Donnerstag, 17. Januar 2013

Denkwürdigkeiten


Noch ein Einstieg


Es gibt für die Interpretation der Denkwürdigkeiten brauchbare Richtungen: Schreber als Schreiber und Betrüger, geschickt und witzig, dann Schreber als Behandlungsopfer, vergiftet mit Drogen, betrogen, misshandelt mit Hirnschaden und falscher wahnhafter Selbstdeutung und nachfolgender Entschuldigung und schriftlicher Distanzierung, und Schreber mit Körper-Gefühl und Umbrüchen des vom Körper wahrgenommenen Realen in ihm zunächst nicht erklärbaren Zufällen, später Sinnestäuschungen und schließlich schriftlicher Korrektur des Realen bestimmt vom Körperlichen. Und dann gips noch eine unbrauchbare, die Interpretation des Schwachsinns durch Leser, die nur bunte Bilder sehen, die über-deutenden, die die Schreibarbeit dann rückgängig machen möchten und das weggeschriebene Reale, die Inhalte, die Schreber als fremde im Wahn begegnen, ihm wieder zuschreiben: der Autor wird mit diesem Leser zum kleinen Selbst und Subjekt in einer sinnlosen Ich-Welt auf der Suche nach Sinn: ziemlich dürftig ist das Ergebnis dieser Interpretation, Bildung durch bunte Bilder, Sinn als Label dazu.

Ich bleib mal einfach bei Schreber, beim Schreibprozess, beim Geschriebenen und Beschriebenen, dem Buch, den Nachträgen dazu, den Gutachten, der Stellungnahme Schrebers im Berufungsprozess, dem Urteil des Berufungsrichters. Die Welt ist Schreber verloren und begegnet ihm neu als zufällig wieder sinnvoll mit Sinnes- und Sinntäuschung. Schreiben an sich ist ja nicht angreifbar, die Schrift ist unveränderlich da, ein System äußerer Zeichen, das von Vielen, für den Ort des Sinns und für richtig gehalten wird. Am geschriebenen kann man Schreber festmachen, das hat er selber ja auch gemacht: er hält sich mit dem Buch an Regeln und an der Welt fest, der Text ist inhaltlich problematisch aber nicht formal und grammatikalisch, er ist einwandfrei lesbar: Das Buch hat einen Autor und zum Wahn kommt wieder das Subjekt. Schreber war vielleicht auch vergiftet durch Medikamente. Hätte er das selbst geglaubt, hätte er kein Buch geschrieben, er hätte sich ja in anderen Büchern und Krankengeschichten nachlesen können. Es gäbe dann heute keinen Autor Schreber mit Rätsel-Wahn und Wahnsinns-Rätseln und kein Mensch wüsste, dass Flechsig winzig klein war (und wahrscheinlich das Männlein des Flechsig auch).

Wir müssen nun mit ihm, dem Autor, die 'hingewunderten' Kleinigkeiten in den Zufällen und Sinn- und Sinnestäuschungen mit dem Wahn und seiner Auflösung in Verbindung bringen. Das ist uns wieder gerne nicht leicht. Die seltsamen Zufälle und der Sinnes-/Sinnentrug gehören zum schriftlichen Aufarbeiten des Wahns. Das Schriftsystem ist wie alle anderen äußerlichen Zeichensysteme nur von innen her angreifbar, Schreiben durch Verfremdung des Zeichensinns und durch eine dies quittierende schmerzhafte Schreibarbeit. Schreber ist es gelungen, sich schreibend vom Wahn und der Anstalt zu befreien. In der Berufungsschrift schreibt Schreber: 'dem schriftliche Gedankenausdruck gegenüber erweisen sich alle Wunder machtlos' (S. 353 Text Gutenberg als epub). Es ist noch mehr als das. Auch das schreibt er in der Schrift, die zur Aufhebung der Entmündigung gehört. Mehrere Prozesse laufen da ab: im Buch, vor Gericht, in seinem ganzen Außen und Inneren. Denn das Sein ist ihm für immer fraglich geworden und der Sinn sinnlich. Er hat der Welt seinen seligen Wollust-Körper untergeschoben. Er hat alle Zeichen den Sinnen und dem Gefühl unterstellt, die Grammatik beibehalten, jedoch mit verändertem Satzbau, den Satz umgedreht, Objekt gewundert nach vorn und wunderndes Subjekt dahinter. Das gibt einen bleibenden Rausch der Sinne. Das Wiedereinsetzen des Sprachsinns, empfunden als von außen kommend, verändert also nachträglich und dauerhaft die Welt der Zeichen der Schrift (und anderer objektiv greifbarer Zeichensystem der Gesellschaft) und er deutet sich ihre scheinbare Hilfe oder Störung oder halt Sinn, scheinbar oder nicht, als echtes Wunder. Die Zeichen sind ja echt und unverrückbar an sich durch den Verrückten. Sie sind die am Schluss des Heilungsprozesses noch verbleibenden Gottesbeweise, ein persönlicher eigensinniger Hampel-Gott in einer geschriebenen Welt, Traumwelt. Es bleiben am Schluss als Reste des Wahns also noch geringe Körper- oder eher Nervenschäden und die der Vernunft sich noch ergebenden nachträglich als sinnvoll erscheinenden zufälligen Begebenheiten, die nichts sind, als ein langsames Hinheben des Sprechens an die vom Subjekt unabhängige Wirklichkeit der Zeichen der Schrift. Und können wir ihm über den Text hinaus folgen? Hammirschon.