Samstag, 19. Januar 2013

Denkwürdigkeiten


Zeichnen und Dichten und Wahn vs. Schreiben, Beschreiben, Erklären

Das Wunder des Realen und Schrebers Zeichnen im Sinne der Seelensprache

Alle modernen Dichter haben nur bei Schreber geklaut. Vergeblich, sie sind am Boden geblieben. Zu Kapitel 17: es geht um nicht weniger als um die Enstehung des Realen. Der Körper des Realen entsteht aus den beiden Teilen des 'Zeichnens', dem Bilden und poetischen Dichten, prozessualen und intuitiven Schreiben, Verdichten und Malens, dem Übersetzen des Bildlichen ins Verbale einerseits und dem beschreibenden Schreiben, dem Berichten, dem zeichenbezogenen Reden, dem Nachplappern des Fremden unvermitteltem Folgen des Äußeren, der Text-Reihung, der Übersetzung von Text in Text andererseits. Schreber war beides in seiner Körperlichkeit. Es geht um den Unterschied und die Verbindung von: Schreiben mit geschlossenen Augen, Träumen, die wahr sein dürfen, die ungeprüft durch die Sinne wörtlich werden dürfen zum einen, zum andern mit Schreiben, das sich der Sinne bedient, die Welt bespricht, sich der Welt auch fügt, es geht um ein Sprechen hin zu äußeren Bilder und zurück vom Texten, von den Texten, die neben dem Körper stehn. Schreber widmet dem gesamten Vorgang, den er das 'Zeichnen' nennt, das 17. Kapitel des Buchs: Zeichnen im Sinne der Seelensprache. Er setzt dem Zeichnen den Denkzwang voran und schiebt ihm dem Klang hinten nach. Das Kapitel beginnt also mit der Erläuterung des Denkzwangs, durch den ein unvermitteltes Schreibens eines Textes und automatisches Verbinden mit anderen Texten, das durch ein eigenständiges Erklären von bereits benannten Objekten mit Eigennamen beispielhaft beschreiben wird - insbesondere mit Hinweis auf Etymogeleien -, der Darstellung eines Zwangs, der grundlos durch Konjunktionen, Zeichen zu Sinn fügt, Text einfach nur zu Text legt und legen muss. Der Denkzwang geht dabei wesenlich von andern aus, ist Spiegel-Satz-Verkehrung, Sprach-Lüge, gegen die er sich immer wehren muss. Dies ist vielleicht eine Seite des umfassenderen Zeichens des Realen, die 'umfängliche Gedankenarbeit' der er anschließend gegenüberstellt: die 'Aufschlüsse über übersinnliche Dinge', die sowohl den Wahn bezeichnen können als auch die Bearbeitung im Buch, die Darstellung und das Werden des Realen also, welche er für kein 'Gold der Erde' (meine Assoziation: Goldtropfen: Morphium) mehr hergeben möchte. An der Stelle des Buchs werden Wahn und Erklärung zu Schrebers eigenem Realen verbunden nach meiner Deutung. Der von Schreber als 'Zeichnen' an sich bezeichnete bewusste Gebrauch der Einbildungskraft, steht dem Denkzwang, an zweiter Stelle im Kapitel behandelt, gegenüber. Schreber erwähnt das Zeichnen auch vorher schon einmal in Zusammenhang mit dem Auf- und Zuziehen der Augen durch drei kleine Männer oder für drei kleine Männer, drei Augen also, denen Personen zugeordnet sind, zwei Ärzte und er selbst als Zyklopen-Auge des Wahn-Un-Sinns. Das Zeichnen befreit vom Wahn. Das Zeichnen als das bewusste Sehen, der Einsatz der im Kopf vorhandenen Bilder befreit vom Wahn. Entsteht also der Wahn - anders herum gedreht - durch eine Unterdrückung der im Kopf angelegten Bilder? Entsteht Wahn durch irgendein ein Sondern der Hirnhälften voneinander, das Bild von Sprache trennt und ein Denken in falscher Richter zur Folge hat? Beispielhaft erfolgt sein 'Zeichnen' vor dem Spiegel, er zeichnet sich als Frau, auch mit dem Rücken zu sich selbst geschieht dies, wenn er seinen eigenen Hintern zeichnet. Bilden sich Bilder im Kopf durch eine Art Spiegelung, die im Spiegel der Sprache nochmal fixiert ist? Das 'Zeichnen' wird von Schreber als ein gegen den Wahn gerichtetes umgekehrtes Wundern bezeichnet, Wundern ist aus unserer Sicht sein Wahn, aus seiner Sicht echt. Das sogenannten Zeichnen, sein Bildermachen im Kopf, das Vor-Zeichnen der Wahrnehmung vor dem sprachlichen Erfassen entschärft nach seiner Beschreibung die Wirkung der Wahn-Sinn-Strahlen, was an der Stelle im Buch auf S. 106 mit den kleinen Augen-Männchen so deutlich beschrieben ist. Exkurs: Freud konnte sich nach eingenen Angaben für Prüfungen als Student Texte seitenweise bildhaft einprägen, d. h. er war in der Lage, bildhaftes gut und leicht in Worte aufzulösen und also hat er seinen Patienten später auch sein Gehirn geliehen, um Traum- und Bildhaftes mit ihnen und für sie gegen den Wahn und unter Umgehung falschen Denkens direkt ins Sprachliche zurück- und zu überführen. Freuds Denken war sehr bildhaft und zugleich reich sprachlich und seine Elemente des Denkens und seiner Theorie sind zu Sprach-Figuren hingewunderte Sprachbilder der Prozesse und Personen, die zur Analyse gehörten. Für Schreber ist das sogenannte 'Zeichen' vom Bild her ein Vorgriff auf das Schreiben des Buchs. Es erlöst ihn als das Gegenwundern zum und vom Wahn. Der Vorgang bewirkt ein 'Reinigen der Strahlen' von ihrer schädlichen Wirkung (vom 'Leichengift' des Wirklichen, von mir hierher verschoben) und erlaubt natürlich deren euphorische Aufnahme in seinen Seelen-Wollust-Körper und seine Erleuchtung (hier zweimal meine Ergänzung). Vom Sprechen scheidet Schreber zum Schluss des Kapitels den Klang, ein körperlich-bildliches Element des Gehörten, das ist sowohl Geräusch aber auch wortlose Musik. Der Klang erlaubt Nichtsdenkungsgedanken, also nach unserer Einschätzung wäre das ein gedankenarmes, spach- und inhaltssarmes Bewusstsein, also Unbewusstes, ohne eine wahnhafte Umkehr des Denkens und den schädlichen Denkzwang. Jandls Klang eine kleine Lebenshilfe für Mayröcker. Wie sehen wir Reales oder Traum- und Wahnhaftes: beides besteht aus einem Denkzwang, der sich von Text zu Text wie von selbst bewegt, ein unmittelbares und sinnloses und auch falsches Anbinden von Sprache an äußere Zeichen. Es gibt nur einen abstrakten Denkzwang, abstraktes Denken, das immer falsch ist, gleich in welche Richtung es läuft. Denken richtet sich bei Schreber sinnlos gegen Denkzwang. Recht so. Sodann besteht Reales auch aus einem von vorhandenen Bildern (wie von Archetypen) ausgehenden Gegen-Zeichnen des Äußeren. Das kommt aus einem anderen Raum. Bei Traum und Wahn als einem Spiegel-Gegenstück des Realen oder zum Realen wird das Bildhafte vom Denken zum Teil ausgeschlossen, oder besser ausgesperrt und sich selbst überlassen und/oder verkehrt angegangen vom Sprachlichen her, es endet die Sprache im Bild, der Traum sodann damit im äußeren Text selbst, reiht dort Bild-Zeichen an Bild-Zeichen nur wie in einem Film und gibt sinnlos Sprachliches dazu oder endet in einem Bild, das an sich ist, also Haluzination und hingewundert. Umgekehrt und ergänzend dazu läuft das im dritten Teil des 17. Kapitels beschriebene Geräusch-Gegenwunder. Dabei wird das sogenannte normale Denken über Klang und Bild hin wieder zu geordneter Sprache geführt. Sind nun beide Körper, der des ordenlichen Denkens/Sprechens und der des Wahns und Traums, also der eher sprachliche, Schrebers wahnsinnig weiblicher und tendeziell der einer Frau an sich gehörende und andererseits der bildliche, der Körper des Malers, der normalere der Normalerität, der sich bildhaft die Sprache sucht, in jedem normale Denken vorhanden oder sind es Flugkörper des Wahns? Sind bei Schreber die zwei Seiten des Denkens doppelt verdreht miteinander verbunden oder ist sein Wahn nur irgendeine Realität, eine von vielen. Ist nicht alles Denken real, das nicht den Körper vernichtet? Sind ein Wort-Sach-Maler und eine bildernde, wilde Schriftstellerin zusammen eine doppelt verschlungene Realität in eigener Dimension? Ein Wachtraum-Paar? Ein vollkommenes Wachtraum-Paar müsste allerdings die Realität wirklich überwinden können und soweit ich weiß, ist noch keiner und kein Paar von Körpern geflogen. War der angebliche Begleiter des fliegenden Zauberers eine Frau (eine Frage für Rätselhasser)? Flugmaschinen sind meiner Überzeugung nach tödlich, wenn der Körper nicht zur Maschine passt, oder wenn er allein ist, nur halb. Die Pupillendifferenz ist übrigens variabel beim Piloten. Aber, da er in der Trance allein ist, muss er sterben. Schreber ist im Blindflug wieder in der Anstalt gelandet und bei den Ärzten und ihren Heil-Kunst-Fehlern und mit seinem Gehirn am Ende bei ihren toten und leeren Vorstellungen. Übrigens: Schrebers Text ist vielleicht deutlicher als meiner.