Mittwoch, 9. Januar 2013

Denkwürdigkeiten


In Schrebers Buch gibt es Themen, aber auch unbegreifliche und unsägliche Reste.

Kurz zu den Resten oder woher kommen die echten Wunden des Körpers

Vorweg ein Mythos. Der Körper des Menschen ist ein grundsätzlich durch Zwang gezeichneter. Die Not hat ihn vereinsamt. Die Not hat ihm einen Körper für sich allein gegeben. Dies ist sein erster Text, der entäußerte Körper in Not. Und wenn dieser Text steht und erarbeitet ist, dann können zwei befreit sich ineinander spiegeln, dann bilden Mann und Frau den ursprünglichen Körper neu aus und Begierde und Begehren versinken ineinander. Es ensteht Liebe. Liebe ist der große Spiegel, der aus zwei Geschlechtern eins macht. Wenn ich den äußeren Text entferne, dann fallen auch die Körper der Liebenden auseinander und es bleiben als Reste der Not reale Wunden. Dies Wunden erscheinen im Text Schrebers im Bild oder Begriff des Leichengifts. Das Leichengift sind die Bruchstücke dieses alten Textes menschlicher Not. Die Wunden auf dem Körper symbolisiert in den ersten Zeichen und zeichnet auch real die Begierde, ein unüberwindliches Verlangen, das ganz anderes ist, ganz einem andern gehört. Es kommt dem unfertigen Körper nach aus dem Mutterleib.
Dieses Leichengift ist im Buch das Gift der Begierde. Es wird auch von Schreber als solches erkannt und als Bild in ein Buch geklebt: das ist die Geschichte der Vögel, etwas auch die der Insekten. Es gibt nicht viele Stellen im Buch, die vom Leichengift handeln.
Eine sprachliche Entsprechung von Rest wäre m. E. die sinnlose 'Grundsprache', das urtümliche, und dümmliche Deutsch, die Schimpfwörter. Also ist das Deutsche, insofern es auftritt als göttliche Grundsprache im Buch nur schwer verdaulicher Abfall und Restesammlung, sonst nichts.
Rest ist m. E. schon wieder wohl auch der ungeborene Rest eines Kindes im Leib der Mutter. Das ist jedes Kind. Die Schwangerschaften der Frau Schrebers endeten mit Fehl- und Totgeburten. Die Geschichte ordnet sich irgendwie um den Begriff der 'vollkräftigen' an. Vollkraft wäre dann nicht nur ein anderes Wort für Schwangerschaft sondern vielleicht auch noch ein Hinweis auf die vorläufige Entmündigung Schrebers durch seine Frau im Sinne von Vollmacht. Alle Kinder sind Wunde und Rest. Jetzt zum Leichengift: diese Reste in Massen stehen anfänglich im Buch und der Geschichte des Wahns Schrebers und allgemein in Zusammenhang mit einer primitiven Behandlungsmethode: der physischen Entfernung des Genitales oder wesentlicher Teile davon. Das waren Flechsigs Operationen bei psychisch kranken Frauen, die sogenannte gynäkologische Behandlung der Hysterie – gibt es heute wohl in Deutschland massenhaft auch ohne Hysterie –. Diese Behandlungsmethode und Wunde, die dem oben beschriebenen Auseinander-Fallen der Körper der Liebenden entspricht, die Schreber für sich als Drohung gesehen hat, ist Schreber als Mann natürlich erspart geblieben. Die große Wunde ist ihm erspart worden, nicht aber die kleinen, die dem Körper, der sich nicht äußern kann, die Wunden nicht veräußerlichen und Zeichen andernorts nicht schaffen kann, eingeschrieben werden. Der Körper wird Träger der Wunden und Reste. Und Schreber selbst grenzt an der Stelle im Buch dazu den Rest mit Anführungsstrichen aus: man hätte ihn, statt ihn zu entmannen, plötzlich auf „der männlichen Seite zu erhalten“ versucht, um ihm „den Verstand zu zerstören und (ihn) blödsinnig zu machen“. Wie das gelaufen ist schreibt er nicht, ist ja Rest und unbeschreiblich. Massenhaft, sagt er, wurde nun Leichengift bei dieser Behandlung in seinem Körper abgeladen. Dazu gehören wohl Körpersymptome als Krankheitsszeichen, die echt waren und sehr plastisch geschildert werden und als Folge von Lepra und Pest gedeutet werden. Lepra und Pest sind selbst zwar Wahn, aber auch wieder als Worte für Gift: Wunde und Rest.
Interessant ist das seltsame Brüllen währen der letzten beiden Jahre in der Anstalt. Es ist auch die letzte Äußerung des Ur-Verlangens (s. oben), das auch das Verlangen des schreienden Kindes ist, und das Schreber ins Schreiben des Buchs wohl mit hinüber nehmen muss. Darum beginnt der Schrei-Zwang mit der Lösung des Wahns im Buch. Eine zweite große Stelle im Buch handelt von Leichengift: die Geschichte von denVögeln (und vielleicht auch von den Insekten). Da ist nun das Zeichensetzen selbst zu einer Geschichte verarbeitet worden. Die Geschichte kommt in der Gestalt von Vogel-Wörtern und -Phrasen daher. Die Vögel sind daher nicht blöde Mädchen, wie Freud meint, sondern Reste der 'Vorhöfe des Himmels' also des Sexuellen an sich, und sie stellen die Begierde im Bild dar, sind daher auch männlich und weiblich, sind alle der kleine Vogel picus = Specht. Sie tragen das Leichengift zum Körper. Die Erwähnung der 'Anbindung an Erden' bedeutet nur, dass es hier nicht um einen rein abstrakten Text geht, sondern um reale Körper und reale Zeichen als Wunden.
Weiteres Spinnen ins richtig Bizarre rein: das Leichengift hat einen eigenen Charakter im Buch. Wo gehören diese Reste hin? Was trennt die beiden Texte des Buches und des Realen? Ich würde gerne dem Text des Realen die Begierde und dem Text des Buches das Wünschen zuordnen. Geht aber nicht. Beides Wunsch und Begierde entsteht zwischen gespiegelten Texten. Die Geschlechtlichkeit des Menschen wird einer Spiegelung unterworfen und zerfällt in Begierde und Wunsch. Begierde wird zu Wunsch und Wunsch wird Begierde des Andern. Die Wirklichkeit besteht aus zwei weiteren Texten, dem des weiblichen und dem des männlichen Körpers, beide werden wieder überschrieben von einem Gesellschaftstext, der lässt sich im Buch wieder zerlegen in zwei, einen wahnhaften und einen neuen körperlichen, gleichzeitig in ein Buch über den Wahn und ein Buch zur (partiellen) Befreiung davon (auch heraus aus der Anstalt). Das Gift des Rests, das Leichengift ist die Verbindung zwischen den Texten, sowohl real als auch im Begriff in der Beschreibung. An einer Stelle werden die Texte auseinander gerissen. Durch Kastration im Realen und durch Analyse abstrakt. Im Buch ist Leichengift ein Wort auch für Sexualität, bezeichnet aber verschiedene Knotenpunkte zwischen verschiedenen Texten, zwischen Körpern und Zeichen. Wenn man Texte auf Dauer auseinanderreisst, dann bleiben einem Reste von Wahn erhalten, die nicht mehr abbaubar sind.
Als abstraktes Texten zur Begierde gehören die Vögel zum Schluss der Erholung des Geistes bei Schreber, zum Interesse am andern Geschlecht, zur Pubertät, zum Wort und zum Texten selbst, zum Begreifen durch Schreiben auch. Hier erfolgt im Buch auch nochmal der Vergleich der 'inneren Stimmen' mit den Vögeln. Allerdings ist das Leichengift als Vertreter der sexuellen Begierde im Text wirklich nur Randthema des Buchs. Wenig ist dazu da. Es ist als abstrakter Text auch der Kopfschmerz im Hintergrund, Rest der Depression, lange Fäden, die sich in den Kopf hineinziehen, also lang vergangenes, vergessenes und verwundenes Leid.
Die Vögel sind nicht nur Wörter für sich, sondern gehören auch noch zu den Insekten, den Buchstaben die ihnen folgen, die sie – hier spinn ich schon wieder – fressen, aber auch abladen wieder als Exkremente und als Leichengift. Sie berühren den Körper, auf Dermatomen die Vögel und als kleine Ekzeme die Buchstaben der Insekten als Leichengift.


Ein Nachsatz: das hier beginnt bizarr, erfährt eine Steigerung und hat ein Ergebnis das jenseits davon liegt. Wie sollte ich das in 5 Minuten schreiben! Etwas das den Kopf sprengt. Jeder neue Text ist gleich anstrengend. Und der Bauplan für eine komplette Flugmaschine der Gedanken ist noch nicht fertig.

Noch ein Nachsatz: gegen Leichengift in Form von Hautproblemen (bei Sensiblen) gibt es ein Gegengift (was sonst), die Substanz (von Wirkstoff möchte ich hier nicht reden) heißt Alitretinoin, aber es heilt selten, es vergiftet eher, heißt: hat interessante Nebenwirkungen. Das Mittel ist ein sog. Panagonist (oder Panantagonist?) (jedenfalls ein 'für und gegen-Alles' – was auch ein anderes Wort für 'Arzt' sein könnte, wie Pan und pan in diesem Zusammenhang einfach heißt unmenschlich einfach oder: Alles und Nichts, nimmt Alles, gibt Nichts so in etwa)