Montag, 7. Januar 2013

Mitleid


Warum hab ich gefragt? Wieso hab ich gedacht, eine erfundene Figur könnte mit mir aus dem Text heraus treten? Wieso hab ich geglaubt, dass ein Schatten ohne Körper sein kann? Wieso hab ich geglaubt, dass ein Leser ohne Text sein kann, dass ein Buchstabe Sinn macht? Wieso hab ich geglaubt, dass ein Text mehr ist als ein anderer? Warum hab ich an eine Wirklichkeit geglaubt? Ich bin nur noch Scham.

Verflucht sind wir alle und der Autor von Parzival hat gelogen: verflucht soll er sein: hätte Parzifal gefragt, wär er auch nur einer von vielen geworden, ein verlogener verlorener Text in einer verlogenen und verlorenen Welt. So ist er halt nur ein ewiger unverständlicher Text geblieben. Ein Text für sich, für seinen Autor und für seinesgleichen im Leser. Bin ich verloren?

Ja, für einen, der denkt, wenn er schreibt.

Nein, für den, der immer nur Körper ist.

Nein, für eine Frau, die immer Körper ist, bevor sie denkt.

Ja, für den Mann, für den es immer noch Schmerz gibt, der noch schmerzlich bedenkt, wenn er versucht nur Körper zu sein, bevor er denkt.

Ich bin aus dem Text getreten mit Leid und Mitleid. In welche Schublade gehört das denn. Wohin gehören denn Hunger und Schmerz? In welche Realität? Wo ist der Körper, den sie erzeugen sollen? Es gibt ihn nicht. Ich bin nicht und ein Sein im Text gibt es auch nicht. Die paranoiden theoretischen Neben-Kunst-Weisen sind affektiert angewidert. Rettet doch eure Kunst für die hirnzerfressenen Besucher eurer verwesenden Körper-Rest-Sammlungen. Alle Sammler moderner Kunst sammeln nichts als jeder Sammler noch: nur den eigenen Schweiß und die eigene Gedankenlosigkeit: Briefmarkensammler des Geistes sind sie, Galeristen und Händler der Reste von Wahn.

Gern fall ich zurück in den Text. Und ich hab meinen Körper und Körpersymptome und Platz für eine Liebe, die sich keiner vorstellen kann, weil sie neben mich geträumt ist. Doch ich muss mich in acht nehmen, 'die Liebenden gehören ans Kreuz und in die Anstalt' so spricht der geprüfte Wissende und - der unwissende Pöbel. 'Ausgeträumt, der Text wird verräumt, er wird jetzt wörtlich genommen,' schreien die Zeichner der Zeichen.

Mitleid hat mit Liebe nichts zu tun. Jede Frau weiß das. Warum hat der Autor gelogen. Ich weiß es doch auch, und doch tut es weh. Ich hab mich verirrt. Warum hab ich zu fragen gewagt? Es tut mir so weh. Weh spricht 'vergeh': und doch will 's auch Ewigkeit und – wieder und wieder Herzeleid: will nur die Lust, die Arbeit, und etwas Zeit. Ich kann mich abwenden vom Schreiben. Ich bin kein Schreiber aus Ehre und Not. Und im nu bin ich – nur schon wieder raus und tot.

Nochwas: steht das nicht auch im Parzival-Text: für Frauen geht es um Befreiung und um eine bessere Welt und für die Männer immer um Sein oder Nicht-Sein? Das Patriarchat ist keine Erfindung der Männer und kein historisches Ereignis kündigt es an, sondern allenfalls ist es die geschriebene Geschichte an sich. Und das Ende dieser Geschichte ist das Ende des Mannes? Er könnte den Schmerz daran als körperlichen verstehen und ihn als körperlichen bearbeiten. Das geht vielleicht beim Schreiben und Lesen und Spielen und in der Bewegung, also durch ein Fortleben im Text. Und frau kann also machen, was sie will? Ist sie frei? Vielleicht. Vielleicht auch noch nicht, weil der Text und die Geschichte eine Falle ist, die alle fängt. Immer nur blutet das Herz der anderen, wenn sie sich fangen lässt.

Und Parzival steht ratlos und rastlos suchend am Rand, wie der Leser auch. Unwissend beide.