Mittwoch, 27. März 2013

Denkwürdigkeiten

Die Not und ihr seliger Sinn

Wahn * Sinn
Texte täuschen, bleiben nicht Text, werden zu Flucht-Helfern, wenn man die Wirklichkeit so in den Text einflicht, dass alles, Text und Welt zu Illusion, Traum und geschriebenem Text wird. Und der Autor fliegt auseinander in einen Dichter der sinnreichen Sprüche und einen Narren und Betrüger. Zwei sehn sich durch Glas, nicht im Spiegel. Schreber hat seinen Glauben nie fallen, seinen Anhalt der Männlichkeit, Berechnung und Gefühlskälte nie sein lassen. Er hat gelogen. Wahrscheinlich. Nur im Buch und schriftlich für das Berufungs-Gericht hat er immer das Gegenteil behauptet. Keinem trage er mehr etwas nach. Ja, keinem und jemals. Angeblich. Sagt die Wunsch- und Triebanalyse nicht gegensinnig, dass über-triebene Verneinung versagt und bejaht? Er war ein Lügner. Vielleicht. Er war ein Dichter: er hat nicht sich als Opfer der Behandlung und Misshandlung den Behandlern zuliebe eine dämliche nachträgliche leidensbejahende entwürdigende Selbstdarstellung zugelegt und diese sich und den Ärzten zur Beruhigung und Befriedigung untergeschoben, sondern fremde Einwirkungen als solche fremde gesondert beschrieben und von sich gewiesen, sich Autorität bewiesen, sich den Wahn schreibend angeeignet, sich des Wahnsinns bemächtigt, den Körper mythischen und Traum-Bildern, einem Sprechen ohne Ende und Sinn und die Welt der Sinne wundertätiger Zeichnung überlassen. Er hat sich aus sich heraus gewundert (und fort ins Märchenland der Sinne, auf die glückseligen Inseln). Er war Dichter und hat einen Narren neben sich gestellt (wie andere Dichter auch). Er war hintersinnig und boshaft, gebildet und verlogen (wie alle Dichter). Seine Analyse der Welt der Anstalt im Buch ist ein von seinem Körper ausgehender Zusammenschluss von Zeichen, Bildern und Sprache. Der scheinbare Rest-Wahn verschließt ihn uns nicht, der ist nur sein Zugang zum Realen, sein Loch zu den Zeichen, die Öffnung in der Mauer, seine Autorität, seine Schamhaftigkeit, Verlegenheit, sein Buch im Verlag. Für uns ist der Rest seine Erlösung. Die Erlösung ist die der andern, eine eigene gibt es nicht. Es gibt keine sichere Deutung.

Seelen * Reste
Als Autor, der sich verramschen durfte, ist er also leider wieder geprüfte Seele geworden, natürlich ein wenig gescheiter(t), gern ratlos, noch lieber wieder stumm. Draußen vor der Tür war er nicht wieder Mann – er war entehrt, beschnitten, ein geschlechtsloses Tier, eigentlich nett, nur manchmal brüllend vor Wut. Er hat die erste Mauer durchbrochen und ist bei uns vor der nächsten stehen geblieben: raus aus dem Sollen, rein in ein neues Wollen: mit einem Rest des Wahns, als Rest eines Bürgers im Recht, mit dem Rest eines ehrenhaften Seins, Gehalt/Staatspension, Rest einer Ehe mit Frau nebenbei, Rest einer Familie mit adoptierter Tochter, Rest eines Heims mit Mutter darin, Rest von Bildung mit wahnhaftem Sinn, Traum von Schriftstellerei, Rest von Religion mit eigener Offenbarung (wie alle dichtenden Leuchten sie haben). Wieviel Halt als letzten Rest braucht der letzte Mann noch? Viel weniger in Wirklichkeit als uns die Gläubiger des Sinns, die modernen Sklavenhalter, Herrn der Unterhaltungsmittel glauben machen wollen? Er war nah dran am Größenwahn, hat dann aber irgendwie allen vergeben, verziehen. Wie nett. Hat alle sein lassen. - Hat natürlich e i n e n vergessen, sich selbst. Auch sich hätte er sein lassen müssen, gehen lassen sollen, gegen Alltag und Zweck und Rest-Autorität. Das Schwerste beim allgemeinen Schuldenerlass, ist immer wieder das große Gewicht des eigenen kleinen Vermögens. Jeder erzählt sich doch zuletzt immer wieder neu im Text ohne Sinn, ohne Grund, ohne Welt, ohne Leben und richtige Deutung und ohne echten Wahn. Adieu Therapeuten, Dichter und Deuter, Schreiber und Schreber. Seid alle nur Lügner. Ihr hättet euch selber deuten sollen, euch sehen, euch ahnen, den Schatten erkennen im Zeichenblock, ihm heraushelfen aus dem blöden Text-Stück des Sinns.

Mann * Frau
Wir alle brauchen nun nur mehr eine Handvoll 'vielleichts'. Vielleicht war also alles gelogen. Vielleicht ist alles Deuten ziemlich ungewiss. Und Schreber hat alle und noch sich selbst dann betrogen. Wir sind so ratlos mit ihm und so wie er unordentlich. Sein Brüllen war wohl die unterdrückte Wahrheit. Boshafte verlogene Arroganz straft sich mit einem Brüll-Zwang. Vielleicht. Vielleicht hat er seinen Hass bewusst - oder nicht - umgebogen, seine Frau also bewogen, sich ihm wieder zuzuwenden, sich ihm fast restlos zu fügen, statt ihn zu betrügen, ihm allein nur mehr sich zu geben mit ihm in einem Buch voller kleiner Lügen zu leben. Das also ist die Jeder-Macht des Willens, das Wollen der Lüge. Die Frau in ihm und an sich, Schrebers weibliche Seite (Gefühl, Körper, allgemeine menschliche Beziehungsfähigkeit – und und und ... wie die dummen Phrasen alle heißen), die sich ihm angeblich doch irgendwie stets gerne aufgedrängt hat, die an ihm hängen durfte, wie sein Schatten und die er sich nahm als zweite Haut, Verkleidung und Kleid, also heimlich und harmlos und doch schamlos jedem mitgeteilt, hat seine Frau nicht richtig erkannt, gedeutet, sondern von ihm Sein mit Sinn damit auch nur als Text erhalten, den scheinbar freundlichen Geist, den Irrtum unverbindlich für einen dämlichen Glauben, eine Illusion, ein Spiel mit Figuren, von denen sie ohne ihr Wissen eine sein durfte, um sich dann mit ihm in seiner und ihrer Scheinseligkeit zusammenführen zu lassen. Willst du, Weib, sein Traum sein, sein Lachen und mit ihm nie mehr erwachen? Zumindest doch kurz und ein bisschen für 's Album. Tatsächlich hat sie nach fünf Jahren der Schlag getroffen. War sie seine Freiheit und Insel und Vorhof himmlichen Glücks? Da ist sie doch noch erwacht. War sie trivial-literarisch glücks-besoffen bis zuletzt? Auch er ist dann wieder erwacht - in der Anstalt. Sie hätte fliehen müssen, er sein dummes Werk sein lassen.

Verführer * Hure
Um sich hat Schreber zurück in der Freiheit des alltäglichen Seins gegen eine ich- und neid- und intrigen- und sinn-bestimmte feindliche Welt eine neue Mauer, einen Verband von Frauen zum Schutz für sich um sich gebildet: ein Rest-Wall blöden Sinns: Mutter war da, Frau und Tochter, um den Rückfall zu bannen sowohl den in den Wahn als auch den in die unbequemen ganz 'weltordnungsgemäßen' männlichen Verhältnisse. Schrebers Rückfall und Rückkehr in die Anstalt folgt dem Zusammenbruch dieses Schutzwalls. Ab, ab ins Niemals-Land. Keine gelebte Utopie war das also für den Staatspensionär, keine Evolution heraus aus dem Sinn. Eine weitere Falle nur, eine Flucht, die nicht lange gedauert, eine Rettung und Hilfe, die nicht wirklich funktioniert hat. Die Frau hat ihm also über das Buch hinaus, den Text so ergänzt, dass er zum Flucht- und Flug-Gerät werden konnte? Nö. Schreber ist nur zum lieben und passiven Traum-Mann und der allen eingebildete Verführer geworden? In einer Welt, in der sonst Männer zu Huren gehen und sich Frauen im Gegen-Zug einen Verführer nehmen? Der Verführer ist nur das Pendent zur Hure im gleichen dummen System. Männer kaufen was Frauen sich einfach suchen? War Schreber ein Verführer? Nicht nur ein Gedanken-Verführer, sondern ein Püppchen für 's Leibchen den Frauchen? Wer war dieses 'andere Herz' in der Leipziger Universitäts-Nevenklinik? Was macht dann die Hinterlist dieses Dreckstücks von Verführer-und-Hure? Ver-Dichtung als Lügen-Rest von Sinn (Papadopolis? Zarathustra? Sinnbildlich auch ihre Autoren? Schreber war Autor in der erfundenen Figur seines Spiegel-Selbst). Alle Dichter glauben so gern an die eigene Verwandlung: sind immer Kröten, vermeintlich verwunschene Prinzen, die gerne Prinzessinnen wären. So was wird nicht geküsst!

Sinn * Not
Ist Schreber den Deutern und Therapeuten und sonstigen Denkern des Sinns nicht vor-bildlich? Schreber hat im Buch die Zeichensysteme auf- und angegriffen. Das ist eine Flucht-Maschine, die allen Schwindel mit auffliegen lässt, im Schwindel einen hoch mit auffliegen lässt. Was ist, wenn es keinen Unterschied zwischen äußeren und inneren Texten gibt? Schreber zum Verführer und zur Hure, wirklich ein Dichter und Lügner geworden ist, großen Sinn in der Not gefunden hat, sein Sinn-Loch in der Anstalt? Er hat seinen Wahn behalten, nicht nur heimlich, nicht zu werten, deuten. Er hat sich im Berufungsverfahren doch so deutlich dazu geäußert, sich dazu bekannt. Wahnsinn und Schrift, Buch wurden schließlich Berufung, der neue Beruf. Schreber war nicht restlos (selbst-)therapierbar, seine wahre Geliebte hat er mit aus der Anstalt befreit: die Wahrheit, dass er für seine Gefühle einen Teil des Verstand, des Körpers und Sprechens, der Zeichen, des Sinns im Kerker gelassen hat. Er hat dort ein Not-Verhaftetes und einen Sinn-Schatz sein lassen. Er hat über den äußeren Gegensatz des Wertvollen (unerreichbarer Schatz, Mehrwert des Begehrens) und des Unrats (des Unnötigen, Hässlichen und Schmutzig-Alltäglichen der Arbeit und der Begierde) seinen inneren heimlichen Gegensatz des Wertlosen (oberflächlich flatterhaften und Tand-behafteten des weiblich wollüstigen Wünschens) und des Notverhafteten (die Realität der Zeichensysteme und ihre Wahrheit) als mühsamen Sinn-Schatz gelegt. Er hat das 'Luder' des Realen zurückgelassen, den homo ludens befreit? Ist Bewusstsein dazu erforderlich, möglich? Der heimliche Gegensatz ist einer des reinen Erkennens: das Leichengift bleibt drin und verborgen und die Oberflächlichkeit darf raus. Der Körper bleibt drin und sein Schatten ist frei. Das ist schwer zu glauben, schreiben, beschreiben, weil in Text wieder Text, das Reale als Zeichenwelt ins Imaginäre gezogen oder die Bilder über die Wirklichkeit gestülpt werden müssen. Dazu kommt die gern unbegreifliche Grundsprache der hingewunderten Wesen. Der Sinn kommt dauernd zurück. Die Begriffe der Grundsprache bezeichnen das Reale und das Sinn-Begehren darin, das zur recht männlichen Welt gehört (im Buch ist die Grundsprache nach Schrebers Erklärung die der sogenannten großmächtigen Kulturvölker). Grundsprachlich ist Schreber dann auch nicht geheilt, sondern 'verflucht' (ergänze, richtig gerückt: geschickt) und (ergänze verrückt hier: gerne) 'gefickt'. Schreber ist nicht 'geheilt', sondern seine Welt ist echt und ziemlich gut geworden, große Wunde mit Text-Pflaster, die Welt außerhalb und die innerhalb der Anstalt, seine innere Welt draußen und der weg geschobene reale Zwang drin, und sein Buch dazu sollte ein Schlüssel sein, der sperrt: auf, aus und wieder ein. Für sich Freiheit und für uns Bauanleitung? Nö. Den Rest von Geist darf er behalten. Flieht der Geist, schließt sich der Kreis, Gerades wird krumm im Nu. 'Ei verflucht, was ist das für ein Gott, der sich ficken lässt' schreien die Vögel und meinen Schreber, schreien bis heute auch wahnsinnig verärgerte Deuter: soll wohl heißen: so viel Unsinn, so viel sinnlichen Leib und Weib für nur einen Mann, für einen Irren, Perversen, so viele Leserinnen vielleicht für einen Schreiber (Leser gibt 's eh nicht - wer immer auch liest, ist ein Weib). Soll sich einfach jeder nur selber lesen und deuten, der schreibt. Soll doch jeder für sich deuten.