Die Not und ihr seliger Sinn
Wahn * Sinn
Texte
täuschen, bleiben nicht Text, werden zu Flucht-Helfern, wenn man die
Wirklichkeit so in den Text einflicht, dass alles, Text und Welt zu
Illusion, Traum und geschriebenem Text wird. Und der Autor fliegt
auseinander in einen Dichter der sinnreichen Sprüche und einen
Narren und Betrüger. Zwei
sehn sich durch Glas, nicht im Spiegel. Schreber hat seinen Glauben nie fallen, seinen
Anhalt der Männlichkeit, Berechnung und Gefühlskälte nie sein
lassen. Er hat gelogen. Wahrscheinlich. Nur im Buch und schriftlich
für das Berufungs-Gericht hat er immer das Gegenteil behauptet.
Keinem trage er mehr etwas nach. Ja, keinem und jemals. Angeblich.
Sagt die Wunsch- und Triebanalyse nicht gegensinnig, dass
über-triebene Verneinung versagt und bejaht? Er war ein Lügner.
Vielleicht. Er war ein Dichter: er hat nicht sich als Opfer der
Behandlung und Misshandlung den Behandlern zuliebe eine dämliche
nachträgliche leidensbejahende entwürdigende Selbstdarstellung
zugelegt und diese sich und den Ärzten zur Beruhigung und
Befriedigung untergeschoben, sondern fremde Einwirkungen als solche
fremde gesondert beschrieben und von sich gewiesen, sich Autorität
bewiesen, sich den Wahn schreibend angeeignet, sich des Wahnsinns
bemächtigt, den Körper mythischen und Traum-Bildern, einem Sprechen
ohne Ende und Sinn und die Welt der Sinne wundertätiger Zeichnung
überlassen. Er hat sich aus sich heraus gewundert (und fort ins
Märchenland der Sinne, auf die glückseligen Inseln). Er war Dichter
und hat einen Narren neben sich gestellt (wie andere Dichter auch).
Er war hintersinnig und boshaft, gebildet und verlogen (wie alle
Dichter). Seine Analyse der Welt der Anstalt im Buch ist ein von
seinem Körper ausgehender Zusammenschluss von Zeichen, Bildern und
Sprache. Der scheinbare Rest-Wahn verschließt ihn uns nicht, der ist
nur sein Zugang zum Realen, sein Loch zu den Zeichen, die Öffnung in
der Mauer, seine Autorität, seine Schamhaftigkeit, Verlegenheit,
sein Buch im Verlag. Für uns ist der Rest seine Erlösung. Die
Erlösung ist die der andern, eine eigene gibt es nicht. Es gibt
keine sichere Deutung.
Seelen * Reste
Als
Autor, der sich verramschen durfte, ist er also leider wieder
geprüfte Seele geworden, natürlich ein wenig gescheiter(t), gern
ratlos, noch lieber wieder stumm. Draußen vor der Tür war er nicht
wieder Mann – er war entehrt, beschnitten, ein geschlechtsloses
Tier, eigentlich nett, nur manchmal brüllend vor Wut. Er hat die
erste Mauer durchbrochen und ist bei uns vor der nächsten stehen
geblieben: raus aus dem Sollen, rein in ein neues Wollen: mit einem
Rest des Wahns, als Rest eines Bürgers im Recht, mit dem Rest eines
ehrenhaften Seins, Gehalt/Staatspension, Rest einer Ehe mit Frau
nebenbei, Rest einer Familie mit adoptierter Tochter, Rest eines
Heims mit Mutter darin, Rest von Bildung mit wahnhaftem Sinn, Traum
von Schriftstellerei, Rest von Religion mit eigener Offenbarung (wie
alle dichtenden Leuchten sie haben). Wieviel Halt als letzten Rest braucht der
letzte Mann noch? Viel weniger in Wirklichkeit als uns die Gläubiger des
Sinns, die modernen Sklavenhalter, Herrn der Unterhaltungsmittel
glauben machen wollen? Er war nah dran am Größenwahn, hat dann aber
irgendwie allen vergeben, verziehen. Wie nett. Hat alle sein lassen.
- Hat natürlich e i n e n vergessen, sich selbst. Auch sich hätte
er sein lassen müssen, gehen lassen sollen, gegen Alltag und Zweck
und Rest-Autorität. Das Schwerste beim allgemeinen Schuldenerlass,
ist immer wieder das große Gewicht des eigenen kleinen Vermögens.
Jeder erzählt sich doch zuletzt immer wieder neu im Text ohne Sinn, ohne Grund, ohne
Welt, ohne Leben und richtige Deutung und ohne echten Wahn. Adieu
Therapeuten, Dichter und Deuter, Schreiber und Schreber. Seid alle nur Lügner. Ihr hättet
euch selber deuten sollen, euch sehen, euch ahnen, den Schatten
erkennen im Zeichenblock, ihm heraushelfen aus dem blöden Text-Stück
des Sinns.
Mann * Frau
Wir
alle brauchen nun nur mehr eine Handvoll 'vielleichts'. Vielleicht
war also alles gelogen. Vielleicht ist alles Deuten ziemlich
ungewiss. Und Schreber hat alle und noch sich selbst dann betrogen.
Wir sind so ratlos mit ihm und so wie er unordentlich. Sein Brüllen
war wohl die unterdrückte Wahrheit. Boshafte verlogene Arroganz
straft sich mit einem Brüll-Zwang. Vielleicht. Vielleicht hat er
seinen Hass bewusst - oder nicht - umgebogen, seine Frau also
bewogen, sich ihm wieder zuzuwenden, sich ihm fast restlos zu fügen,
statt ihn zu betrügen, ihm allein nur mehr sich zu geben mit
ihm in einem Buch voller kleiner Lügen zu leben. Das also ist die
Jeder-Macht des Willens, das Wollen der Lüge. Die Frau in ihm und an
sich, Schrebers weibliche Seite (Gefühl, Körper, allgemeine
menschliche Beziehungsfähigkeit – und und und ... wie die dummen
Phrasen alle heißen), die sich ihm angeblich doch irgendwie stets
gerne aufgedrängt hat, die an ihm hängen durfte, wie sein
Schatten und die er sich nahm als zweite Haut, Verkleidung und Kleid,
also heimlich und harmlos und doch schamlos jedem mitgeteilt, hat
seine Frau nicht richtig erkannt, gedeutet, sondern von ihm Sein mit Sinn damit auch nur als Text erhalten, den scheinbar freundlichen Geist, den Irrtum unverbindlich für einen dämlichen Glauben, eine Illusion, ein Spiel
mit Figuren, von denen sie ohne ihr Wissen eine sein durfte, um sich
dann mit ihm in seiner und ihrer Scheinseligkeit zusammenführen zu
lassen. Willst du, Weib, sein Traum sein, sein Lachen und mit
ihm nie mehr erwachen? Zumindest doch kurz und ein bisschen für 's Album.
Tatsächlich hat sie nach fünf Jahren der Schlag getroffen. War
sie seine Freiheit und Insel und Vorhof himmlichen Glücks? Da ist sie doch noch erwacht. War sie
trivial-literarisch glücks-besoffen bis zuletzt? Auch er ist dann
wieder erwacht - in der Anstalt. Sie hätte fliehen müssen, er sein
dummes Werk sein lassen.
Verführer * Hure
Um
sich hat Schreber zurück in der Freiheit des alltäglichen Seins
gegen eine ich- und neid- und intrigen- und sinn-bestimmte feindliche
Welt eine neue Mauer, einen Verband von Frauen zum Schutz für sich um sich gebildet: ein Rest-Wall blöden Sinns: Mutter war da, Frau und
Tochter, um den Rückfall zu bannen sowohl den in den Wahn als auch
den in die unbequemen ganz 'weltordnungsgemäßen' männlichen
Verhältnisse. Schrebers Rückfall und Rückkehr in die Anstalt folgt
dem Zusammenbruch dieses Schutzwalls. Ab, ab ins Niemals-Land. Keine
gelebte Utopie war das also für den Staatspensionär, keine
Evolution heraus aus dem Sinn. Eine weitere Falle nur, eine Flucht,
die nicht lange gedauert, eine Rettung und Hilfe, die nicht wirklich
funktioniert hat. Die Frau hat ihm also über das Buch hinaus, den
Text so ergänzt, dass er zum Flucht- und Flug-Gerät werden konnte? Nö. Schreber ist nur zum lieben und passiven Traum-Mann und der allen
eingebildete Verführer geworden? In einer Welt, in der sonst Männer
zu Huren gehen und sich Frauen im Gegen-Zug einen Verführer nehmen? Der Verführer ist nur das Pendent zur Hure im gleichen dummen System.
Männer kaufen was Frauen sich einfach suchen? War
Schreber ein Verführer? Nicht nur ein Gedanken-Verführer, sondern
ein Püppchen für 's Leibchen den Frauchen? Wer war dieses 'andere Herz' in
der Leipziger Universitäts-Nevenklinik? Was macht dann die
Hinterlist dieses Dreckstücks von Verführer-und-Hure? Ver-Dichtung als Lügen-Rest von
Sinn (Papadopolis? Zarathustra? Sinnbildlich auch ihre Autoren? Schreber war Autor in der erfundenen Figur seines Spiegel-Selbst). Alle Dichter glauben so gern an die eigene Verwandlung: sind immer Kröten, vermeintlich verwunschene Prinzen, die gerne Prinzessinnen wären. So was wird nicht geküsst!
Sinn * Not
Ist
Schreber den Deutern und Therapeuten und sonstigen Denkern des Sinns nicht vor-bildlich? Schreber hat
im Buch die Zeichensysteme auf- und angegriffen. Das ist eine
Flucht-Maschine, die allen Schwindel mit auffliegen lässt,
im Schwindel einen hoch mit auffliegen lässt. Was ist, wenn es keinen Unterschied zwischen äußeren und inneren Texten gibt? Schreber
zum Verführer und zur Hure, wirklich ein Dichter und Lügner
geworden ist, großen Sinn in der Not gefunden hat, sein Sinn-Loch in der Anstalt? Er hat seinen Wahn behalten, nicht nur heimlich, nicht zu werten, deuten. Er hat sich im Berufungsverfahren doch so
deutlich dazu geäußert, sich dazu bekannt. Wahnsinn und Schrift, Buch wurden schließlich Berufung, der neue Beruf. Schreber war nicht restlos
(selbst-)therapierbar, seine wahre Geliebte hat er mit aus der
Anstalt befreit: die Wahrheit, dass er für seine Gefühle einen Teil
des Verstand, des Körpers und Sprechens, der Zeichen, des Sinns im
Kerker gelassen hat. Er hat dort ein
Not-Verhaftetes und einen Sinn-Schatz sein lassen. Er hat über den äußeren
Gegensatz des Wertvollen (unerreichbarer Schatz, Mehrwert des
Begehrens) und des Unrats (des Unnötigen, Hässlichen und
Schmutzig-Alltäglichen der Arbeit und der Begierde) seinen inneren
heimlichen Gegensatz des Wertlosen (oberflächlich flatterhaften und
Tand-behafteten des weiblich wollüstigen Wünschens) und des
Notverhafteten (die Realität der Zeichensysteme und ihre Wahrheit) als mühsamen Sinn-Schatz gelegt. Er hat das 'Luder' des Realen
zurückgelassen, den homo ludens befreit? Ist Bewusstsein dazu
erforderlich, möglich? Der heimliche Gegensatz ist einer des
reinen Erkennens: das Leichengift bleibt drin und verborgen und die
Oberflächlichkeit darf raus. Der Körper bleibt drin und sein
Schatten ist frei. Das ist schwer zu glauben, schreiben, beschreiben,
weil in Text wieder Text, das Reale als Zeichenwelt ins Imaginäre gezogen oder die Bilder über die Wirklichkeit gestülpt werden müssen.
Dazu kommt die gern unbegreifliche Grundsprache der
hingewunderten Wesen. Der Sinn kommt dauernd zurück. Die Begriffe der Grundsprache bezeichnen das
Reale und das Sinn-Begehren darin, das zur recht männlichen
Welt gehört (im Buch ist die Grundsprache nach Schrebers Erklärung die der sogenannten großmächtigen Kulturvölker). Grundsprachlich ist Schreber dann auch nicht geheilt, sondern 'verflucht' (ergänze, richtig gerückt: geschickt) und (ergänze verrückt hier: gerne) 'gefickt'. Schreber ist nicht 'geheilt', sondern seine
Welt ist echt und ziemlich gut geworden, große Wunde mit Text-Pflaster, die Welt außerhalb und
die innerhalb der Anstalt, seine innere Welt draußen und der
weg geschobene reale Zwang drin, und sein Buch dazu sollte ein Schlüssel sein, der sperrt: auf, aus und wieder ein. Für
sich Freiheit und für uns Bauanleitung? Nö. Den Rest von Geist darf er behalten. Flieht der Geist, schließt sich der Kreis, Gerades wird krumm im Nu. 'Ei verflucht, was ist
das für ein Gott, der sich ficken lässt' schreien die Vögel und
meinen Schreber, schreien bis heute auch wahnsinnig verärgerte Deuter: soll wohl heißen: so
viel Unsinn, so viel sinnlichen Leib und Weib für nur einen Mann, für einen Irren, Perversen, so viele Leserinnen vielleicht für einen Schreiber (Leser gibt 's eh nicht - wer immer auch liest, ist ein Weib). Soll sich einfach jeder nur selber lesen und deuten, der schreibt. Soll doch jeder für sich deuten.