Sonntag, 27. Januar 2013

Denkwürdigkeiten



Wunsch und Wollust
(Schreber auf der Flucht)

Es gibt nur zwei wirkliche Stufen des Mensch-Seins/-Werdens, und eine abschließende imaginäre Wunsch-Stufe. Die erste ist eine der subjektlosen Verbundenheit des Kindes mit dem allmächtigen Subjekt der Mutter. Die zweite ist die, in der ein Subjekt aktiv und passiv den Zeichen der Welt begegnet. Sexualität hat auf jeder Stufe der Entwicklung ein wichtige Rolle, ist real da. Beim Menschen ist erst mal nach der Geburt sofort ein erwachsener Mensch mit dabei und für ihn da und wichtig, beide sind 'in Anhang' zueinander, somit ist auch dessen Sexualität da, es ist beim Sex dabei und liegt auf dem weiblichen Wollust-Körper dazu. Am Anfang ist Sexualität da als reine Wollust oder weg als reiner Schmerz im Mangel und subjektloses Schrei'n. Es gibt nur Selbst- und Körper-Sein und das Nicht-Sein. Auf der nächsten Stufe sodann treten Wollust und Wunsch auseinander. Sexualität ist vermittelte Wollust, wird gegeben und genommen, ausgehandelt, ist nicht mehr nur Körper, sondern zeichenverhaftet. Zwei Subjekte der Lust begegnen einander und eine Welt der Zeichen tritt hinzu. Lust wird zu Lust haben im Nehmen und Geben, das ursprünglich wollüstige Selbst wird zur kontrollierten Lust, das anfängliche Nicht-Sein dazu wird zu Zeichen und Ich. Die urprüngliche Wollust ist auch noch da, wie auch weiterhin die Sexualität der Erwachsenen da ist, für das Kind ist sie ein imaginärer Urgrund des Seins, eine Verdichtung der Liebe und Angst, Liebe, wenn der Erwachsene da ist und Angst, wenn das Kind allein ist. Eine dritte (ödipale) Stufe in dem Sinn, dass plötzlich Sexualität für das Kind selbst da wäre, gibt es nicht. Sondern das Kind wird für sich irgendwann in die Welt der Zeichen eintreten, aber nur zusätzlich durch einen Prozess des Lernens im Spiel. Die Welt der Zeichen wächst und wächst dem Kind zu. Die Lust bleibt dieselbe und hat mit Sexualität unmittelbar weiterhin nichts zu tun. Das Kind hat nun Sexualität nie aus sich und für sich gehabt. Woher kommt sie also? Es gibt also für Kinder nur Sexualität, weil es die vorher für Erwachsene gab und für Erwachsene gib es die Sexualität nur deshalb, weil sie ihnen vermittelt wurde? Das scheint widersinnig zu sein. Es gibt aber für den Menschen überhaupt keine unvermittelte Fortpflanzungs-Sexualität sondern nur einen Rest davon in einem Stück auf der Bühne. D. h. schon die Sexualität für das Kind war nur ein Traum der Erwachsenen mit einem Rest Körperlichkeit. Trotzdem gibt es Missbrauch und nicht nur Traum an Traum. Gewalt soll nicht sein und kommt doch dazu und ist zuerst die physische Verletzung und das Liegenlassen, dann ist es die Verletzung und gewaltsame Unterbrechnung von Geben und Nehmen von Lust. Beides gibt es dauernd, man nennt es Erziehung. Erziehung erzeugt beim Kleinkind nur reinen Schmerz und Brüllen, auf der zweiten Stufe dann ein zuviel von Liebe und Angst, eine Sucht nach Geborgenheit und Sinn und panische Angst vorm Alleinsein und Selbstverlust. Niemand ist aber an sich Schuld. Gewalt ist irgendwie anfänglich wohl äußeres Ereignis gewesen. Meteorit bringt das Himmelseisen. Zurück zur Welt unserer Zeichen. Es gibt also keine dritte Stufe, auf der die Sexualität für das Kind dazukommt. D. h. es gibt keinen realen Ödipus, keine plötzlich eintretende Geschlechtlichkeit im Wirklichen, sondern immer nur ein Spiel auf der wirklichen Bühne. Von den wahrhaft Verwundeten und ihren widerlichen Tätern rede ich hier nicht, beide tun mir zu sehr weh. Auf der Bühne findet nur scheinbar nochmal ein Rollentausch statt, sobald das Individuum geschlechtsreif ist. Geschlechtsreif ist der Mensch nur als Herr der Welt der Zeichen. Der Weg dorthin hat kurz nach der Geburt begonnen und endet mit einer Rolle in der Gesellschaft. Dort kann der Mensch als Protagonist eines Stücks zum Autor desselben werden, muss aber nicht, er kann auch beide Rollen einnehmen, es sind eh nur Rollen. Was ist, wenn der Autor in diesem Sinne (so etwa in der Pubertät oder auch viel später) aus dem Stück heraustritt? Er hat auf der Bühne zwei Wollust-Qualitäten: eine imaginäre kleine Wollust, die ausgehandelt wird im Spiel der Geschlechter, im Wechselspiel eines Ich und Selbst und eine große reale Wollust, die das Subjekt ins Selbst fallen lässt, das es unvermittelt aber nicht mehr sein kann und nur Nichts ist und Schmerz und Schreien des Subjekts dazu. Es geht um Lust geben und nehmen und Lust haben und nicht-haben, Lust sein und Lust nicht-sein. Für das der Fortpflanzungs-Sexualität beraubte Wesen und Mensch-Tier wird es nun auf der Bühne des Lebens kompliziert. Alle Beteiligten sind in eine Welt auf der Bühne, in die Welt der Zeichen, getreten. Das heißt natürlich auch, dass Lernen keinen Erkenntnisgewinn bringt, sondern nur größere Verwirrung und immer hinkt der Verstand hinterher. Ich wollt, ich hätt nie ein Buch gelesen. Bei der kleinen Lust ist der Mensch Autor, und Ich und Selbst gleichwertig. Bei der großen ist er nur immer entweder draußen, also Autor und ich oder drinnen also Selbst. Die große Wollust ist die eines andern oder seine mit Schmerz und Depression. Die kleine Wollust ist ein Theaterstück, die große ist großer Wahn und Bühne. Beides ist wirklich, aber nicht echt. Echt wäre der Selbstverlust bei der großen Wollust in Wunde und Tod. Damit wären wir wieder beim Vergewaltiger, der nicht zum Spiel gehört, sondern es zerstört (Vergewaltigung und Mord braucht kein Verstehen). Der große Selbstverlust führt aber nur zum kleinen Tod, zu einem symbolischen in einem Symptom oder in Depression. Das einzige Reale ist ihm der Schmerz. Genauer der Schmerz behauptet Realität zu sein. Er ist die Realität, die es wirklich nicht gibt. Schmerz ist ein Begriff, der den Körper einnimmt. Was folgt für die Geschichte der Menschheit, wenn wir schon mal beim Größen-Wahn sind und uns scheinbar als großer Mann gebärden wollen, uns eigentlich körperlich weiten: es gab auch nur zwei Abschnitte: Prähistorisches und Historisches. Das Historische ist patriarchalisch. Von uns ist das Historische nachträglich als Stück inszeniert. Wenn man das Stück umschreibt, und es dem Körper gefühlsmäßig passend macht, dann darf man auch die Vorgeschichte zu einer matriarchalen umschreiben, wobei aber auch dort nicht die Frau und Mutter, sondern nur der Körper regieren darf. Das hab ich versucht zu tun. Bei Schreber wird als erster Schritt in Richtung einer Neu-Ordnung in seiner Inszenierung der Welt der dafür erforderliche Körper geschaffen. Schreber ist das für sich nicht restlos recht, aber er nimmt es in Demut hin. Die Aufgabe der Interpreten der Denkwürdigkeiten ist es nicht, Schreber nun nachträglich aufzuwerten als paranoiden Sinnschreiber, der sich seine Welt durch den Wahn wieder erarbeitet hätte gegen 'Fehler' der Erziehung - er bleibt ja überall im Wahn, nur hat er zusätzlich einen großen Wollust-Körper - (falscher Ansatz der traditionellen Psychoanalyse), oder ihn abzuwerten, indem man ihn zum körperlosen Autor einer schriftlichen Wunsch-Maschine macht (Deleuze/Guttari). Da fehlt doch die große Wollust. Nein. Wir wollen nicht die immergleichen Phrasen wiederholen, die auch Schreber bis zum Schluss verfolgt haben. Er hatte einen Wollust-Körper und hat ihn gegen die heranfliegenden wunderlichen Phrasen verteidigt, wir müssen ihn, diesen Körper, uns auch nehmen, wenn wir ihn, Schreber, verstehen wollen, wir müssen ihn richtig lesen, mit der Lust, Depressionen und Schmerzen, ihn neu schreiben, und als Autoren müssen wir uns für ihn verantworten. Wir müssen die Körperlichkeit, auf die Schreber mit roher Gewalt passiv geworfen wurde, uns aktiv nehmen. Sie ist nämlich einfach da. Wir dürfen mehr als nur wünschen, wir dürfen versuchen der eine Körper zu sein.