Paranoia/Schizophrenie
'Paranoia'
ist zur Zeit Schrebers mit Kraepelin eine Bezeichnung für ein
geistiges Verrückt-Sein, das intellektuelle Defizite nicht zur Folge
hat. Es war die Zeit der eingemachten Gehirne. Paranoia heute ist
etwas anderes. Es ist ein Verrückt-Sein, das mit realen Gegnern und
kranken Phantasien und un/ordentlichen Gedanken im Sinne von falschen
Verknüpfungen realer Elemente spielt, weniger ist dabei das
Sinn-System selbst mit den Sinnen betroffen. Daneben gibt es die
Schizophrenen, denen Sinn, Sinne, Denken - nicht die Gedanken - auseinanderfallen. Paranoia/Verfolgungswahn und
Schizophrenie/Spaltungsirresein betrachtet man in der Psychiatrie und
Psilyse aber trotzdem (?) irgendwie als schwer unterscheidbare
Wahnsysteme, mit riesiger Schnittmenge bei den Symptomen. Eine für
Ärzte-Schädel als eingemachte = approbierte = geprüfte (also mit Schreber: ungereinigte) Gehirne sinnvolle Verwirrung ist das. In der Psychiatrie
findet eine klare Definition der Paranoia deshalb nicht statt, weil
Wahn insgesamt ja von Normalität geschieden werden soll. Paranoia
aber ist selber Normalität, die Normalität der Ohnmacht und der
Wahn der Ohnmächtigen (zum Wahn der Gebildeten und eingebildet Mächtigen). Das muss versteckt sein. Aus diesem Grunde
darf sich die Paranoia auch kräftig im Reich der Symptome des
Schizophrenen bedienen. Ein Beispiel für den Unterschied: der
Paronoide hat einen eingebildeten Verfolger, den er als Drahtzieher
(metaphorisch) für irgendwas un/heimlich Un/erwünschtes 'erkennt' -
Der Schizo hat einen dem Traum entliehenen echten Draht-Zieher, mit
dem er mehr oder weniger freundlich um seine unbestimmten Gedanken
und sein Wahrnehmen ringt, haluzinatorisch oder schriflich und
traumhaft. Der Schizophrenie wird also durch die Verbindung mit der
Paranoia die exakte Analyse ebenfalls versagt (vom Paranoiden). Netter Trick. Sie,
die vom Realen abgehoben ist, wird durch die Verbindung mit der
Paranoia ein Gegenbild zum Realen und soll damit echter 'Wahn'
werden. Sie ist aber nicht Wahn, sondern Öffnung des Denkens, also
Analyse selbst. Anne-Liese vielleicht. Die Diagnose 'Paranoia' im Sinne Kraepelins durfte
Schreber für sich zurecht zurückweisen. Er war ja nicht neben sich
und seinem Verstand, sondern tief in ihm drin, im Verstand, nicht im
Wahn! Kraepelins Wahn und der unserer Psychiater und Annalytiker ist
schlicht falsch. Es ist nur ihr eigener. Es gibt keinen
unbegreiflichen fremden und kranken Wahn, der im Gegensatz zum Realen
und Normalen steht. Schrebers 'Wahn' war seine ihm eigene Analyse, sein Verstand
in seinen Bestandteilen und sein Schreiben, Beschreiben. Für
Schrebers 'Wahn' nehmen wir also den Schizo-Begriff, sein Wahnen hat
ihm das Denken und dem Leser vielleicht die Augen geöffnet, mit
Drähten durch Drahtzieher. Augen auf, Augen zu! Zu den Schizophrenen rechnet man zu
unrecht, aber recht großzügig heute auch noch die Schwachsinnigen,
denn ansonsten bräuchte man ja keine Ärzte in der Anstalt: denn die
Dementen brauchen nur Pfleger und die Schizos brauchen nur
verständnisvolle Deutung und Liebe. Wozu also Heiler? Mit den Schwachsinnigen in der
Truppe kann man aber das geamte Kollektiv internieren und für die
Um-Deutung können sich Schein-heiler (Psychioten) selbst engagieren
– und schon ist der Arzt in der Anstalt und schnell übernimmt er
vom Schizo die Gleichgültigkeit und vom Dementen die Dummheit. Ist doch Beamten-Bequemlichkeit? Dem
Schizo ist das nun mal wieder egal und der Schwachsinnige ist sowieso
lieb und nachsichtig. Es wär das echte Paradies, wenn da nicht einer Fehl
am Platz wär. Einem geht auf, dass die Bühne der Anstalt irgendwie sein
Wahnsystem ist. Die Wahrheit scheidet aus und Schreber ist raus.
Noch
ein Gedankenspiel dazu: alle echt Wahnsinnigen – mit Kraepelin (als
einem von ihnen) – zeigen also keinerlei intellektuelle Defizite.
Wenn wir jetzt aber noch die angeblich Dementen als die eigentlich
Klugen in der Anstalt erkennen, als die Simplen, dem praktischen
Leben Zugewandten, dann könnten wir alle entlassen, in eine Welt, in
der sie wohl unauffällig untertauchen könnten. Abzüglich der Ärzte
ist die Welt draußen wie die Welt drinnen. Die Ärzte bleiben also
drin und über den Eingang der Anlage schreiben wir 'Club
Wahn-Inclusive“. Urlaub war es für die Herren Schreibtisch-Behandler ja schon
immer.
Zurück
zu Schreber: als 'krank' in der Anstalt war Schreber selbst Analyse
und Selbstanalyse, Opfer einer Eingebung, Offenbarung und
Erleuchtung. Der Körper wurde ihm vom Geist und Sinn äußerer Werte
getrennt durch Gewalt, die Sinne wurden ihm vom Hirn gerissen durch
das Nekrin (irgendwas mit Morphium wahrscheinlich?) und Schreber
selbst hat sich den Kopf und das Hirn zerbrochen in zwei Teile beim
Schreiben der Wiederherstellung des Sinns. Da haben wir wieder die
drei Wahnsinnigen: den verlorenen Paranoiden, den niedergerungenen
Dementen und den Schizophrenen im Aufstand der Selbstbefreiung.
Die
Texte des Realen sind vielfältig (Recht, Beruf, Familie, Ehe, Schule
… und und und) erzeugen jedoch für sich nicht das Gefühl der Realität. Sie
sind an sich tot. Text – Sprache – Bild – Sinne – Zeichen mit
Textbezug. Es ist ein Kreis mit Schwerpunkt Text oder Schwerpunkt
Zeichen. Das eine ist Realität mit Phantasie-Anteil, das andere
Traum mit Text-Rest. Filmriss. Filmido. So entsteht Realität, ihr
Genies. Das Buch ist der Gegentext zum Text des Realen und erzeugt
einen Wachtraum, der so gestaltet ist, dass Schreber darin leben kann
– mit gewissen Einschränkungen. In Schrebers Buch spricht der
Geist in verkehrter Richtung, er geht den Weg des Traums: Sinne –
Bild – Sprache. Warum im Prozess der Restaurierung des
angegriffenen Körpers/Kopfs Schrebers durch dessen unzerstörbaren
Intellekt eine direkte Anbindung der äußeren Texte des Zwangs an
die Sprache nicht mehr erfolgt ist, ist doch klar: Schreber war sauer
und er ist boshaft und er hat ein Buch dazwischen geschoben und nicht
paranoiden Ärzte als Vertreter der normalen geprüften Wahns das
Ein-Sagen erlaubt. Ein Buch, das ruft „halt!“. Lohn dafür war ein
wollüstig-euphorisches Triumphgefühl und eine im Buch erhalten
gebliebene Offenbarung der Geister. Preis war ein Brüller (ein
vieldeutiger) und ein ewiges Stimmenrauschen, Buchstaben-Gewimmel.
Schreber war nicht paranoid (in unserem Sinn). Er hat nur die
Vertreter der geschriebenen und geprüften Zeichensysteme aus seinem
Buch und seinem Kopf verwiesen. Er hat allen verziehen. Er hat die
Namen seiner wahnsinnigen Peiniger verwendet, aber ihr Handeln ins Undeutliche und fast Undeutbare verfremdet. Raus mit ihnen! Der
Buchtext ist geschützt. Durch ihre Deutungen oder Klagen (auch vor
Gericht) wären die dargestellten Figuren mit einem Schuldbekenntnis
aus dem Buch herausgetreten – und verurteilt worden. Kleiner Flechsig! Flechsiglein bleibt allein. Schreber war
nicht paranoid, hat er doch alle Paranoiden aus seinem Text
ausgeschlossen, die gesichtslosen, namenlosen Verfolger der andern,
die Wahrheit heißen, Wahn und System. Der Paranoide distanziert sich
nicht von seinem Wahn, er arbeitet ihn nicht auf, sondern ab, er
wetzt immer sich und seinen Wahn an sich und den anderen im Realen
ab. Ab-wetz-arbeiten heißt für ihn, dass er das, was ihn stört,
vernichtet und wirklich umformt und verbiegt. Ein Paranoider
behauptet immer die absolute Autorität für sich und ist nie im
eigenen Wahn und Text und Buch als Figur verfremdet mit vertreten, er
ist als 'ich' und 'er' immer in einer einzigen Realität, beide sind
als gleich und echt für uns dort zu finden. Der Paranoide schreibt
über sich real, seine Erlebnisse sind reale, seine Handlungen sind
real, die Gründe sind leer und sinnlos, die Handlungen auch. Für jeden gefährlich. Schreber ist zwar auch als Autor da und real, jedoch ist er daneben
wahnhaft vor allem in der dritten Person als Figur da, die in einer
surrealen Umgebung agiert. Die Realtität Schrebers im Wahn berührt
in vielen Punkten unsere Realität überhaupt nicht. Der Wahn ist
traumhaft irreal bunt. Wir haben auch seinen Körper nicht, um den
Traum mit zu träumen. Wir ahnen ihn. In der Welt des Paranoiden sind
wir hingegen voll drin. Mit einem Paranoiden und seiner langweilig
grauen Welt kann und muss man sich auseinandersetzen, weil er uns in
unserer Welt gefährlich werden kann. Schreber geht als Autor dagegen
nur widerstandslos im Realen auf, er versucht nichts und niemanden zu
ändern, ist freundlich, demütig, harmlos, verzeihend als Mensch und
anderseits eine Figur des eigenen Wahns, ringt nur mit Ideen als
Objekten. Seine Wirklichkeit, in der er lebt und die
Wahn-Wirklichkeit, die er träumt, berühren sich nur an einer
Stelle: in der Seelen-Wollust eines subjektlosen Körpers. Das
Berufungsverfahren dokumentiert und bestätigtigt im Urteil die
Harmlosigkeit Schrebers im 'Wahn' neben der absoluten Berechenbarkeit
des Autors in den Geschäften des Alltags und damit seine
uneingeschränkte Geschäftsfähigkeit und einen kleinen Rest von
Autorität als Jurist natürlich auch. Aber auch vor Gericht
behauptet er vor allem seine Offenbarungen, sein klar
anti-auctoritäres Schreiben. Aus dem stummen und zum Blöden vergeblich 'kurierten' Dementen
ist ein Buch geworden, aus der erzwungenen Arbeit durch und zwecks
Selbstbefreiung ein Seelen-Wollust-Körper-Text und links (im Osten) als dunkler
Flügel ein Rest des paranoiden Wahns des Systems (seine Rechtskunde)
und rechts (im Westen) als lichter Flügel ein Rest von Sinnenklang mit
Paukenschlag (Hintergrund-Stimmen mit Brüller). Ist das Buch eine
Flugmaschine? Für ihn vielleicht. Er wurde Subjekt seines
Bilder-Buchs. Er ist der Anstalt entkommen (durchs Fenster vom
Westflügel).
Nochmals:
im Begriff der Paranoia verleugnet der Normale seinen Wahn. Den
Paranoiden und Normalen bestätigen Wahn und Welt nur das immer schon
fertige vollkommene und deutliche schein-reale Bild von sich, das
Ich. Der Paranoide behält von vornherein seinen Wahn mit großem
Aufwand unter Kontrolle, er bleibt auch im System der Zeichen als
Herr und Subjizierender, Verfolgender, und im Satz immer als 'ich' an
erster Stelle und führend kontrollierend und schön integriert, während der Schizo erst
herausgeworfen ist aus dem System und dann wieder eintaucht in die
'fremde' zu sich gedrehte Welt und am Ende als Subjekt i. S. eines
Subjizierten, Nachfolger des Objekts, Opfer und Unterworfener des
Wahnens, eines Spiels der Gedanken, ausgeschieden bleibt. Der
Paranoide sucht überall als Sucher nach Sinn, er bleibt Gefangener
des Wahns. Ein Team von Führern unter Führern und Führern. Der Schizo sucht nicht danach, weil der Sinn schon da ist
als Prädikat und Objekt (sprechende Halluzinationen) und ihm
ansonsten manchmal, wenn er schläft oder klavierspielend träumt,
freundlich von allein kommt (Schrebers Pollutionen, Schreber beim
Stuhlgang am Klavier). Was bedeutet es, wenn Schreber das
Klavierspiel u. a. als befreiend schildert vom Zwang der Gedanken
lösend und sich dabei auf einem Eimer sitzend entleert? Das heißt
ganz einfach für ihn rückschauend wie für uns auch als Leser: er
scheißt auf Behandlung und Psychiatrigkeit: die Deutung darf man sich
gönnen. Die Schizophrenie bleibt immer harmlos mit einem Rest von
Wahn. Der Paranoide bleibt humorlos auch im Schreiben und immer
paranoid und – gefährlich. Er ist in seinen Büchern, wenn er den
eigenen Wahn darlegt, nicht befreit, sondern weiter restlos darin als
Betrüger, Verbrecher, Lügner, Führer, Heiler, Erlöser. Er löst
seine Probleme mit Totschlag und Mord. Er ist vom Leichengift
verblödet (wie Schreber das nennen würde). Er hasst den Witz. Wenn
Deleuze und Guattari Schreber zum freien Wunsch-Schizotum verurteilt
haben, so könnte es auch daran gelegen haben, das die beiden
paranoid waren (oder etwas allzu sehr witzig, also freundliche Schizos). Sie
haben ihm die Offenbarung eines neuen Glaubens-nur-für-sich nicht
genehmigt und ihm den Rest-Wahn abgesprochen, wahrscheinlich oder
vielleicht ihn nur zum Über-Paranoiden hoch phantasiert, zum aktiven
Sinnzerstörer, zum reinen Widerspruch (oder doch nur zu Ihresgleichen). Das war er m. E. nicht. Ich
glaube seinen Ausführungen im Gerichtsverfahren. Ich bin halt mehr Schreber als sie. Das Begehren ist
nicht der Wille zur Macht, es ist der Wille zum Witz. Aber Witz ist spitz
und tut weh. Die Paranoiden unter den Interpreten jedenfalls müssen noch die
Berufungsschrift lesen und den traumhaften Inhalt des Buchs weniger
ernst nehmen.