Wunsch
und Wollust
(Schreber auf der Flucht)
Es
gibt nur zwei wirkliche Stufen des Mensch-Seins/-Werdens, und eine
abschließende imaginäre Wunsch-Stufe. Die erste ist eine der
subjektlosen Verbundenheit des Kindes mit dem allmächtigen Subjekt
der Mutter. Die zweite ist die, in der ein Subjekt aktiv und passiv
den Zeichen der Welt begegnet. Sexualität hat auf jeder Stufe der
Entwicklung ein wichtige Rolle, ist real da. Beim Menschen ist erst
mal nach der Geburt sofort ein erwachsener Mensch mit dabei und für
ihn da und wichtig, beide sind 'in Anhang' zueinander, somit ist auch
dessen Sexualität da, es ist beim Sex dabei und liegt auf dem
weiblichen Wollust-Körper dazu. Am Anfang ist Sexualität da als
reine Wollust oder weg als reiner Schmerz im Mangel und subjektloses
Schrei'n. Es gibt nur Selbst- und Körper-Sein und das Nicht-Sein.
Auf der nächsten Stufe sodann treten Wollust und Wunsch auseinander.
Sexualität ist vermittelte Wollust, wird gegeben und genommen,
ausgehandelt, ist nicht mehr nur Körper, sondern zeichenverhaftet.
Zwei Subjekte der Lust begegnen einander und eine Welt der Zeichen
tritt hinzu. Lust wird zu Lust haben im Nehmen und Geben, das
ursprünglich wollüstige Selbst wird zur kontrollierten Lust, das
anfängliche Nicht-Sein dazu wird zu Zeichen und Ich. Die
urprüngliche Wollust ist auch noch da, wie auch weiterhin die
Sexualität der Erwachsenen da ist, für das Kind ist sie ein
imaginärer Urgrund des Seins, eine Verdichtung der Liebe und Angst,
Liebe, wenn der Erwachsene da ist und Angst, wenn das Kind allein
ist. Eine dritte (ödipale) Stufe in dem Sinn, dass plötzlich
Sexualität für das Kind selbst da wäre, gibt es nicht. Sondern das
Kind wird für sich irgendwann in die Welt der Zeichen eintreten,
aber nur zusätzlich durch einen Prozess des Lernens im Spiel. Die
Welt der Zeichen wächst und wächst dem Kind zu. Die Lust bleibt
dieselbe und hat mit Sexualität unmittelbar weiterhin nichts zu tun.
Das Kind hat nun Sexualität nie aus sich und für sich gehabt. Woher
kommt sie also? Es gibt also für Kinder nur Sexualität, weil es die
vorher für Erwachsene gab und für Erwachsene gib es die Sexualität
nur deshalb, weil sie ihnen vermittelt wurde? Das scheint widersinnig
zu sein. Es gibt aber für den Menschen überhaupt keine
unvermittelte Fortpflanzungs-Sexualität sondern nur einen Rest davon
in einem Stück auf der Bühne. D. h. schon die Sexualität für das
Kind war nur ein Traum der Erwachsenen mit einem Rest Körperlichkeit.
Trotzdem gibt es Missbrauch und nicht nur Traum an Traum. Gewalt soll
nicht sein und kommt doch dazu und ist zuerst die physische
Verletzung und das Liegenlassen, dann ist es die Verletzung und
gewaltsame Unterbrechnung von Geben und Nehmen von Lust. Beides gibt
es dauernd, man nennt es Erziehung. Erziehung erzeugt beim Kleinkind
nur reinen Schmerz und Brüllen, auf der zweiten Stufe dann ein
zuviel von Liebe und Angst, eine Sucht nach Geborgenheit und Sinn und
panische Angst vorm Alleinsein und Selbstverlust. Niemand ist aber an
sich Schuld. Gewalt ist irgendwie anfänglich wohl äußeres Ereignis
gewesen. Meteorit bringt das Himmelseisen. Zurück zur Welt unserer Zeichen. Es gibt also keine dritte Stufe, auf der die Sexualität für
das Kind dazukommt. D. h. es gibt keinen realen Ödipus, keine
plötzlich eintretende Geschlechtlichkeit im Wirklichen, sondern
immer nur ein Spiel auf der wirklichen Bühne. Von den wahrhaft Verwundeten und
ihren widerlichen Tätern rede ich hier nicht, beide tun mir zu sehr
weh. Auf der Bühne findet nur scheinbar nochmal ein Rollentausch
statt, sobald das Individuum geschlechtsreif ist. Geschlechtsreif ist
der Mensch nur als Herr der Welt der Zeichen. Der Weg dorthin hat
kurz nach der Geburt begonnen und endet mit einer Rolle in der
Gesellschaft. Dort kann der Mensch als Protagonist eines Stücks zum
Autor desselben werden, muss aber nicht, er kann auch beide Rollen
einnehmen, es sind eh nur Rollen. Was ist, wenn der Autor in diesem
Sinne (so etwa in der Pubertät oder auch viel später) aus dem Stück
heraustritt? Er hat auf der Bühne zwei Wollust-Qualitäten: eine
imaginäre kleine Wollust, die ausgehandelt wird im Spiel der
Geschlechter, im Wechselspiel eines Ich und Selbst und eine große
reale Wollust, die das Subjekt ins Selbst fallen lässt, das es
unvermittelt aber nicht mehr sein kann und nur Nichts ist und Schmerz
und Schreien des Subjekts dazu. Es geht um Lust geben und nehmen und
Lust haben und nicht-haben, Lust sein und Lust nicht-sein. Für das
der Fortpflanzungs-Sexualität beraubte Wesen und Mensch-Tier wird es
nun auf der Bühne des Lebens kompliziert. Alle Beteiligten sind in
eine Welt auf der Bühne, in die Welt der Zeichen, getreten. Das
heißt natürlich auch, dass Lernen keinen Erkenntnisgewinn bringt,
sondern nur größere Verwirrung und immer hinkt der Verstand
hinterher. Ich wollt, ich hätt nie ein Buch gelesen. Bei der kleinen
Lust ist der Mensch Autor, und Ich und Selbst gleichwertig. Bei der
großen ist er nur immer entweder draußen, also Autor und ich oder
drinnen also Selbst. Die große Wollust ist die eines andern oder
seine mit Schmerz und Depression. Die kleine Wollust ist ein Theaterstück,
die große ist großer Wahn und Bühne. Beides ist wirklich, aber nicht echt. Echt wäre
der Selbstverlust bei der großen Wollust in Wunde und Tod. Damit
wären wir wieder beim Vergewaltiger, der nicht zum Spiel gehört, sondern es zerstört (Vergewaltigung und Mord braucht kein Verstehen).
Der große Selbstverlust führt aber nur zum kleinen Tod, zu einem
symbolischen in einem Symptom oder in Depression. Das einzige Reale
ist ihm der Schmerz. Genauer der Schmerz behauptet Realität zu
sein. Er ist die Realität, die es wirklich nicht gibt. Schmerz ist
ein Begriff, der den Körper einnimmt. Was folgt für die Geschichte
der Menschheit, wenn wir schon mal beim Größen-Wahn sind und uns scheinbar als großer Mann gebärden wollen, uns eigentlich körperlich weiten: es gab auch nur zwei Abschnitte:
Prähistorisches und Historisches. Das Historische ist
patriarchalisch. Von uns ist das Historische nachträglich als Stück
inszeniert. Wenn man das Stück umschreibt, und es dem Körper
gefühlsmäßig passend macht, dann darf man auch die Vorgeschichte
zu einer matriarchalen umschreiben, wobei aber auch dort nicht die
Frau und Mutter, sondern nur der Körper regieren darf. Das hab ich
versucht zu tun. Bei Schreber wird als erster Schritt in Richtung
einer Neu-Ordnung in seiner Inszenierung der Welt der dafür
erforderliche Körper geschaffen. Schreber ist das für sich nicht
restlos recht, aber er nimmt es in Demut hin. Die Aufgabe der
Interpreten der Denkwürdigkeiten ist es nicht, Schreber nun
nachträglich aufzuwerten als paranoiden Sinnschreiber, der sich
seine Welt durch den Wahn wieder erarbeitet hätte gegen 'Fehler' der
Erziehung - er bleibt ja überall im Wahn, nur hat er zusätzlich
einen großen Wollust-Körper - (falscher Ansatz der traditionellen Psychoanalyse), oder ihn abzuwerten, indem man ihn zum körperlosen
Autor einer schriftlichen Wunsch-Maschine macht (Deleuze/Guttari). Da
fehlt doch die große Wollust. Nein. Wir wollen nicht die
immergleichen Phrasen wiederholen, die auch Schreber bis zum Schluss
verfolgt haben. Er hatte einen Wollust-Körper und hat ihn gegen die heranfliegenden wunderlichen Phrasen verteidigt, wir müssen ihn, diesen Körper, uns auch nehmen, wenn wir ihn, Schreber, verstehen wollen, wir müssen ihn richtig lesen, mit der Lust,
Depressionen und Schmerzen, ihn neu schreiben, und als Autoren müssen
wir uns für ihn verantworten. Wir müssen die Körperlichkeit, auf
die Schreber mit roher Gewalt passiv geworfen wurde, uns aktiv
nehmen. Sie ist nämlich einfach da. Wir dürfen mehr als nur
wünschen, wir dürfen versuchen der eine Körper zu sein.