Letztes
Geheimnis, ein Vor-Zeichen von Gegensinn
oder
Von einer Körpergrammatik hin zum Flug-Text
Von einer Körpergrammatik hin zum Flug-Text
Sprach-/Sinnverlust
und -rekonstruktion und die rückschauende Betrachtung der Vorgänge
durch Schreber selber erlauben in begrenztem Umfang auch eine erweiterte grammatikalische Aufarbeitung oder sprachförmliche Interpretation
des Textes. Möglich wäre eine Grammatik der Bilder im Buch: Sonne als Subjekt,
Strahlen als Zeitstrahlen und Prädikation, Objekte und Partikel
lassen sich auch finden (Männer, Vögel, Insekten). Auch der
grammatische Sprachpanzer wurde von ihm (durch andere) weggesprengt.
Grammatik ist äußerlich und steckt nicht von vornherein im
Menschen drin. Schreber steckt nun schon vielfach selber drin in
Wahn, Selbstdeutung und Sprechen und Schreiben. Man kann sich da
schwer noch selbst einbringen. Deutungen werden vage. Ein Versuch. In der
Universitäts-Irrenklinik zu Leipzig wurde sein Wille gebrochen. Das
war die 'Flechsig'sche Hölle'. In der Pierson'schen Privatklinik war
er nur kurz und ist ohne Zweifel dort weiter mit Medikamenten
(Morphium) behandelt worden (Sinn seiner 'Teufelsküche'). Die
Wirkungen der Morphium-Vergiftung werden auf den von Schreber im Buch
genannten Seiten des Kraepelin-Buchs beschrieben. Scheint mir ein
Hinweis auf Medikamenten-Experimente zu sein. In Pirna hat man ihn 2
½ Jahre jede Nacht in ein Verlies gesperrt (im Buch:
'Teufelsschloss'). Wird von den Gutachtern nicht bestritten. Ihm wurde also das gesamte Nervensystem gründlich bearbeitet. Was
bleibt da vom Ich, von allem, was Ich und Es ist - Es und Ich sind
nur zwei Worte für eine Sache aus zwei Perspektiven – beides
äußerer Text. Was bleibt von einer papierenen toten Wahrheit, die
nur der Körper beleben kann, wenn deren Innerstes und Gehalt, also
Tod (angedroht) und Gewalt in Reinform auf den Körper fällt: Nichts. Nichts als
der Körper selbst, nichts als etwas, befreit von den äußeren
Texten: das Selbst, also das, was das Selbst im Grunde ist, der Körper
mit all seinen Sinnen. Aber dem Menschen sind die Sinne auch das
Subjekt eines Sinns, dieser Sinn-Rest von Subjektivität kann nicht
verschwinden, auch der Leser nicht und er, Schreber, als Deuter nicht. Das Subjekt kann nicht verschwinden, solange der Körper noch
lebt, sondern muss von anderen Subjekten aufgenommen werden, muss
diese aufnehmen: als Bilder im Buch erscheinen: doppelte Sonnen,
Einverleiben von Flechsig - ich würde immer dann, wenn zwei Figuren
im Buch im Wechselspiel sind vom Subjekt im grammatikalischen Sinn
reden – das Doppelte kann ihm als ganzes Subjekt für sich mit Ich
und Selbst gegenübertreten, ich auch als Objektivation der
Vervielfältigung, Verdopplungen. Dem folgen die Handlungen/Prädikation
verselbständigt in Halluzinationen, Strahlen – also das eher
Abstrakte im Stück, das sich Bewegende auf der Bühne, oder Eigenschaften. Und endlich als
Objekt meiner Grammatik besetzen Objekte das Subjekt Schrebers als kleine Männchen, drängen sich heran als hingewunderte Männer, Vögel, Insekten - das was klein und an sich
vielfältig ist, ist Objekt, Es in der Vielfalt. Subjekt und Objekt
ist wie Ich und Es, dem Autor der Unterschied ziemlich egal, einfach
zwei oder mehr Geschichten. Theoretisch ist also eine
Bilder-Grammatik zum Buch schreibbar mit einer Unterscheidung von
Wortarten und Satzbau, also Elementen der Struktur (statisch
betrachtet) und Elementen der Bewegung (dynamischer Sprach-Sinnfluss).
Schreber beschreibt die Wahrnehmungsvorgänge und Denkprozesse selbst
sehr genau, in der Bewegung der Sonnen, in deren Wechselspiel, der
eher spielerischen Annäherung an den Körper durch den niederen Gott
Ariman und das Hin- und Hergerissen-Sein des höheren Gottes Ormuzd.
Der eine Gott ist mehr Inhalt, der andere mehr Zweck und Gesamt-Sinn. Er
beschreibt das Herantreten des Sinns an ihn und den Körper, die
Umkehr der Bewegung der Sinnbildung in den Sprachlügen, dem Sprechen
der andern, das Ich dreht sich für ihn und sein Selbst aus den Lügen
heraus. Seine uns seltsam erscheinenden Bilder sind ein Weg der
Befreiung vom Zwang der Texte durch Änderungen im Schreiben und
Bebilderung einer neuen Grammatik. Die Deutung ist nicht abwegig. Er
muss ja alles neu lernen. Schrebers Rettung war also der Körper, der
ihm schon vor der klinischen 'Behandlung' Grund des Seins war, wie er
schreibt, Rettung vorm unerträgliche Alltag und beruflichen Erfolg.
Vermutlich doch ein Ergebnis seltsamer Erziehungsmethoden,
Erfahrungen eines Wertverlusts schon in der Kindheit und einer besonderen Bedeutung des mütterlichen Körpers für den Prozess der
Sozialisation und Ich-Bildung. Die Interpreten, die das gesehen
haben, liegen m. E. nicht so weit daneben. Wenn man sich aber zu
deutlich einbringt ins Buch, ist das Ergebnis vielleicht Sinn, jedoch
satter paranoider dumm-gefährlicher Sinn. Blödsinn. Schreber wollte kein wahnsinnig
blödes Tagebuch für wahnsinnig blöde Ärzte schreiben. Die Bilder
und Aussagen des Autors und die Sätze und Reden erlauben nur vage
Sinnbildung. Also doch keine richtige Grammatik. Ariman sei Dank. Für
mich ist es wichtiger, dass das Buch einen Ausgangspunkt hat und ein
Ziel, es ein Draußen noch gibt zum Inneren. Ich setz mich ja auch hin zum
Schreiben und steh nachher wieder auf. Dem Schreiben und dem Schreber
und seinem Buch muss ich Freiheiten lassen. Nochmal von vorn hin zum Gegensinn. Ich erlaube mir also
zuerst wieder mal den Schre(i)ber in Abzug zu bringen. Also ist das
Buchthema: Verlust von Sprache, Wiederherstellung des Sprechens auf
einem Körper des Sinns. Zunächst erfährt der Körper, dass sich
fast alle Sinn-Zeichen des Realen von ihm lösen können. Alle Werte
sind plötzlich weg, und das Reden wird eingestellt. Schreber war
lange sprachlos. Schon wieder. Das Ziel der Rekonstruktion ist vorgegeben. Es ist
der Körper, mit dem der Mensch heute in seiner großartigen modernen
Mündigkeit so ganz allein ist. Da ist Schreber nicht ganz allein.
Ich fühl (Es) ihm nach. Die absolute Autorität des Vaters ist weg
und die mütterliche reicht nicht. Der Körper des Kindes kann sich
also beides nehmen: den Körper der Mutter und nachträglich dazu die
Autorität des Vaters. Der Aufklärung (Ausgang des Menschen … und
und und ...) fehlte der Körper bis ihr der Sinn (seines grausamen
Zwangs) genommen wurde bzw. gegeben wurde. Dann kam der Körper zur Sprache. Ab dann
musste der Körper sich neu selbst beschriften. Das Denken wurde über
Bilder erst wieder sprachlich. Körper ist Gefühl, das für sich
sein darf und in das sich das Subjekt fallen lassen kann. Schreber
hat das mindestens zweimal radikal erfahren, in der Kindheit und in
der Anstalt (vielleicht auch schon mit der Beförderung zum
Senatspräsidenten – er war vielleicht einer der mit/gegen Freud
'am Erfolg scheitern' durfte). In der Wiederherstellung des
Sprechens als sinnlichen Erfassens der Welt, Hauptanliegen des Buchs und des Wahnens, kommt es zu einem wirren Tanz der Elemente, d. h. die Zuordnung der Personen/Dinge/Begriffe im Spiel entzieht
sich der Deutung, Subjekt und Objekt sind austauschbar, die Elemente
werden durch Verdopplungen, Spaltungen abgesichert, hin- und
hergeschoben, auf geraden Bahnen und in Schleifen (gibt es als Bild
im Buch), es kommt auch zu Verdichtungen, Zusammenfassungen und
Deutungen. Ein Wettstreit mit dem Zufall. Die Bilder können auch mal so, mal so gesehen werden.
Auch die Kommentare und Begriffe/Erklärungen Schrebers selber sind letzte unsichere Absicherungen von Sinn, körperlich, und Offenbarungen des Unsinns.
Man muss auch schon deshalb nicht zwischen Wahn und Schriftstellerei
unterscheiden bei ihm im Buch und in der Welt draußen, weil
auch jeder Normale heute in diesen oder ähnlichen Bildern gefangen
ist, es nur nicht zu erfassen sucht und nicht schreibt. Ist das nun Traum oder wahr? Mir fällt
bei den Interpreten auf, dass jeder aus Schreber einen wie sich macht
(Jung, Freud und andere Analytiker haben Schreber als schreibenden
Psychiater sich vorgestellt, sich genauso und anerkennend und sich selbst lobend zum
Schreiben geäußert. Recht so!). Schreber ist als Schreibender wirklich ganz
Anderer geworden. Er nimmt daher jeden als ein großer Spiegel mit.
Er ist Kaspar Hauser als Text. Aber, so wie der Autor und der Leser
immer wieder aus dem Buch herausfallen, ist Schreber aus der Anstalt
auch entkommen. Er ist nicht der Wahn der andern geblieben. Denn im
Grunde ist der Körper doch etwas greifbares und an sich bleibendes,
und vielleicht ist er das einzige, was uns auch seelisch immer
zusammenhält. Und die Oneiroide im Koma zeigen doch was Realität
ist, eine ziemlich nachträgliche und immer gründlich körperliche (Nerven sind überall in Körper und Seele und Grund der Wirklichkeit - und ein Mensch im Koma hat eine Seele und Wirklichkeit).
Ganz egal, was im Kopf passiert, im Text, im 'richtigen' Leben und
dem eingebildeten gesellschaftlichen Sein, es ist der Körper, der
uns dran hindert, dass wir richtig und ganz auseinander fliegen. Der
Mensch kann nicht fliegen, er muss sich komplexe Flugmaschinen bauen,
Körper-Flug-Texte schreiben. Darum ist das körperliche
Glücklichsein vielleicht die Grundbedingung jeden anderen Glücks.
Die Körperlichkeit hat sich Schreber aufgedrängt. Er hat es als
Senatspräsident erstmals (vielleicht auch vorher schon) nach eigener
Aussage gespürt und als Eigenschaft einer/seiner Weiblichkeit
gedeutet. Diese Selbstdeutung ist nicht zwingend. Er ist damit nur
bei seinem Begehren als Mann geblieben, er hat sich sein Wünschen
als solches genommen. D. h. der Zugang dazu war ihm vermittelt durch
die Bilder von Frauenkörpern, durch sie halt auch, also u. a. möglich.
Er hat diesen Filter seines Begehrens immer gebraucht, als Kind den
mütterlichen und später den weiblichen Körper, den Spiegel nie
zerbrochen. Er war nie restlos nur Selbst. Er war nicht wahnsinnig
und er war kein Transvestit. Nur vor dem Spiegel war er reines
Begehren und somit auch mit der Frau im Bild erst vollständig. Mann kann
nicht anders. Frau ist nicht ganz anders, nur sich viel näher. Eine
große Körperlichkeit war Ziel Schrebers und das war das Anliegen
seines Buchs und im Ergebnis der maximale Grad an Freiheit und die
Befreiung aus der Anstalt. Auch religiös ist er nicht mehr sinnvoll
einzufangen. Es gibt ja auch diese Sorte von Wunder-Deutern. Ganz zum Schluss im Buch stellt er fest, dass er nicht
Erlöser ist, sondern seine Beziehung zu Gott halt einzig und
weltordnungswidrig sei ('Weltordnungswidrigkeit' = 'Seelenmord', also
Gewalt gegen den Körper mit Abspaltung aller äußeren Texte des
Sinns, Verweis auf den Körper und körperlich-sinnlicher
Wiederherstellungsprozess bildlich dargestellt durch 'Anbindung' von Körpernerven
an 'Gottesstrahlen') und er nicht den Menschen durch seinen Tod
befreit, sondern im Hinscheiden nur den einen obersten Gott, der an
ihn und 'an Erden' gefesselt wurde und Mensch werden musste oder deutlicher:
als allzu menschlich erkannt wurde. Gott war plötzlich der Weltordnung
unterworfen (Gegensinn ist erlaubt) und musste Arbeiten gehen – für
die Wiedergeburt oder Auferstehung eines fast Toten (Schreber). Und Schrebers
Hoffnung ist, für die Menschen Erkenntnis und Erleuchtung zu sein, und was
mit Gott wird, weiß er nicht zu sagen, angeblich, der darf sich aber
wahrscheinlich irgendwann aber wieder seinen weltordnungsgemäßen
Geschäften widmen in weiter Ferne, somit dem unvermeidlichen Rest-Sinn, mit freundlicher
Genehmigung und einem Augenzwinkern des Autors. Für sich hat
Schreber im Wahn oder im Spaß die maximal mögliche Ewigkeit eines
kurzen Lebens und mit dem Tod endet die Unsterblichkeit und ist ihm auch die Weltordnung wiederhergestellt. Oder auch nicht: als Buch wäre er
eine der darin genannten 'Seelen' in den 'Vorhöfen des Himmels', ein 'Identitätsbewusstsein' das
noch lange fortbesteht und eventuell auch ansteckend wirkt. Man kann
ihn nun weltordnungsmäßig als Autor rühmen oder besser mit ihm
einfach zeitweise subjektlos leiden und sich freu'n. Man darf aber nicht
vergessen, der
Mensch ist nicht Mittelpunkt der Welt.
Die funktioniert auch ohne ihn. Das sagt er mir mit seinem
Bühnen-Spiel und Stückwerk und Text. Und so setze ich hier auch den
Autor wieder ein und verabschiede mich so nach und nach vom Buch und
von meinem eigenen Text. Das also ist Schrebers einziges Geheimnis,
wahrscheinlich und für mich, gesagt hat er es nicht. So seh ich das,
so lang ich selbst noch lebe und fühle und einen Körper habe. Alles
andere ist Spekulation. Die Welt dreht sich auch ohne Dich und mich.
Für jeden ist Liebe etwas anderes. Das muss man sich lassen. Der
eine ersehnt sie, der andere ist sie. Für den einen ist es die Eine,
für die andere ist es sie selbst und viele usw. oder so. Schreber
ist zur Frau zurückgekehrt und hat sich um eine Tochter gekümmert.
Die eine Frau war ihm Halt in Frau, Mutter, Tochter, die andere in
ihm selbst war nur Spiegel-Spielerei. Text ist zwar Text, aber es
gibt tote und liebevoll belebte. Er soll liebevoll gewesen sein bis
an sein Ende (gestorben ist er an einem ärztlichen Kunst-Fehler –
also meidet die Anstalten/Veran-/-unstaltungen des Sinns der
deutlichen Interpreten und der irren Ärzte). Ich hoffe, das war nun
nicht auch körperlose Kunst und ein Kunstfehler. Ich lese den Text er-lebt.