Montag, 14. Januar 2013

Denkwürdigkeiten


Grundsprache, Sprache und Schrift

Die Deutung der Grundsprache in den Denkwürdigkeiten ist mir gern schwierig. Diese Sprache ist nicht unvermittelt göttlich, wie es manchem Interpreten scheint, der den Sonnen zu nah gekommen ist, sondern gehört schon zum Prozess der Reinigung der Seelen, zum ersten Waschvorgang in den 'Vorhöfen des Himmels'. Die Reinigung führt weg von der Sprache als Zeichensystem der Zeichenreiniger und Linguisten hin zu Verhüllung und Verkehrung der Begriffe, Ausdrücke von Schreber als Euphemismen bezeichnet, was aber im Text auch das Gegenteil davon ist, es bedeutet wohl einfach Verwandlung der Worte, Worte der Wandlung. Ein Euphemismus ist auch nur eine Schludrigkeit und rhetorische Sinnblödheit. Ich könnte mir vorstellen, dass CGJung im Buch Schrebers den Schlüssel zum seinem 'Wahn' zu sehen meinte. Er hat nämlich selbst viel geschwiegen dazu. Ein Irrtum wär das gewesen, ein großer Wahn, denn keine Deutung des Wahns gibt das Buch her, sondern eine Deutung der Welt. Wenn dem so war, hat Schreber aber einen der großen Selbstdarsteller der Analyse-Kunst-Szene mit in seine Scheinwelt hineingezogen, zu sich als Menschen hinabgerissen. Wie gut auch das Bild von Ormuzd und Ariman auf Freud und Jung passt. Schreber dürfte Jung nicht gekannt haben, höchsten geahnt. Schreber hat aber auf alle Fälle aus zwei Lichtgestalten aus eigener Zeugung (nicht seiner) zwei Schatten gemacht: "Ei verflucht, das sagt sich schwer, dass der liebe Gott sich f..... läßt." Zu den grundsprachlichen Ausdrücken gehören neben den Verhüllungen also auch einfache Flüche und Schimpfwörter. Auf die Schimpfwörter trifft man körpernah. Es sind Äußerungen der Pfleger als hingemachte Männer in Nervenanhang mit seinem Körper. Grundsprache ist Ausdruck der 'wirklichen Empfindung der Seelen' im Gegensatz zu den hohlen Phrasen der Zeichenwelt, wenn ich mal so klar sein darf. Die Worte der Grundsprache vertreten Empfindung. Sie sind des Körpers 'Rüstzeug' gegen die Welt. Wortkleid als Rüstung. Von seiner Frau bleibt Schreber in der Anstalt als Nachhall ein 'Lassen mich', scheint gegenseitiges Loslassen zu sein. Die Grundsprache gehört mehr zum Wort als zum Satz und nicht zum Text, nicht zum noch ordentlich geplanten Buch. Sie ist als 'Ei, verflucht … ' Ausdruck der Empfindung der sprechenden Vögel bei der Berührung des Körpers Schrebers. Worte als Brocken, die sie einst mal waren, fallen auf ihn. Der falsche Ausdruck ist vorher in entstellten Phrasen dahergekommen, die die sprechenden Vögel selbst nur als Fremdes und Totes, als Leichengift bei sich hatten. Phrasen, außen entstellt, Worte nah als Fluch, Fühlen innen subjektlos und frei. Und Schreber als Autor und Subjekt des Textes und Buchs redet vom Werden des Fühlens, gibt den Wahn für das Schreiben aber nicht her, er schreibt keinen neuen Text der Gewalt und des Sinns. Ich tu das mit meinen Worten auch nicht. Ich schreib doch nur Schreber fort, ich korrigiere ihn nicht, ich erkenn ihn, auch an, ich seh seinen Weg, ich geh seinen Weg, weg von den Texten des Sinns und der Gewalt hin zu einem Körper des Selbst, nicht eines neuen Selbstwerts, sonderen eines Selbsts, das sich wieder spiegelt in einem und spiegelt und spiegelt. Das neue Selbst hat als kleinen Kern den Wunsch, das Begehren und als Hülle einen neuen Begriff von Welt in einer Körperlichkeit der Erfahrung des Außen und es macht dem Körper dazu Kern und Hülle und es fliegt nicht nur der Geist, die Welt bewegt sich mit. Und es geschehen kleine Wunder. Sprachwunder werden zu Heilwundern des Körpers. Und wer das erfährt, darf nicht nur reden, er darf wieder schreiben.