Samstag, 26. Januar 2013

Denkwürdigkeiten


Letztes Geheimnis, ein Vor-Zeichen von Gegensinn
oder
Von einer Körpergrammatik hin zum Flug-Text

Sprach-/Sinnverlust und -rekonstruktion und die rückschauende Betrachtung der Vorgänge durch Schreber selber erlauben in begrenztem Umfang auch eine erweiterte grammatikalische Aufarbeitung oder sprachförmliche Interpretation des Textes. Möglich wäre eine Grammatik der Bilder im Buch: Sonne als Subjekt, Strahlen als Zeitstrahlen und Prädikation, Objekte und Partikel lassen sich auch finden (Männer, Vögel, Insekten). Auch der grammatische Sprachpanzer wurde von ihm (durch andere) weggesprengt. Grammatik ist äußerlich und steckt nicht von vornherein im Menschen drin. Schreber steckt nun schon vielfach selber drin in Wahn, Selbstdeutung und Sprechen und Schreiben. Man kann sich da schwer noch selbst einbringen. Deutungen werden vage. Ein Versuch. In der Universitäts-Irrenklinik zu Leipzig wurde sein Wille gebrochen. Das war die 'Flechsig'sche Hölle'. In der Pierson'schen Privatklinik war er nur kurz und ist ohne Zweifel dort weiter mit Medikamenten (Morphium) behandelt worden (Sinn seiner 'Teufelsküche'). Die Wirkungen der Morphium-Vergiftung werden auf den von Schreber im Buch genannten Seiten des Kraepelin-Buchs beschrieben. Scheint mir ein Hinweis auf Medikamenten-Experimente zu sein. In Pirna hat man ihn 2 ½ Jahre jede Nacht in ein Verlies gesperrt (im Buch: 'Teufelsschloss'). Wird von den Gutachtern nicht bestritten. Ihm wurde also das gesamte Nervensystem gründlich bearbeitet. Was bleibt da vom Ich, von allem, was Ich und Es ist - Es und Ich sind nur zwei Worte für eine Sache aus zwei Perspektiven – beides äußerer Text. Was bleibt von einer papierenen toten Wahrheit, die nur der Körper beleben kann, wenn deren Innerstes und Gehalt, also Tod (angedroht) und Gewalt in Reinform auf den Körper fällt: Nichts. Nichts als der Körper selbst, nichts als etwas, befreit von den äußeren Texten: das Selbst, also das, was das Selbst im Grunde ist, der Körper mit all seinen Sinnen. Aber dem Menschen sind die Sinne auch das Subjekt eines Sinns, dieser Sinn-Rest von Subjektivität kann nicht verschwinden, auch der Leser nicht und er, Schreber, als Deuter nicht. Das Subjekt kann nicht verschwinden, solange der Körper noch lebt, sondern muss von anderen Subjekten aufgenommen werden, muss diese aufnehmen: als Bilder im Buch erscheinen: doppelte Sonnen, Einverleiben von Flechsig - ich würde immer dann, wenn zwei Figuren im Buch im Wechselspiel sind vom Subjekt im grammatikalischen Sinn reden – das Doppelte kann ihm als ganzes Subjekt für sich mit Ich und Selbst gegenübertreten, ich auch als Objektivation der Vervielfältigung, Verdopplungen. Dem folgen die Handlungen/Prädikation verselbständigt in Halluzinationen, Strahlen – also das eher Abstrakte im Stück, das sich Bewegende auf der Bühne, oder Eigenschaften. Und endlich als Objekt meiner Grammatik besetzen Objekte das Subjekt Schrebers als kleine Männchen, drängen sich heran als hingewunderte Männer, Vögel, Insekten - das was klein und an sich vielfältig ist, ist Objekt, Es in der Vielfalt. Subjekt und Objekt ist wie Ich und Es, dem Autor der Unterschied ziemlich egal, einfach zwei oder mehr Geschichten. Theoretisch ist also eine Bilder-Grammatik zum Buch schreibbar mit einer Unterscheidung von Wortarten und Satzbau, also Elementen der Struktur (statisch betrachtet) und Elementen der Bewegung (dynamischer Sprach-Sinnfluss). Schreber beschreibt die Wahrnehmungsvorgänge und Denkprozesse selbst sehr genau, in der Bewegung der Sonnen, in deren Wechselspiel, der eher spielerischen Annäherung an den Körper durch den niederen Gott Ariman und das Hin- und Hergerissen-Sein des höheren Gottes Ormuzd. Der eine Gott ist mehr Inhalt, der andere mehr Zweck und Gesamt-Sinn. Er beschreibt das Herantreten des Sinns an ihn und den Körper, die Umkehr der Bewegung der Sinnbildung in den Sprachlügen, dem Sprechen der andern, das Ich dreht sich für ihn und sein Selbst aus den Lügen heraus. Seine uns seltsam erscheinenden Bilder sind ein Weg der Befreiung vom Zwang der Texte durch Änderungen im Schreiben und Bebilderung einer neuen Grammatik. Die Deutung ist nicht abwegig. Er muss ja alles neu lernen. Schrebers Rettung war also der Körper, der ihm schon vor der klinischen 'Behandlung' Grund des Seins war, wie er schreibt, Rettung vorm unerträgliche Alltag und beruflichen Erfolg. Vermutlich doch ein Ergebnis seltsamer Erziehungsmethoden, Erfahrungen eines Wertverlusts schon in der Kindheit und einer besonderen Bedeutung des mütterlichen Körpers für den Prozess der Sozialisation und Ich-Bildung. Die Interpreten, die das gesehen haben, liegen m. E. nicht so weit daneben. Wenn man sich aber zu deutlich einbringt ins Buch, ist das Ergebnis vielleicht Sinn, jedoch satter paranoider dumm-gefährlicher Sinn. Blödsinn. Schreber wollte kein wahnsinnig blödes Tagebuch für wahnsinnig blöde Ärzte schreiben. Die Bilder und Aussagen des Autors und die Sätze und Reden erlauben nur vage Sinnbildung. Also doch keine richtige Grammatik. Ariman sei Dank. Für mich ist es wichtiger, dass das Buch einen Ausgangspunkt hat und ein Ziel, es ein Draußen noch gibt zum Inneren. Ich setz mich ja auch hin zum Schreiben und steh nachher wieder auf. Dem Schreiben und dem Schreber und seinem Buch muss ich Freiheiten lassen. Nochmal von vorn hin zum Gegensinn. Ich erlaube mir also zuerst wieder mal den Schre(i)ber in Abzug zu bringen. Also ist das Buchthema: Verlust von Sprache, Wiederherstellung des Sprechens auf einem Körper des Sinns. Zunächst erfährt der Körper, dass sich fast alle Sinn-Zeichen des Realen von ihm lösen können. Alle Werte sind plötzlich weg, und das Reden wird eingestellt. Schreber war lange sprachlos. Schon wieder. Das Ziel der Rekonstruktion ist vorgegeben. Es ist der Körper, mit dem der Mensch heute in seiner großartigen modernen Mündigkeit so ganz allein ist. Da ist Schreber nicht ganz allein. Ich fühl (Es) ihm nach. Die absolute Autorität des Vaters ist weg und die mütterliche reicht nicht. Der Körper des Kindes kann sich also beides nehmen: den Körper der Mutter und nachträglich dazu die Autorität des Vaters. Der Aufklärung (Ausgang des Menschen … und und und ...) fehlte der Körper bis ihr der Sinn (seines grausamen Zwangs) genommen wurde bzw. gegeben wurde. Dann kam der Körper zur Sprache. Ab dann musste der Körper sich neu selbst beschriften. Das Denken wurde über Bilder erst wieder sprachlich. Körper ist Gefühl, das für sich sein darf und in das sich das Subjekt fallen lassen kann. Schreber hat das mindestens zweimal radikal erfahren, in der Kindheit und in der Anstalt (vielleicht auch schon mit der Beförderung zum Senatspräsidenten – er war vielleicht einer der mit/gegen Freud 'am Erfolg scheitern' durfte). In der Wiederherstellung des Sprechens als sinnlichen Erfassens der Welt, Hauptanliegen des Buchs und des Wahnens, kommt es zu einem wirren Tanz der Elemente, d. h. die Zuordnung der Personen/Dinge/Begriffe im Spiel entzieht sich der Deutung, Subjekt und Objekt sind austauschbar, die Elemente werden durch Verdopplungen, Spaltungen abgesichert, hin- und hergeschoben, auf geraden Bahnen und in Schleifen (gibt es als Bild im Buch), es kommt auch zu Verdichtungen, Zusammenfassungen und Deutungen. Ein Wettstreit mit dem Zufall. Die Bilder können auch mal so, mal so gesehen werden. Auch die Kommentare und Begriffe/Erklärungen Schrebers selber sind letzte unsichere Absicherungen von Sinn, körperlich, und Offenbarungen des Unsinns. Man muss auch schon deshalb nicht zwischen Wahn und Schriftstellerei unterscheiden bei ihm im Buch und in der Welt draußen, weil auch jeder Normale heute in diesen oder ähnlichen Bildern gefangen ist, es nur nicht zu erfassen sucht und nicht schreibt. Ist das nun Traum oder wahr? Mir fällt bei den Interpreten auf, dass jeder aus Schreber einen wie sich macht (Jung, Freud und andere Analytiker haben Schreber als schreibenden Psychiater sich vorgestellt, sich genauso und anerkennend und sich selbst lobend zum Schreiben geäußert. Recht so!). Schreber ist als Schreibender wirklich ganz Anderer geworden. Er nimmt daher jeden als ein großer Spiegel mit. Er ist Kaspar Hauser als Text. Aber, so wie der Autor und der Leser immer wieder aus dem Buch herausfallen, ist Schreber aus der Anstalt auch entkommen. Er ist nicht der Wahn der andern geblieben. Denn im Grunde ist der Körper doch etwas greifbares und an sich bleibendes, und vielleicht ist er das einzige, was uns auch seelisch immer zusammenhält. Und die Oneiroide im Koma zeigen doch was Realität ist, eine ziemlich nachträgliche und immer gründlich körperliche (Nerven sind überall in Körper und Seele und Grund der Wirklichkeit - und ein Mensch im Koma hat eine Seele und Wirklichkeit). Ganz egal, was im Kopf passiert, im Text, im 'richtigen' Leben und dem eingebildeten gesellschaftlichen Sein, es ist der Körper, der uns dran hindert, dass wir richtig und ganz auseinander fliegen. Der Mensch kann nicht fliegen, er muss sich komplexe Flugmaschinen bauen, Körper-Flug-Texte schreiben. Darum ist das körperliche Glücklichsein vielleicht die Grundbedingung jeden anderen Glücks. Die Körperlichkeit hat sich Schreber aufgedrängt. Er hat es als Senatspräsident erstmals (vielleicht auch vorher schon) nach eigener Aussage gespürt und als Eigenschaft einer/seiner Weiblichkeit gedeutet. Diese Selbstdeutung ist nicht zwingend. Er ist damit nur bei seinem Begehren als Mann geblieben, er hat sich sein Wünschen als solches genommen. D. h. der Zugang dazu war ihm vermittelt durch die Bilder von Frauenkörpern, durch sie halt auch, also u. a. möglich. Er hat diesen Filter seines Begehrens immer gebraucht, als Kind den mütterlichen und später den weiblichen Körper, den Spiegel nie zerbrochen. Er war nie restlos nur Selbst. Er war nicht wahnsinnig und er war kein Transvestit. Nur vor dem Spiegel war er reines Begehren und somit auch mit der Frau im Bild erst vollständig. Mann kann nicht anders. Frau ist nicht ganz anders, nur sich viel näher. Eine große Körperlichkeit war Ziel Schrebers und das war das Anliegen seines Buchs und im Ergebnis der maximale Grad an Freiheit und die Befreiung aus der Anstalt. Auch religiös ist er nicht mehr sinnvoll einzufangen. Es gibt ja auch diese Sorte von Wunder-Deutern. Ganz zum Schluss im Buch stellt er fest, dass er nicht Erlöser ist, sondern seine Beziehung zu Gott halt einzig und weltordnungswidrig sei ('Weltordnungswidrigkeit' = 'Seelenmord', also Gewalt gegen den Körper mit Abspaltung aller äußeren Texte des Sinns, Verweis auf den Körper und körperlich-sinnlicher Wiederherstellungsprozess bildlich dargestellt durch 'Anbindung' von Körpernerven an 'Gottesstrahlen') und er nicht den Menschen durch seinen Tod befreit, sondern im Hinscheiden nur den einen obersten Gott, der an ihn und 'an Erden' gefesselt wurde und Mensch werden musste oder deutlicher: als allzu menschlich erkannt wurde. Gott war plötzlich der Weltordnung unterworfen (Gegensinn ist erlaubt) und musste Arbeiten gehen – für die Wiedergeburt oder Auferstehung eines fast Toten (Schreber). Und Schrebers Hoffnung ist, für die Menschen Erkenntnis und Erleuchtung zu sein, und was mit Gott wird, weiß er nicht zu sagen, angeblich, der darf sich aber wahrscheinlich irgendwann aber wieder seinen weltordnungsgemäßen Geschäften widmen in weiter Ferne, somit dem unvermeidlichen Rest-Sinn, mit freundlicher Genehmigung und einem Augenzwinkern des Autors. Für sich hat Schreber im Wahn oder im Spaß die maximal mögliche Ewigkeit eines kurzen Lebens und mit dem Tod endet die Unsterblichkeit und ist ihm auch die Weltordnung wiederhergestellt. Oder auch nicht: als Buch wäre er eine der darin genannten 'Seelen' in den 'Vorhöfen des Himmels', ein 'Identitätsbewusstsein' das noch lange fortbesteht und eventuell auch ansteckend wirkt. Man kann ihn nun weltordnungsmäßig als Autor rühmen oder besser mit ihm einfach zeitweise subjektlos leiden und sich freu'n. Man darf aber nicht vergessen, der Mensch ist nicht Mittelpunkt der Welt. Die funktioniert auch ohne ihn. Das sagt er mir mit seinem Bühnen-Spiel und Stückwerk und Text. Und so setze ich hier auch den Autor wieder ein und verabschiede mich so nach und nach vom Buch und von meinem eigenen Text. Das also ist Schrebers einziges Geheimnis, wahrscheinlich und für mich, gesagt hat er es nicht. So seh ich das, so lang ich selbst noch lebe und fühle und einen Körper habe. Alles andere ist Spekulation. Die Welt dreht sich auch ohne Dich und mich. Für jeden ist Liebe etwas anderes. Das muss man sich lassen. Der eine ersehnt sie, der andere ist sie. Für den einen ist es die Eine, für die andere ist es sie selbst und viele usw. oder so. Schreber ist zur Frau zurückgekehrt und hat sich um eine Tochter gekümmert. Die eine Frau war ihm Halt in Frau, Mutter, Tochter, die andere in ihm selbst war nur Spiegel-Spielerei. Text ist zwar Text, aber es gibt tote und liebevoll belebte. Er soll liebevoll gewesen sein bis an sein Ende (gestorben ist er an einem ärztlichen Kunst-Fehler – also meidet die Anstalten/Veran-/-unstaltungen des Sinns der deutlichen Interpreten und der irren Ärzte). Ich hoffe, das war nun nicht auch körperlose Kunst und ein Kunstfehler. Ich lese den Text er-lebt.