Zeichnen und Dichten und Wahn vs.
Schreiben, Beschreiben, Erklären
Das Wunder des Realen und Schrebers Zeichnen im
Sinne der Seelensprache
Alle modernen Dichter haben nur bei
Schreber geklaut. Vergeblich, sie sind am Boden geblieben. Zu Kapitel
17: es geht um nicht weniger als um die Enstehung des Realen. Der
Körper des Realen entsteht aus den beiden Teilen des 'Zeichnens',
dem Bilden und poetischen Dichten, prozessualen und intuitiven
Schreiben, Verdichten und Malens, dem Übersetzen des Bildlichen ins
Verbale einerseits und dem beschreibenden Schreiben, dem Berichten,
dem zeichenbezogenen Reden, dem Nachplappern des Fremden
unvermitteltem Folgen des Äußeren, der Text-Reihung, der
Übersetzung von Text in Text andererseits. Schreber war beides in
seiner Körperlichkeit. Es geht um den Unterschied und die Verbindung
von: Schreiben mit geschlossenen Augen, Träumen, die wahr sein
dürfen, die ungeprüft durch die Sinne wörtlich werden dürfen zum
einen, zum andern mit Schreiben, das sich der Sinne bedient, die
Welt bespricht, sich der Welt auch fügt, es geht um ein Sprechen hin zu äußeren
Bilder und zurück vom Texten, von den Texten, die neben dem Körper
stehn. Schreber widmet dem gesamten Vorgang, den er das 'Zeichnen'
nennt, das 17. Kapitel des Buchs: Zeichnen im Sinne der Seelensprache. Er setzt dem Zeichnen den Denkzwang voran und schiebt ihm dem Klang
hinten nach. Das Kapitel beginnt also mit der Erläuterung des
Denkzwangs, durch den ein unvermitteltes Schreibens eines Textes und
automatisches Verbinden mit anderen Texten, das durch ein
eigenständiges Erklären von bereits benannten Objekten mit
Eigennamen beispielhaft beschreiben wird - insbesondere mit Hinweis
auf Etymogeleien -, der Darstellung eines Zwangs, der grundlos durch
Konjunktionen, Zeichen zu Sinn fügt, Text einfach nur zu Text legt
und legen muss. Der Denkzwang geht dabei wesenlich von andern aus,
ist Spiegel-Satz-Verkehrung, Sprach-Lüge, gegen die er sich immer
wehren muss. Dies ist vielleicht eine Seite des umfassenderen
Zeichens des Realen, die 'umfängliche Gedankenarbeit' der er
anschließend gegenüberstellt: die 'Aufschlüsse über übersinnliche
Dinge', die sowohl den Wahn bezeichnen können als auch die
Bearbeitung im Buch, die Darstellung und das Werden des Realen also,
welche er für kein 'Gold der Erde' (meine Assoziation: Goldtropfen:
Morphium) mehr hergeben möchte. An der Stelle des Buchs werden Wahn
und Erklärung zu Schrebers eigenem Realen verbunden nach meiner
Deutung. Der von Schreber als 'Zeichnen' an sich bezeichnete bewusste
Gebrauch der Einbildungskraft, steht dem Denkzwang, an zweiter Stelle
im Kapitel behandelt, gegenüber. Schreber erwähnt das Zeichnen auch
vorher schon einmal in Zusammenhang mit dem Auf- und Zuziehen der
Augen durch drei kleine Männer oder für drei kleine Männer, drei
Augen also, denen Personen zugeordnet sind, zwei Ärzte und er selbst
als Zyklopen-Auge des Wahn-Un-Sinns. Das Zeichnen befreit vom Wahn.
Das Zeichnen als das bewusste Sehen, der Einsatz der im Kopf
vorhandenen Bilder befreit vom Wahn. Entsteht also der Wahn - anders
herum gedreht - durch eine Unterdrückung der im Kopf angelegten
Bilder? Entsteht Wahn durch irgendein ein Sondern der Hirnhälften
voneinander, das Bild von Sprache trennt und ein Denken in falscher
Richter zur Folge hat? Beispielhaft erfolgt sein 'Zeichnen' vor dem
Spiegel, er zeichnet sich als Frau, auch mit dem Rücken zu sich selbst
geschieht dies, wenn er seinen eigenen Hintern zeichnet. Bilden sich
Bilder im Kopf durch eine Art Spiegelung, die im Spiegel der Sprache nochmal fixiert ist? Das 'Zeichnen' wird von Schreber als ein gegen den Wahn
gerichtetes umgekehrtes Wundern bezeichnet, Wundern ist aus unserer
Sicht sein Wahn, aus seiner Sicht echt. Das sogenannten Zeichnen,
sein Bildermachen im Kopf, das Vor-Zeichnen der Wahrnehmung vor dem
sprachlichen Erfassen entschärft nach seiner Beschreibung die
Wirkung der Wahn-Sinn-Strahlen, was an der Stelle im Buch auf S. 106
mit den kleinen Augen-Männchen so deutlich beschrieben ist. Exkurs:
Freud konnte sich nach eingenen Angaben für Prüfungen als Student
Texte seitenweise bildhaft einprägen, d. h. er war in der Lage,
bildhaftes gut und leicht in Worte aufzulösen und also hat er seinen
Patienten später auch sein Gehirn geliehen, um Traum- und Bildhaftes
mit ihnen und für sie gegen den Wahn und unter Umgehung falschen
Denkens direkt ins Sprachliche zurück- und zu überführen. Freuds
Denken war sehr bildhaft und zugleich reich sprachlich und seine
Elemente des Denkens und seiner Theorie sind zu Sprach-Figuren
hingewunderte Sprachbilder der Prozesse und Personen, die zur Analyse
gehörten. Für Schreber ist das sogenannte 'Zeichen' vom Bild her
ein Vorgriff auf das Schreiben des Buchs. Es erlöst ihn als das
Gegenwundern zum und vom Wahn. Der Vorgang bewirkt ein 'Reinigen der
Strahlen' von ihrer schädlichen Wirkung (vom 'Leichengift' des Wirklichen, von mir hierher verschoben) und erlaubt natürlich deren
euphorische Aufnahme in seinen Seelen-Wollust-Körper und seine
Erleuchtung (hier zweimal meine Ergänzung). Vom Sprechen scheidet
Schreber zum Schluss des Kapitels den Klang, ein
körperlich-bildliches Element des Gehörten, das ist sowohl Geräusch
aber auch wortlose Musik. Der Klang erlaubt Nichtsdenkungsgedanken,
also nach unserer Einschätzung wäre das ein gedankenarmes, spach- und inhaltssarmes Bewusstsein, also Unbewusstes, ohne eine wahnhafte Umkehr des Denkens
und den schädlichen Denkzwang. Jandls Klang eine kleine Lebenshilfe
für Mayröcker. Wie sehen wir Reales oder Traum- und Wahnhaftes:
beides besteht aus einem Denkzwang, der sich von Text zu Text wie von
selbst bewegt, ein unmittelbares und sinnloses und auch falsches
Anbinden von Sprache an äußere Zeichen. Es gibt nur einen
abstrakten Denkzwang, abstraktes Denken, das immer falsch ist, gleich
in welche Richtung es läuft. Denken richtet sich bei Schreber
sinnlos gegen Denkzwang. Recht so. Sodann besteht Reales auch aus
einem von vorhandenen Bildern (wie von Archetypen) ausgehenden
Gegen-Zeichnen des Äußeren. Das kommt aus einem anderen Raum. Bei
Traum und Wahn als einem Spiegel-Gegenstück des Realen oder zum
Realen wird das Bildhafte vom Denken zum Teil ausgeschlossen, oder
besser ausgesperrt und sich selbst überlassen und/oder verkehrt
angegangen vom Sprachlichen her, es endet die Sprache im Bild, der
Traum sodann damit im äußeren Text selbst, reiht dort Bild-Zeichen
an Bild-Zeichen nur wie in einem Film und gibt sinnlos Sprachliches
dazu oder endet in einem Bild, das an sich ist, also Haluzination und
hingewundert. Umgekehrt und ergänzend dazu läuft das im dritten
Teil des 17. Kapitels beschriebene Geräusch-Gegenwunder. Dabei wird
das sogenannte normale Denken über Klang und Bild hin wieder zu
geordneter Sprache geführt. Sind nun beide Körper, der des
ordenlichen Denkens/Sprechens und der des Wahns und Traums, also der
eher sprachliche, Schrebers wahnsinnig weiblicher und tendeziell der
einer Frau an sich gehörende und andererseits der bildliche, der
Körper des Malers, der normalere der Normalerität, der sich
bildhaft die Sprache sucht, in jedem normale Denken vorhanden oder
sind es Flugkörper des Wahns? Sind bei Schreber die zwei Seiten des
Denkens doppelt verdreht miteinander verbunden oder ist sein Wahn nur
irgendeine Realität, eine von vielen. Ist nicht alles Denken real,
das nicht den Körper vernichtet? Sind ein Wort-Sach-Maler und eine
bildernde, wilde Schriftstellerin zusammen eine doppelt verschlungene
Realität in eigener Dimension? Ein Wachtraum-Paar? Ein vollkommenes
Wachtraum-Paar müsste allerdings die Realität wirklich überwinden
können und soweit ich weiß, ist noch keiner und kein Paar von
Körpern geflogen. War der angebliche Begleiter des fliegenden
Zauberers eine Frau (eine Frage für Rätselhasser)? Flugmaschinen
sind meiner Überzeugung nach tödlich, wenn der Körper nicht zur Maschine passt,
oder wenn er allein ist, nur halb. Die Pupillendifferenz ist übrigens
variabel beim Piloten. Aber, da er in der Trance allein ist, muss er
sterben. Schreber ist im Blindflug wieder in der Anstalt gelandet und
bei den Ärzten und ihren Heil-Kunst-Fehlern und mit seinem Gehirn am Ende bei ihren toten und leeren Vorstellungen. Übrigens: Schrebers Text ist vielleicht deutlicher als meiner.