung oder halt Sinn, scheinbar oder nicht, als echtes Wunder. Die Zeichen sind ja echt und unverrückbar an sich durch den Verrückten. Sie sind die am Schluss des Heilungsprozesses noch verbleibenden Gottesbeweise, ein persönlicher eigensinniger Hampel-Gott in einer geschriebenen Welt, Traumwelt. Es bleiben am Schluss als Reste des Wahns also noch geringe Körper- oder eher Nervenschäden und die der Vernunft sich noch ergebenden nachträglich als sinnvoll erscheinenden zufälligen Begebenheiten, die nichts sind, als ein langsames Hinheben des Sprechens an die vom Subjekt unabhängige Wirklichkeit der Zeichen der Schrift. Und können wir ihm über den Text hinaus folgen? Hammirschon.

Denkwürdigkeiten

Ist der Wahn echt?


Ist der Wahn echt? Die Frage ist doch berechtigt. Wahn ist nicht greifbar. Existiert sonst nur in den Unterlagen der Ärzte, in denen den Patienten jede Persönlichkeit, Ehre und Achtung und das Subjekt der eigenen Äußerungen abgesprochen wird. Viele Verrückte wären als Schreibende innerhalb und außerhalb unserer Anstalten von den Ärzten überhaupt nicht mehr zu unterscheiden. Sie wären Subjekte ihres Textes und unangreifbare Autoritäten. Wen sie dann wie die Ärzte von den Texten auch leben dürften, dann wären sie wieder voll in den alltäglichen Wahn integriert. Und die Ärzte müssen sich andernorts eine Scheinwelt schaffen. Am besten in der Show-Branche, dorthin können sie ihre Arroganz und Menschenverachtung mitnehmen. Bei Schreber gibt es viel Platz zum spekulieren. Ist sein Wahn eine Konstruktion im Buch und im Text, reine Fiktion? Oder ist er eine Verarbeitung einer Art Wahn, ein beschriebener und geschriebener, also echter und zusätzlich mit Deutungen unterlegter? M. E. ist es ein geschriebener Wahn mit Autor, wie oben geschrieben, für den eine Unterscheidung von wahr und fingiert, von echt und erfunden, von Wahn und Deutung irrelevant ist. Er ist – gern leider – sehr vielschichtig. Alles ist ohne Zweifel auch erlebt, irgendwie, nichts ist wirklich erfunden. Ein bisschen ist das Buch Tatsachenbericht eines Internierten, viel versteckte Tatsachen gibt es, viel ist Wahn mit distanzierter Selbstdeutung und - manches ist als unfassbarer Rest ihm endlich verblieben, dem Dr. Schreber als Autor, Pensionär, Ehemann, Sohn, Vater und ihm als wieder freien Menschen. Manches war bewußt bei klarem Verstand Erlebtes und manches wahnhaft Entstelltes, geschrieben, beschrieben und auch mal ergänzt und phantasievoll erzählt. Bei nachträglichen Eigeninterpretationen und Sinnzugaben Schrebers fällt er oft als Autor heraus und entschuldigt sich dafür an diesen Stellen. Dann wird ihm selbst das Durcheinander zu groß oder er behauptet zum Schutz seiner Person und seiner Autorität, die er sich als echt Wahnsinniger zum Schein und als vielleicht scheinbar Wahnsinniger echt gibt, dass er etwas selbst nicht versteht, was der Leser dann gefälligst zu vermerken hat als Willen zur Lüge, aber auch nicht zu deutlich sehen soll und was vielleicht für die Eingeweihten auch ein Hinweis auf eine (schmutzige) Wahrheit gewesen sein könnte. Die Echtheit des Wahns ergibt sich auch aus den Gutachten für das Gericht (das ihm die Mündigkeit wiedergeben sollte), selbst wenn uns die Gutachter nur sehr wenig Eigenes vortragen. Man bezieht sich auf 's Buch und ergänzt dies mit wenigen Beobachtungen. Die Gutachter kennen nur das seltsame Verhalten des Menschen Schreber, nicht die Wahn-Inhalte wirklich, bzw. diese als Vermutung ja nur aus dem Buch. Aber sein Verhalten in beiläufiger Beobachtung scheint zu einem Teil dieser Schilderungen Schrebers im Buch gut gepasst zu haben. Der Wahn im Kern war wahrscheinlich so grau-trist wie die Anstalten im Kern mit Personal es waren. Schreber hat die Gutachter darauf - auf ihr Desinteresse und Unwissen - hingewiesen. Für Schrebers Wahn gibt es aber auch andere Zeugen. Sein Brüllen war echt, ist aber erst nach 5 oder 6 Jahren 'Behandlung' aufgetreten (zur Verdeutlichung für die Ärzte: es war nicht sein Brüllen, ihr Rindviecher - ich hab schon was dazu geschrieben). Für die Phantasien gibt es natürlich keine Zeugen. Manchmal wird der Wahn von ihm erweitert und schriftstellerisch weitergesponnen - der Autor war nach eigenem Bekunden außergewöhnlich gebildet und klug, viel-wissend, belesen -, es ist sein Wahn, das ist legitim und verfälscht ihn nicht. Er durfte den Wahn ausmalen zur Verdeutlichung oder Verstellung. Es ist ein Wahnen und Wähnen, es ist Bewusstes und Unbewusstes. Seine Deutungen verändern den Wahn für uns ja nicht. Das Buch bleibt wertvoll ehrlich. Text ist doch Text. Schreber hat sich selbst deutend aus dem Wahn gewunden, der vielleicht nur ein künstlich herbeigeführter Körperschaden war. Die vorbestehende Depression und das weite Begehren würde ich nicht als Wahn bezeichnen. Der 'Wahn in der Anstalt' hat Schrebers Realität und vor allem seine Sinneswahrnehmung bleibend verändert. Er hat Ansehen und Stellung verloren und sich zusätzlich zu den Depressionen und weiten Wünschen neue Körpersymptome eingehandelt, die er nie wollte. Die beste Interpretation des Buchs findet sich in den Erweiterungen/Ausführungen Schrebers zur Begründung der Berufung, in denen er ganz ausdrücklich sich und die Wirklichkeit der Andern vom Schreiben und aus dem Text zurücknimmt und er ganz Jurist ist und Allen seinen Realitäts-Sinn und auch die Reste des ursprünglichen Wahns als aufgearbeitete nochmal schildert und sie erneut, vereinfacht aber, abarbeitet. Sein Wahn ist ein zum Schluss dann beschriebener, er ist in Resten vorhanden, deutlich getrennt vom geschriebenen des Buchs an sich, Schreber ist schließlich und endlich dort vor Gericht ja dabei, als Autor aus dem Buch und als Mensch aus der Anstalt auszutreten. Er ist raus. Im 4. Kapitel werden Entwicklungen ab Oktober 1893 bis Mitte Juni 1894 und etwas darüberhinaus geschildert. Ein großer Teil des Buchs handelt wohl von wichtigen Veränderungen aus der Zeit. Er steigt aus aus dem Realen, bzw. wird mit Gewalt herausgetreten. Noch ist er drin: beim Spiel mit den Namen 'Daniel' und 'Abraham' scheint es um eine Auseinandersetzung Schreber – Flechsig gegangen zu sein. In Daniel (Daniel Fürchtegott Flechsig - langsam zu lesen! Ist eine Aufforderung: in die 'Grundsprache' von uns übersetzt: fürchte den gottverdammten sch... Flechsig) steckt Schreber selber und Abraham war der gottesfürchtige Schlachter (Abraham Fürchtegott Flechsig – Abraham, wie der in dem anderen großen Buch für Wahnsinnge). Abra-Kadabra-Ham. Nachdem sich Flechsig spaltet in zwei verschiedene (zwei und verschieden, hingeschieden, vergangen und tot) und nicht Schreber (ist zweimal als Daniel da und Daniel blieb Daniel, also ehrlich), war Flechsig wohl in vielfacher Hinsicht ein Übeltäter, der Übeltäter in der Geschichte. Er spaltet sich heißt: er ist ein Betrüger und - eben unehrlich. Schreber hat sich nur verdoppelt. Er wurde Autor und Schatten, Opfer. Schreber blieb aber Schreber, also ehrlich, auch als 'Markgraf von Tuszien und Tasmanien' (geflügeltes Wort? Heißt wohl Dichter, die beiden Orte umfassen die Welt): hier erzählt also noch ein Autor die Geschichte eines Missbrauchs und ist schon im Aufbruch zu neuen Kapiteln. Dazu gibt es auch noch eine ganz dichte Stelle um den Begriff der 'Mondscheinseligkeit' herum. Da ist die Rede von: Altweibersommer, zuflattern, mattere und vollkräftigere, kleines Rindvieh (Schreber in der neuen Anstalt, im Pferch und eventuell Flechsig, der wohl wirklich klein war), Vollkräftigkeit (Schwangerschaft), Führer zweier Sonnen (hier: zwei Frauen) und der Hinweis darauf, dass sich ein v. W. an dem Spiel nicht beteiligen wollte. Der 'kleine Flechsig' war wohl wirklich und nicht nur geistig ein Zwerg. Schreber hat es ihm nachgebrüllt aus dem Fenster der Anstalt. Wenn es um solche Geschichten geht, ist immer der Autor auch wirklich Autor seines Buches und Textes. Echte Geschichten sind hier angedeutet. Dies nur als Beispiel und - vielleicht doch wilde Spekulation? Die Elemente lassen sich aber natürlich auch in reinen Wahn verwandeln: dann wär mein Umgang damit und das Begriffsspiel der Analyse dazu: Deck-Erinnerung von Fehlgeburten (Schrebers Frau) und einer eigenen Scheinschwangerschaft Schrebers mit Einbildung eines weiblichen Körpers (wegen des Kinderwunsches). Was für ein schwacher Gedanke der Psycho-Lyse. In das Spiel des Wahns wäre er damit schon selbst eingetreten gewesen als wirklich Kranker, als er 'krank' aus der Pierson'schen Anstalt auf alles zurückblickte, wie er es später schrieb. In jener Anstalt hat er erstmals sein Werden als Opfer der Behandlung reflektiert und entstellt aus realer Angst. Er war allein und seine Vergewaltiger hatten starke, blöde und grobe Verbündete. Ich denke, dass sein Wahn echt wahr, jedoch nicht seiner. Er ist ihm angetan worden und wurde echt für den Glauben der Ärzte. Ein späterer Dichter Schreber hat m. E. über die Entwicklung eines Wahns berichtet, der ihn durch die physische Gewalt der Flechsig-Methode erst nur lähmte und stumm machte und in der Gift- und 'Teufelsküche' der Pierson'schen Anstalt vollendet wurde. Wahrscheinlich und wirklich ist er in der Zeit der Internierung erst richtig nervenkrank geworden durch die Behandlungsfehler des Schein-Therapeuten Flechsig und die 'Goldtropfen' der Pierson'schen Behandler. So zwischen März und Juni/Juli 1894 hat sich Schreber ja auch selbst auf die Bühne begeben und nach meiner Vorstellung sein Ich, seine Autorität abgegeben und verwandelt in die strahlenden Schein-Gottheiten Ariman und Ormuzd (übrigens sind diese mythische Figuren Strahlenwirkung, angebliche, als hätt er noch nie von ihnen gehört). Das waren sozusagen die Handpuppen Schrebers auf der Bühne der Wahnwelt, er als Rest-Selbst und künftiger Autor tritt mit Ihnen auf. Die Namen hat er ohne Zweifel später absichtlich gewählt („ … vermag ich weiter nichts … „ soll ihn vor der Offensichtlichkeit und Deutlichkeit des Schwindels bewahren und ist die Unwissenheit gespielt und nicht Ergebnis einer 'Verdrängung' - er wusste halt, woher die Gottheiten waren). Aber auch wenn er nachträglich deutet und sich mit der Namensgebung vom Wahn zu distanzieren sucht, ab jetzt ist er mitgenommen. Im Geiste geschwächt begibt er sich auf das Niveau seiner 'Heiler' und ersetzt sie durch einen gespaltenen Gott, Lügen über Lügen, hier wird daraus Wahrheit. Hierher gehört auch, dass sich der einst gedoppelte Schreber nun einfach verflüchtigt. Das ist das Eingeständnis des Wahns und verzweifelten Verloren-Seins. Die Realität ist weg. Die Frau ist weg, sie ist wirklich flatterhaft. Die Freiheit ist weg. Bald ist Dr. Schreber nicht mehr, er ist seelisch entmannt, eingesperrt und entmündigt (formal von der Ehefrau als Vormund), diesbezüglich nun ohne gesellschaftliches Ansehen, ohne Willen und eventuell erst mal ohne Wissen und ohne Hoffnung. Die Vorgeschichte im Buch ist weniger Wahn und ist also eher Erlebtem zuzuordnen (das dritte Kapitel wäre wichtig gewesen für die Deutung). Mit dem Wechsel in die Pierson'sche Anstalt sind die physischen Veränderungen soweit fortgeschritten, dass der 'Wahn' ab da irgendwie echt ist. Vom 'echten Wahn' also von den Folgen der Prügel und Vergiftung musste sich Schreber dann mal erholen, ganz langsam in Pirna (Schloss Sonnenstein - mehr bekannt vielleicht durch die Nazi-Morde an Kindern dort). Auf Schloss Sonnenstein wurde er erst mal 2 1/2 Jahre vernachlässigt wie ein blödes Tier, was ihm anscheinend dann gut getan hat. Endlich war Ruhe vor den irren Ärzten.

Nachtrag: zur Begründung meiner ersten Deutung der Mondscheinseeligkeit oben scheint mir wichtig eine Stelle in den späteren Nachträgen Schrebers zum Buch. Dort geht es um das erstmalige Erscheinen flatterhafter Seelen in Zusammenhang mit der entstandenen Weltordnungswidrigkeit. Schreber weist kurz vorher im selben Absatz darauf hin, dass Mittelinstanzen zum Schluss des Buchs und Wahns geschwunden sind zu Resten und sie gedankenlos geworden sind. Die noch verbliebenen Mittelinstanzen sind nur Reste der 'geprüften', also unreinen Seele Flechsigs und 'Reste der Vorhöfe des Himmels'. Gedankenlos deutet er als vergessen. Gedankenlos heißt für uns aber auch flatterhaft. Deutung: Schreber zeigt sich angeblich großzügig, vergisst und verzeiht zum Schein, während er alles nochmal deutlich beschreibt. Zweck der Nachträge ist Entschärfung und Verdeutlichung. Ich vermute, dass die erwähnte derbe Grundsprache der Vögel auch seine Frau charakterisiert. Ich kann 's nur lückenhaft als lückenhaft deuten. Es bleibt vage.



Nachtrag: Zusammenfassung des Werdens eines Wahns: Gewalt wurde in der ersten Anstalt angewendet (irgendwie war das verquickt mit Persönlichem), in der 'Teufelsküche' erhielt Schreber wohl ausreichend Morphium (Goldtropfen), komplett ruiniert kam er nach Pirna. Dort wurde er zwei Jahre lang gar nicht behandelt, als nicht therapierbar. Flechsig war ein Sadist. Je nun, klein war er dazu, hier war also mal wieder einer der 'großen' paranoiden Schöpfer am Werk.