Grundsprache, Sprache und Schrift
Die Deutung der Grundsprache in den Denkwürdigkeiten ist mir gern schwierig. Diese Sprache ist nicht unvermittelt göttlich, wie es manchem Interpreten scheint, der den Sonnen zu nah gekommen ist, sondern gehört
schon zum Prozess der Reinigung der Seelen, zum ersten Waschvorgang in den 'Vorhöfen des Himmels'. Die Reinigung führt weg
von der Sprache als Zeichensystem der Zeichenreiniger und Linguisten hin zu Verhüllung und Verkehrung
der Begriffe, Ausdrücke von Schreber als Euphemismen bezeichnet, was
aber im Text auch das Gegenteil davon ist, es bedeutet wohl einfach
Verwandlung der Worte, Worte der Wandlung. Ein Euphemismus ist auch nur eine Schludrigkeit und rhetorische Sinnblödheit. Ich könnte mir
vorstellen, dass CGJung im Buch Schrebers den Schlüssel zum seinem 'Wahn' zu
sehen meinte. Er hat nämlich selbst viel geschwiegen dazu. Ein Irrtum wär das gewesen, ein großer Wahn, denn
keine Deutung des Wahns gibt das Buch her, sondern eine Deutung der
Welt. Wenn dem so war, hat Schreber aber einen der großen
Selbstdarsteller der Analyse-Kunst-Szene mit in seine Scheinwelt
hineingezogen, zu sich als Menschen hinabgerissen. Wie gut auch das
Bild von Ormuzd und Ariman auf Freud und Jung passt. Schreber dürfte
Jung nicht gekannt haben, höchsten geahnt. Schreber hat aber auf alle Fälle aus zwei Lichtgestalten aus eigener Zeugung (nicht seiner) zwei Schatten gemacht: "Ei verflucht, das sagt sich schwer, dass der liebe Gott sich f..... läßt." Zu den grundsprachlichen
Ausdrücken gehören neben den Verhüllungen also auch einfache
Flüche und Schimpfwörter. Auf die Schimpfwörter trifft man
körpernah. Es sind Äußerungen der Pfleger als hingemachte Männer
in Nervenanhang mit seinem Körper. Grundsprache ist Ausdruck der
'wirklichen Empfindung der Seelen' im Gegensatz zu den hohlen Phrasen
der Zeichenwelt, wenn ich mal so klar sein darf. Die Worte der Grundsprache vertreten Empfindung. Sie
sind des Körpers 'Rüstzeug' gegen die Welt. Wortkleid als Rüstung. Von
seiner Frau bleibt Schreber in der Anstalt als Nachhall ein 'Lassen mich',
scheint gegenseitiges Loslassen zu sein. Die Grundsprache gehört
mehr zum Wort als zum Satz und nicht zum Text, nicht zum noch ordentlich geplanten Buch. Sie ist als 'Ei,
verflucht … ' Ausdruck der Empfindung der sprechenden Vögel bei
der Berührung des Körpers Schrebers. Worte als Brocken, die sie einst mal waren, fallen auf ihn. Der falsche Ausdruck ist
vorher in entstellten Phrasen dahergekommen, die die sprechenden
Vögel selbst nur als Fremdes und Totes, als Leichengift bei sich
hatten. Phrasen, außen entstellt, Worte nah als Fluch, Fühlen innen
subjektlos und frei. Und Schreber als Autor und Subjekt des Textes
und Buchs redet vom Werden des Fühlens, gibt den Wahn für das
Schreiben aber nicht her, er schreibt keinen neuen Text der Gewalt
und des Sinns. Ich tu das mit meinen Worten auch nicht. Ich schreib
doch nur Schreber fort, ich korrigiere ihn nicht, ich erkenn
ihn, auch an, ich seh seinen Weg, ich geh seinen Weg, weg von den Texten
des Sinns und der Gewalt hin zu einem Körper des Selbst, nicht eines
neuen Selbstwerts, sonderen eines Selbsts, das sich wieder spiegelt in
einem und spiegelt und spiegelt. Das neue Selbst hat als kleinen Kern den Wunsch, das Begehren
und als Hülle einen neuen Begriff von Welt in einer Körperlichkeit
der Erfahrung des Außen und es macht dem Körper dazu Kern und Hülle
und es fliegt nicht nur der Geist, die Welt bewegt sich mit. Und es
geschehen kleine Wunder. Sprachwunder werden zu Heilwundern des
Körpers. Und wer das erfährt, darf nicht nur reden, er darf wieder
schreiben.