Freitag, 25. Januar 2013

Flugkörper der Frühgeschichte

Es gibt ganz alte bildliche Darstellungen von Flugkörperlichkeit.

Kann der Mensch einfach so fliegen als Mensch? Es scheint, je leichter er wird, je wenige beschwert von wirklich gewordenen Traumzeichen, Mythen, je mehr er den Körper und Geist löst von den Dingen um ihn, vernünftig ist, abstrakt-analytisch denkt, umso größer und schwerer wird die Welt insgesamt. Die Welt wächst mit Vernunft und Verstand ins Kleine und Große, dehnt sich aus und wird körnig. Wächst sie wirklich nach allen Seiten und in sich hinein? Wir bleiben doch ausgesperrt, körperlich. Die Welt wird Wünschen und Träumen entzogen. Wir sind relativ auf unseren Erdball beschränkt. Je größer und schwerer und dichter die Welt nun ist, im Großen wie Kleinen, und unbeschreiblich nah und weit, umso größer die Macht eines unbestimmten Glaubens an eine unbestimmte zweite Welt in und hinter der Welt: je wirklicher die Welt zum Schein, umso mächtiger wird die für sie und uns notwendige scheinbare Sinn-Stütze. Wir haben einen Sinn statt der Sinne, wir haben eine Wirklichkeit mit einem seltsamen Gott als Gespenst, Seins-Sinn und Seelen-Grund. Wir haben künstliches (gestohlenes) Gedanken-Licht und sind dafür blind für das Licht des Tags. Wir trauen den wirklichen Augen, wie unseren übrigen echten Körper-Sinnen, dem Sinnlichen nicht. Das ist also keine gute Zeit für un-sinnige Körper-Flugmaschinen. Doch Fliegen ist keine Kunst, Kunst ist Flug. Und die Flug-in-den-Urlaub-Maschinen bleiben bescheiden einfach und tote beschränkte Technik, so lange der Mensch nicht auch ohne sie sich erhebt und der Arbeit für immer entschwebt. Was macht einen Körper schwer und was leicht? Am Anfang waren Gewicht und Körper verteilt auf zwei. Körper war die Frau, Gewicht und Steinchen und Stöckchen als Zeichen darauf war der Mann. Sie Hülle, er Inhalt, Kern. Sondersinn neben den Sinnen. Ein vor-bildlicher Zustand war das. Lang vergangen und vergessen. Zeit der Schwere. Dann Zeitsprung. Bildung: die Schwere wird mit dem Körper in ein Bild gestellt. Steinbild. Steinzeit. Herausgegriffen: Venus von S., Venus von W. Wie stellen sie sich dar für den gebildeten Betrachter heute: als simpel dicke Frauen, deren Körperfülle Sinn männlicher simpler sexueller Bedürfnisse sein soll. Dicke Frauen also als Grund magerer Einsichten? Jetzt Anders gedacht. Zwei kleine 'Venusfiguren' aus Stein beinhalten beides: Frau mit (Mann als) Kern und Gewicht, Frau erstarrt zu Sinn, Sein und Stein. Die Figuren sind daher selbst Kern eines größeren Frauenkörpers und müssten eigentlich an irgendeiner Stelle auch selbst diesen Kern tragen, getragen haben. Die Venus von W. hätte das Loch dafür in der Nabelgegend. Ein natürliches Loch, erweitert noch. Sie hatte im Nabel-Loch vielleicht den Stein der Weisen, der schon immer nur ein toter Stein war und sein Ersatz-Stück. Buch-Stab. Aber die Öffnung ist mehr. Sie ist Mundraum. Die Zunge als Kern diesmal, herausgefallen, verlorengegangen, nicht mehr greifbar im Schutt der Geschichte, zum Vergessen verschluckt. Die Figur ist also auch ein Körper als Gesicht mit den Brüsten als Augen und dem Nabel als Mund und Armen als Brauen. Es ist ein symbolischer Körper. Unserer ist nicht mehr symbolisch und noch nicht Fleisch, er ist jedem nur gern behandlungsbedürftig und krank, arm und krank wie die Phantasie von der 'fetten Frau Venus'. Es sollte der, der an der Deutung eines Gesichtes im Bild des Körpers zweifelt, versuchen Lust und Begierde in Gesichtern von Menschen zu deuten und sie alle dann zeichnen, malen und in eine Maske zaubern: es kommt immer eine 'frühgeschichtliche Venus' raus bei oberflächlicher Betrachtung durch andere. Zur Deutung der Figur als Gesicht wird bei der Venus von W. der 'Kopf' möglicherweise zur Haartracht. M. E. war es männliche Haartracht, Haarknoten und seine Pracht.
Exkurs, sinnlich und sinnlos: welche Rolle spielt der Mundraum und die Zunge für Traum und Trance? Fragt einen Träumer, der wird sich euch deuten. Fragt einen Glaubens-Besessenen nach seinen Visionen, der wird euch wie sich auch belügen. Und dieser 'Kopf' der Figur ist auch unser eigener eigensinniger: es ist ein doppelhirniger mit viel Hintersinn und besteht aus zwei Hinterköpfen, der vordere ist männlich und der hintere (kann es denn anders sein) ist weiblich. Mann sieht ihn gern, wie man an der Figur sieht. Der hintere Teil des Kopfes ist mächtiger und er beugt die Figur nach vorn und das Rund zum Oval. Vielleicht. Das Gesicht ist ein innerer Spiegel, Gesicht an Gesicht, schon für den Säugling.
Die 'Venus' von W. hat also zum oberflächlich weiblichen Körper zwei Gesichter, ein wirklich wirkendes wie als Maske und ein symbolisches zweites verstecktes im Kopf, und ist damit stärker verschränkt als die 'Venus' von S. Beide Körperchen tragen m. E. auch noch auf sich zwei Gestalten, die Brüste sind auch Köpfe, Wange zu Wange in müder Umarmung. Verdichtet und verschachtelt sind die Körper. Die Figuren haben in meinen Augen auch nicht Beinstummel sondern - sofern die Füße nicht einfach durch den Abrieb der Zeit und Abriss verloren gegangen sind - Doppelbeine, wobei nur die Schnittmenge dargestellt wird: der Unterschenkel ist Unterschenkel der Frau und wohl Fuß des Mannes oder die Ober- und Unterschenkel von Zweien verbinden sich zueinander gedreht zu einem Kegel. Der vermeintliche Ausrutscher an einem der Oberschenkel formt vielleicht eine Ferse. Meine vage Deutung. Die 'Venus' von S. ist also Gesicht, Körper und Umarmung. Die 'Venus' vom W. hat zusätzlich noch dieses weitere Gesicht: das leere vor 'm Spiegel: das nicht vorhandene Gesicht des 'Kopfes' ist bei ihr das Gesicht der Figur an sich, und unser eigenes in der Deutung. Traumgesicht. Trance. Wenn die Venus von W. also eine Figur mit drei Köpfen ist, dann allerdings ist es keine Venus mehr, sondern ein Mythos, eine Geschichte, die erzählt wird. Zwei, Mann und Frau, sind ineinander geschlungen wie Bild und Wirklichkeit und liegen auf einer dritten ohne Gesicht, der Deutung (in Trance). Der Körper der dritten Person, die vielen allein sichtbar ist und dann immer 'Venus' oder 'dick-fette Frau' genannt wird, ist um die Mitte m. E. deshalb 'dick', weil zwei sich da umfassen. Ich seh mit ein wenig Mühe auch zwei Paar Arme. Ein Paar Arme sind dünn wie ein Strich und sondern von sich ein weiteres Paar als fehlende Masse des ersten und also als unförmigen Ring. Wenn manche Interpreten meinen, dass der Schöpfer des Kunstwerks uns seine 'Neigung' zum vollkräftig Weiblichen präsentieren wollte: dann hatte der Künstler und hat der Interpret wahrscheinlich auch eine Neigung für und zum elfenmäßigen Kleinwuchs einer Hosentaschen-Venus. Der rätselhafte Haarkopf der Figur ist uns ein Trance-Traum-Kopf. Er hat auch was von durchpflügter Erde dem Haarmuster nach. Weist hin auf Ackerbau (?). Der Form nach ist es vielleicht hochgesteckter simpler männlicher Knoten, dem Muster nach ein komplexes weibliches Geflecht, Haarflechterei? Geht die Deutung insgesamt zu weit? Die Venus ist kein modernes Kunstwerk! Es sind auch nicht Liebende, die sich umarmen auf dem Körper einer Urmutter. Es ist ein schlafender Körper, mit zwei verschlungenen Schlafenden und einem Ohngesicht und Traum-Trance-Kopf. Müde. Wenn die Venus von S. keinen Zusatz-Kopf hat, sondern einen Haken, war sie mehr Schmuck oder Zier zu einem Gebrauchsstück. Die Figürchen sind nicht prähistorisch, es sind Geschichtszeichen, also schon auch Zeichen der Macht und Begierde, aber auch schon wieder ihre positive Überwindung, ein komplexes Bild dafür, also die Aufhebung der Zeichen in Körperlichkeit.  Wenn die eine Figur wenigstens wesentlich auch ein Trance-Traum-Körper ist, verschränken sich auf ihr Wille und Wunsch. Es ist noch kein Körper-Sprach-Text als Leser-Fluggerät, es ist Bild, das das Innere verbirgt, bzw. in einem anderen hat, das auf einen anderen Körper verweist, einen sprechenden Menschen. Der Besitzer des Figürchens selbst war ein Flugkörper der Frühgeschichte, Seher, Wahrsager, Deuter und die Figur sein Bild und Beweis. Er war kein Blinder mit 'fetter Frau'. Er war im Besitz eines Trance-Körpers, der vielleicht auch seine viel-leichtere Frau war.

Zum Schreiben: erst muss der Körper der Begierde entwendet werden durch einen Text. Dann ist der Text zu zerlegen und neu zu bewerten, dem Körper zuzuführen. Wille und Wunsch müssen beieinander bleiben. Trance ist eigene Arbeit, nicht verteilbar auf Heiler und Opfer, ist mit Gebrauchsanleitung von vornherein falsch. Ein Hypnotiseur, ein Geisterseher und Türöffner führt immer auf den falschen Weg neuer Lügen und neuer Gewalt. Die Trance führt nirgendwohin, nicht zur Erkenntnis eines Inneren und nicht zu einem Sinn eines Äußeren. Sie führt nur zu den Sinnen. Die Texte müssen genommen, zerlegt und zerrissen werden. Das Subjekt muss sich fügen. Körper zum Denken bin ich.