In Schrebers Buch gibt es Themen, aber
auch unbegreifliche und unsägliche Reste.
Kurz zu den Resten oder woher kommen
die echten Wunden des Körpers
Vorweg ein Mythos. Der Körper des Menschen ist ein
grundsätzlich durch Zwang gezeichneter. Die Not hat ihn vereinsamt.
Die Not hat ihm einen Körper für sich allein gegeben. Dies ist sein
erster Text, der entäußerte Körper in Not. Und wenn dieser Text
steht und erarbeitet ist, dann können zwei befreit sich ineinander
spiegeln, dann bilden Mann und Frau den ursprünglichen Körper neu
aus und Begierde und Begehren versinken ineinander. Es ensteht Liebe.
Liebe ist der große Spiegel, der aus zwei Geschlechtern eins macht.
Wenn ich den äußeren Text entferne, dann fallen auch die Körper
der Liebenden auseinander und es bleiben als Reste der Not reale
Wunden. Dies Wunden erscheinen im Text Schrebers im Bild oder Begriff
des Leichengifts. Das Leichengift sind die Bruchstücke dieses alten
Textes menschlicher Not. Die Wunden auf dem Körper symbolisiert in
den ersten Zeichen und zeichnet auch real die Begierde, ein
unüberwindliches Verlangen, das ganz anderes ist, ganz einem andern
gehört. Es kommt dem unfertigen Körper nach aus dem Mutterleib.
Dieses Leichengift ist im Buch das Gift
der Begierde. Es wird auch von Schreber als solches erkannt und als
Bild in ein Buch geklebt: das ist die Geschichte der Vögel, etwas
auch die der Insekten. Es gibt nicht viele Stellen im Buch, die vom
Leichengift handeln.
Eine sprachliche Entsprechung von Rest
wäre m. E. die sinnlose 'Grundsprache', das urtümliche, und
dümmliche Deutsch, die Schimpfwörter. Also ist das Deutsche,
insofern es auftritt als göttliche Grundsprache im Buch nur schwer
verdaulicher Abfall und Restesammlung, sonst nichts.
Rest ist m. E. schon wieder wohl auch
der ungeborene Rest eines Kindes im Leib der Mutter. Das ist jedes
Kind. Die Schwangerschaften der Frau Schrebers endeten mit Fehl- und
Totgeburten. Die Geschichte ordnet sich irgendwie um den Begriff der
'vollkräftigen' an. Vollkraft wäre dann nicht nur ein anderes Wort
für Schwangerschaft sondern vielleicht auch noch ein Hinweis auf die vorläufige
Entmündigung Schrebers durch seine Frau im Sinne von Vollmacht. Alle Kinder sind Wunde und
Rest. Jetzt zum Leichengift: diese Reste in Massen stehen anfänglich
im Buch und der Geschichte des Wahns Schrebers und allgemein in
Zusammenhang mit einer primitiven Behandlungsmethode: der physischen
Entfernung des Genitales oder wesentlicher Teile davon. Das waren
Flechsigs Operationen bei psychisch kranken Frauen, die sogenannte
gynäkologische Behandlung der Hysterie – gibt es heute wohl in
Deutschland massenhaft auch ohne Hysterie –. Diese Behandlungsmethode und Wunde, die dem oben beschriebenen
Auseinander-Fallen der Körper der Liebenden entspricht, die Schreber
für sich als Drohung gesehen hat, ist Schreber als Mann natürlich
erspart geblieben. Die große Wunde ist ihm erspart worden, nicht
aber die kleinen, die dem Körper, der sich nicht äußern kann, die
Wunden nicht veräußerlichen und Zeichen andernorts nicht schaffen
kann, eingeschrieben werden. Der Körper wird Träger der Wunden und
Reste. Und Schreber selbst grenzt an der Stelle im Buch dazu den Rest
mit Anführungsstrichen aus: man hätte ihn, statt ihn zu entmannen,
plötzlich auf „der männlichen Seite zu erhalten“ versucht, um
ihm „den Verstand zu zerstören und (ihn) blödsinnig zu machen“.
Wie das gelaufen ist schreibt er nicht, ist ja Rest und
unbeschreiblich. Massenhaft, sagt er, wurde nun Leichengift bei
dieser Behandlung in seinem Körper abgeladen. Dazu gehören wohl
Körpersymptome als Krankheitsszeichen, die echt waren und sehr
plastisch geschildert werden und als Folge von Lepra und Pest
gedeutet werden. Lepra und Pest sind selbst zwar Wahn, aber auch
wieder als Worte für Gift: Wunde und Rest.
Interessant ist das seltsame Brüllen
währen der letzten beiden Jahre in der Anstalt. Es ist auch die
letzte Äußerung des Ur-Verlangens (s. oben), das auch das Verlangen
des schreienden Kindes ist, und das Schreber ins Schreiben des Buchs
wohl mit hinüber nehmen muss. Darum beginnt der Schrei-Zwang mit der
Lösung des Wahns im Buch. Eine zweite große Stelle im Buch handelt
von Leichengift: die Geschichte von denVögeln (und vielleicht auch
von den Insekten). Da ist nun das Zeichensetzen selbst zu einer
Geschichte verarbeitet worden. Die Geschichte kommt in der Gestalt
von Vogel-Wörtern und -Phrasen daher. Die Vögel sind daher nicht
blöde Mädchen, wie Freud meint, sondern Reste der 'Vorhöfe des
Himmels' also des Sexuellen an sich, und sie stellen die Begierde im
Bild dar, sind daher auch männlich und weiblich, sind alle der
kleine Vogel picus = Specht. Sie tragen das Leichengift zum Körper.
Die Erwähnung der 'Anbindung an Erden' bedeutet nur, dass es hier
nicht um einen rein abstrakten Text geht, sondern um reale Körper
und reale Zeichen als Wunden.
Weiteres Spinnen ins richtig Bizarre
rein: das Leichengift hat einen eigenen Charakter im Buch. Wo gehören
diese Reste hin? Was trennt die beiden Texte des Buches und des
Realen? Ich würde gerne dem Text des Realen die Begierde und dem
Text des Buches das Wünschen zuordnen. Geht aber nicht. Beides
Wunsch und Begierde entsteht zwischen gespiegelten Texten. Die
Geschlechtlichkeit des Menschen wird einer Spiegelung unterworfen und
zerfällt in Begierde und Wunsch. Begierde wird zu Wunsch und Wunsch
wird Begierde des Andern. Die Wirklichkeit besteht aus zwei weiteren
Texten, dem des weiblichen und dem des männlichen Körpers, beide
werden wieder überschrieben von einem Gesellschaftstext, der lässt
sich im Buch wieder zerlegen in zwei, einen wahnhaften und einen
neuen körperlichen, gleichzeitig in ein Buch über den Wahn und ein
Buch zur (partiellen) Befreiung davon (auch heraus aus der Anstalt).
Das Gift des Rests, das Leichengift ist die Verbindung zwischen den
Texten, sowohl real als auch im Begriff in der Beschreibung. An einer
Stelle werden die Texte auseinander gerissen. Durch Kastration im
Realen und durch Analyse abstrakt. Im Buch ist Leichengift ein Wort
auch für Sexualität, bezeichnet aber verschiedene Knotenpunkte
zwischen verschiedenen Texten, zwischen Körpern und Zeichen. Wenn
man Texte auf Dauer auseinanderreisst, dann bleiben einem Reste von
Wahn erhalten, die nicht mehr abbaubar sind.
Als abstraktes Texten zur Begierde
gehören die Vögel zum Schluss der Erholung des Geistes bei
Schreber, zum Interesse am andern Geschlecht, zur Pubertät, zum Wort
und zum Texten selbst, zum Begreifen durch Schreiben auch. Hier
erfolgt im Buch auch nochmal der Vergleich der 'inneren Stimmen' mit
den Vögeln. Allerdings ist das Leichengift als Vertreter der
sexuellen Begierde im Text wirklich nur Randthema des Buchs. Wenig
ist dazu da. Es ist als abstrakter Text auch der Kopfschmerz im
Hintergrund, Rest der Depression, lange Fäden, die sich in den Kopf
hineinziehen, also lang vergangenes, vergessenes und verwundenes
Leid.
Die Vögel sind nicht nur Wörter für
sich, sondern gehören auch noch zu den Insekten, den Buchstaben die
ihnen folgen, die sie – hier spinn ich schon wieder – fressen,
aber auch abladen wieder als Exkremente und als Leichengift. Sie
berühren den Körper, auf Dermatomen die Vögel und als kleine
Ekzeme die Buchstaben der Insekten als Leichengift.
Ein Nachsatz: das hier beginnt bizarr, erfährt eine Steigerung und hat ein Ergebnis das jenseits davon liegt. Wie sollte ich das in 5 Minuten schreiben! Etwas das den Kopf sprengt. Jeder neue Text ist gleich anstrengend. Und der Bauplan für eine komplette Flugmaschine der Gedanken ist noch nicht fertig.
Noch ein Nachsatz: gegen Leichengift in Form von
Hautproblemen (bei Sensiblen) gibt es ein Gegengift (was sonst), die Substanz (von Wirkstoff möchte ich hier nicht reden) heißt Alitretinoin, aber es heilt selten, es vergiftet eher, heißt: hat interessante Nebenwirkungen. Das Mittel ist ein sog. Panagonist (oder Panantagonist?) (jedenfalls ein 'für und gegen-Alles' – was auch
ein anderes Wort für 'Arzt' sein könnte, wie Pan und pan in diesem Zusammenhang einfach heißt unmenschlich einfach oder: Alles und Nichts, nimmt Alles, gibt Nichts so in etwa)