Montag, 21. Januar 2013

Denkwürdigkeiten


Paranoia/Schizophrenie

'Paranoia' ist zur Zeit Schrebers mit Kraepelin eine Bezeichnung für ein geistiges Verrückt-Sein, das intellektuelle Defizite nicht zur Folge hat. Es war die Zeit der eingemachten Gehirne. Paranoia heute ist etwas anderes. Es ist ein Verrückt-Sein, das mit realen Gegnern und kranken Phantasien und un/ordentlichen Gedanken im Sinne von falschen Verknüpfungen realer Elemente spielt, weniger ist dabei das Sinn-System selbst mit den Sinnen betroffen. Daneben gibt es die Schizophrenen, denen Sinn, Sinne, Denken - nicht die Gedanken - auseinanderfallen. Paranoia/Verfolgungswahn und Schizophrenie/Spaltungsirresein betrachtet man in der Psychiatrie und Psilyse aber trotzdem (?) irgendwie als schwer unterscheidbare Wahnsysteme, mit riesiger Schnittmenge bei den Symptomen. Eine für Ärzte-Schädel als eingemachte = approbierte = geprüfte (also mit Schreber: ungereinigte) Gehirne sinnvolle Verwirrung ist das. In der Psychiatrie findet eine klare Definition der Paranoia deshalb nicht statt, weil Wahn insgesamt ja von Normalität geschieden werden soll. Paranoia aber ist selber Normalität, die Normalität der Ohnmacht und der Wahn der Ohnmächtigen (zum Wahn der Gebildeten und eingebildet Mächtigen). Das muss versteckt sein. Aus diesem Grunde darf sich die Paranoia auch kräftig im Reich der Symptome des Schizophrenen bedienen. Ein Beispiel für den Unterschied: der Paronoide hat einen eingebildeten Verfolger, den er als Drahtzieher (metaphorisch) für irgendwas un/heimlich Un/erwünschtes 'erkennt' - Der Schizo hat einen dem Traum entliehenen echten Draht-Zieher, mit dem er mehr oder weniger freundlich um seine unbestimmten Gedanken und sein Wahrnehmen ringt, haluzinatorisch oder schriflich und traumhaft. Der Schizophrenie wird also durch die Verbindung mit der Paranoia die exakte Analyse ebenfalls versagt (vom Paranoiden). Netter Trick. Sie, die vom Realen abgehoben ist, wird durch die Verbindung mit der Paranoia ein Gegenbild zum Realen und soll damit echter 'Wahn' werden. Sie ist aber nicht Wahn, sondern Öffnung des Denkens, also Analyse selbst. Anne-Liese vielleicht. Die Diagnose 'Paranoia' im Sinne Kraepelins durfte Schreber für sich zurecht zurückweisen. Er war ja nicht neben sich und seinem Verstand, sondern tief in ihm drin, im Verstand, nicht im Wahn! Kraepelins Wahn und der unserer Psychiater und Annalytiker ist schlicht falsch. Es ist nur ihr eigener. Es gibt keinen unbegreiflichen fremden und kranken Wahn, der im Gegensatz zum Realen und Normalen steht. Schrebers 'Wahn' war seine ihm eigene Analyse, sein Verstand in seinen Bestandteilen und sein Schreiben, Beschreiben. Für Schrebers 'Wahn' nehmen wir also den Schizo-Begriff, sein Wahnen hat ihm das Denken und dem Leser vielleicht die Augen geöffnet, mit Drähten durch Drahtzieher. Augen auf, Augen zu! Zu den Schizophrenen rechnet man zu unrecht, aber recht großzügig heute auch noch die Schwachsinnigen, denn ansonsten bräuchte man ja keine Ärzte in der Anstalt: denn die Dementen brauchen nur Pfleger und die Schizos brauchen nur verständnisvolle Deutung und Liebe. Wozu also Heiler? Mit den Schwachsinnigen in der Truppe kann man aber das geamte Kollektiv internieren und für die Um-Deutung können sich Schein-heiler (Psychioten) selbst engagieren – und schon ist der Arzt in der Anstalt und schnell übernimmt er vom Schizo die Gleichgültigkeit und vom Dementen die Dummheit. Ist doch Beamten-Bequemlichkeit? Dem Schizo ist das nun mal wieder egal und der Schwachsinnige ist sowieso lieb und nachsichtig. Es wär das echte Paradies, wenn da nicht einer Fehl am Platz wär. Einem geht auf, dass die Bühne der Anstalt irgendwie sein Wahnsystem ist. Die Wahrheit scheidet aus und Schreber ist raus.
Noch ein Gedankenspiel dazu: alle echt Wahnsinnigen – mit Kraepelin (als einem von ihnen) – zeigen also keinerlei intellektuelle Defizite. Wenn wir jetzt aber noch die angeblich Dementen als die eigentlich Klugen in der Anstalt erkennen, als die Simplen, dem praktischen Leben Zugewandten, dann könnten wir alle entlassen, in eine Welt, in der sie wohl unauffällig untertauchen könnten. Abzüglich der Ärzte ist die Welt draußen wie die Welt drinnen. Die Ärzte bleiben also drin und über den Eingang der Anlage schreiben wir 'Club Wahn-Inclusive“. Urlaub war es für die Herren Schreibtisch-Behandler ja schon immer.
Zurück zu Schreber: als 'krank' in der Anstalt war Schreber selbst Analyse und Selbstanalyse, Opfer einer Eingebung, Offenbarung und Erleuchtung. Der Körper wurde ihm vom Geist und Sinn äußerer Werte getrennt durch Gewalt, die Sinne wurden ihm vom Hirn gerissen durch das Nekrin (irgendwas mit Morphium wahrscheinlich?) und Schreber selbst hat sich den Kopf und das Hirn zerbrochen in zwei Teile beim Schreiben der Wiederherstellung des Sinns. Da haben wir wieder die drei Wahnsinnigen: den verlorenen Paranoiden, den niedergerungenen Dementen und den Schizophrenen im Aufstand der Selbstbefreiung.
Die Texte des Realen sind vielfältig (Recht, Beruf, Familie, Ehe, Schule … und und und) erzeugen jedoch für sich nicht das Gefühl der Realität. Sie sind an sich tot. Text – Sprache – Bild – Sinne – Zeichen mit Textbezug. Es ist ein Kreis mit Schwerpunkt Text oder Schwerpunkt Zeichen. Das eine ist Realität mit Phantasie-Anteil, das andere Traum mit Text-Rest. Filmriss. Filmido. So entsteht Realität, ihr Genies. Das Buch ist der Gegentext zum Text des Realen und erzeugt einen Wachtraum, der so gestaltet ist, dass Schreber darin leben kann – mit gewissen Einschränkungen. In Schrebers Buch spricht der Geist in verkehrter Richtung, er geht den Weg des Traums: Sinne – Bild – Sprache. Warum im Prozess der Restaurierung des angegriffenen Körpers/Kopfs Schrebers durch dessen unzerstörbaren Intellekt eine direkte Anbindung der äußeren Texte des Zwangs an die Sprache nicht mehr erfolgt ist, ist doch klar: Schreber war sauer und er ist boshaft und er hat ein Buch dazwischen geschoben und nicht paranoiden Ärzte als Vertreter der normalen geprüften Wahns das Ein-Sagen erlaubt. Ein Buch, das ruft „halt!“. Lohn dafür war ein wollüstig-euphorisches Triumphgefühl und eine im Buch erhalten gebliebene Offenbarung der Geister. Preis war ein Brüller (ein vieldeutiger) und ein ewiges Stimmenrauschen, Buchstaben-Gewimmel. Schreber war nicht paranoid (in unserem Sinn). Er hat nur die Vertreter der geschriebenen und geprüften Zeichensysteme aus seinem Buch und seinem Kopf verwiesen. Er hat allen verziehen. Er hat die Namen seiner wahnsinnigen Peiniger verwendet, aber ihr Handeln ins Undeutliche und fast Undeutbare verfremdet. Raus mit ihnen! Der Buchtext ist geschützt. Durch ihre Deutungen oder Klagen (auch vor Gericht) wären die dargestellten Figuren mit einem Schuldbekenntnis aus dem Buch herausgetreten – und verurteilt worden. Kleiner Flechsig! Flechsiglein bleibt allein. Schreber war nicht paranoid, hat er doch alle Paranoiden aus seinem Text ausgeschlossen, die gesichtslosen, namenlosen Verfolger der andern, die Wahrheit heißen, Wahn und System. Der Paranoide distanziert sich nicht von seinem Wahn, er arbeitet ihn nicht auf, sondern ab, er wetzt immer sich und seinen Wahn an sich und den anderen im Realen ab. Ab-wetz-arbeiten heißt für ihn, dass er das, was ihn stört, vernichtet und wirklich umformt und verbiegt. Ein Paranoider behauptet immer die absolute Autorität für sich und ist nie im eigenen Wahn und Text und Buch als Figur verfremdet mit vertreten, er ist als 'ich' und 'er' immer in einer einzigen Realität, beide sind als gleich und echt für uns dort zu finden. Der Paranoide schreibt über sich real, seine Erlebnisse sind reale, seine Handlungen sind real, die Gründe sind leer und sinnlos, die Handlungen auch. Für jeden gefährlich. Schreber ist zwar auch als Autor da und real, jedoch ist er daneben wahnhaft vor allem in der dritten Person als Figur da, die in einer surrealen Umgebung agiert. Die Realtität Schrebers im Wahn berührt in vielen Punkten unsere Realität überhaupt nicht. Der Wahn ist traumhaft irreal bunt. Wir haben auch seinen Körper nicht, um den Traum mit zu träumen. Wir ahnen ihn. In der Welt des Paranoiden sind wir hingegen voll drin. Mit einem Paranoiden und seiner langweilig grauen Welt kann und muss man sich auseinandersetzen, weil er uns in unserer Welt gefährlich werden kann. Schreber geht als Autor dagegen nur widerstandslos im Realen auf, er versucht nichts und niemanden zu ändern, ist freundlich, demütig, harmlos, verzeihend als Mensch und anderseits eine Figur des eigenen Wahns, ringt nur mit Ideen als Objekten. Seine Wirklichkeit, in der er lebt und die Wahn-Wirklichkeit, die er träumt, berühren sich nur an einer Stelle: in der Seelen-Wollust eines subjektlosen Körpers. Das Berufungsverfahren dokumentiert und bestätigtigt im Urteil die Harmlosigkeit Schrebers im 'Wahn' neben der absoluten Berechenbarkeit des Autors in den Geschäften des Alltags und damit seine uneingeschränkte Geschäftsfähigkeit und einen kleinen Rest von Autorität als Jurist natürlich auch. Aber auch vor Gericht behauptet er vor allem seine Offenbarungen, sein klar anti-auctoritäres Schreiben. Aus dem stummen und zum Blöden vergeblich 'kurierten' Dementen ist ein Buch geworden, aus der erzwungenen Arbeit durch und zwecks Selbstbefreiung ein Seelen-Wollust-Körper-Text und links (im Osten) als dunkler Flügel ein Rest des paranoiden Wahns des Systems (seine Rechtskunde) und rechts (im Westen) als lichter Flügel ein Rest von Sinnenklang mit Paukenschlag (Hintergrund-Stimmen mit Brüller). Ist das Buch eine Flugmaschine? Für ihn vielleicht. Er wurde Subjekt seines Bilder-Buchs. Er ist der Anstalt entkommen (durchs Fenster vom Westflügel).
Nochmals: im Begriff der Paranoia verleugnet der Normale seinen Wahn. Den Paranoiden und Normalen bestätigen Wahn und Welt nur das immer schon fertige vollkommene und deutliche schein-reale Bild von sich, das Ich. Der Paranoide behält von vornherein seinen Wahn mit großem Aufwand unter Kontrolle, er bleibt auch im System der Zeichen als Herr und Subjizierender, Verfolgender, und im Satz immer als 'ich' an erster Stelle und führend kontrollierend und schön integriert, während der Schizo erst herausgeworfen ist aus dem System und dann wieder eintaucht in die 'fremde' zu sich gedrehte Welt und am Ende als Subjekt i. S. eines Subjizierten, Nachfolger des Objekts, Opfer und Unterworfener des Wahnens, eines Spiels der Gedanken, ausgeschieden bleibt. Der Paranoide sucht überall als Sucher nach Sinn, er bleibt Gefangener des Wahns. Ein Team von Führern unter Führern und Führern. Der Schizo sucht nicht danach, weil der Sinn schon da ist als Prädikat und Objekt (sprechende Halluzinationen) und ihm ansonsten manchmal, wenn er schläft oder klavierspielend träumt, freundlich von allein kommt (Schrebers Pollutionen, Schreber beim Stuhlgang am Klavier). Was bedeutet es, wenn Schreber das Klavierspiel u. a. als befreiend schildert vom Zwang der Gedanken lösend und sich dabei auf einem Eimer sitzend entleert? Das heißt ganz einfach für ihn rückschauend wie für uns auch als Leser: er scheißt auf Behandlung und Psychiatrigkeit: die Deutung darf man sich gönnen. Die Schizophrenie bleibt immer harmlos mit einem Rest von Wahn. Der Paranoide bleibt humorlos auch im Schreiben und immer paranoid und – gefährlich. Er ist in seinen Büchern, wenn er den eigenen Wahn darlegt, nicht befreit, sondern weiter restlos darin als Betrüger, Verbrecher, Lügner, Führer, Heiler, Erlöser. Er löst seine Probleme mit Totschlag und Mord. Er ist vom Leichengift verblödet (wie Schreber das nennen würde). Er hasst den Witz. Wenn Deleuze und Guattari Schreber zum freien Wunsch-Schizotum verurteilt haben, so könnte es auch daran gelegen haben, das die beiden paranoid waren (oder etwas allzu sehr witzig, also freundliche Schizos). Sie haben ihm die Offenbarung eines neuen Glaubens-nur-für-sich nicht genehmigt und ihm den Rest-Wahn abgesprochen, wahrscheinlich oder vielleicht ihn nur zum Über-Paranoiden hoch phantasiert, zum aktiven Sinnzerstörer, zum reinen Widerspruch (oder doch nur zu Ihresgleichen). Das war er m. E. nicht. Ich glaube seinen Ausführungen im Gerichtsverfahren. Ich bin halt mehr Schreber als sie. Das Begehren ist nicht der Wille zur Macht, es ist der Wille zum Witz. Aber Witz ist spitz und tut weh. Die Paranoiden unter den Interpreten jedenfalls müssen noch die Berufungsschrift lesen und den traumhaften Inhalt des Buchs weniger ernst nehmen.