Ist der Wahn echt?
Ist der Wahn echt? Die Frage ist doch berechtigt. Wahn ist nicht greifbar. Existiert sonst nur in den Unterlagen der Ärzte, in denen den Patienten jede Persönlichkeit, Ehre und Achtung und das Subjekt der eigenen Äußerungen abgesprochen wird. Viele Verrückte wären als Schreibende innerhalb und außerhalb unserer Anstalten von den Ärzten überhaupt nicht mehr zu unterscheiden. Sie wären Subjekte ihres Textes und unangreifbare Autoritäten. Wen sie dann wie die Ärzte von den Texten auch leben dürften, dann wären sie wieder voll in den alltäglichen Wahn integriert. Und die Ärzte müssen sich andernorts eine Scheinwelt schaffen. Am besten in der Show-Branche, dorthin können sie ihre Arroganz und Menschenverachtung mitnehmen. Bei Schreber gibt es viel Platz zum spekulieren. Ist sein Wahn eine Konstruktion im Buch und im Text, reine Fiktion? Oder ist er eine Verarbeitung einer Art Wahn, ein beschriebener und geschriebener, also echter und zusätzlich mit Deutungen unterlegter? M. E. ist es ein geschriebener Wahn mit Autor, wie oben geschrieben, für den eine Unterscheidung von wahr und fingiert, von echt und erfunden, von Wahn und Deutung irrelevant ist. Er ist – gern leider – sehr vielschichtig. Alles ist ohne Zweifel auch erlebt, irgendwie, nichts ist wirklich erfunden. Ein bisschen ist das Buch Tatsachenbericht eines Internierten, viel versteckte Tatsachen gibt es, viel ist Wahn mit distanzierter Selbstdeutung und - manches ist als unfassbarer Rest ihm endlich verblieben, dem Dr. Schreber als Autor, Pensionär, Ehemann, Sohn, Vater und ihm als wieder freien Menschen. Manches war bewußt bei klarem Verstand Erlebtes und manches wahnhaft Entstelltes, geschrieben, beschrieben und auch mal ergänzt und phantasievoll erzählt. Bei nachträglichen Eigeninterpretationen und Sinnzugaben Schrebers fällt er oft als Autor heraus und entschuldigt sich dafür an diesen Stellen. Dann wird ihm selbst das Durcheinander zu groß oder er behauptet zum Schutz seiner Person und seiner Autorität, die er sich als echt Wahnsinniger zum Schein und als vielleicht scheinbar Wahnsinniger echt gibt, dass er etwas selbst nicht versteht, was der Leser dann gefälligst zu vermerken hat als Willen zur Lüge, aber auch nicht zu deutlich sehen soll und was vielleicht für die Eingeweihten auch ein Hinweis auf eine (schmutzige) Wahrheit gewesen sein könnte. Die Echtheit des Wahns ergibt sich auch aus den Gutachten für das Gericht (das ihm die Mündigkeit wiedergeben sollte), selbst wenn uns die Gutachter nur sehr wenig Eigenes vortragen. Man bezieht sich auf 's Buch und ergänzt dies mit wenigen Beobachtungen. Die Gutachter kennen nur das seltsame Verhalten des Menschen Schreber, nicht die Wahn-Inhalte wirklich, bzw. diese als Vermutung ja nur aus dem Buch. Aber sein Verhalten in beiläufiger Beobachtung scheint zu einem Teil dieser Schilderungen Schrebers im Buch gut gepasst zu haben. Der Wahn im Kern war wahrscheinlich so grau-trist wie die Anstalten im Kern mit Personal es waren. Schreber hat die Gutachter darauf - auf ihr Desinteresse und Unwissen - hingewiesen. Für Schrebers Wahn gibt es aber auch andere Zeugen. Sein Brüllen war echt, ist aber erst nach 5 oder 6 Jahren 'Behandlung' aufgetreten (zur Verdeutlichung für die Ärzte: es war nicht sein Brüllen, ihr Rindviecher - ich hab schon was dazu geschrieben). Für die Phantasien gibt es natürlich keine Zeugen. Manchmal wird der Wahn von ihm erweitert und schriftstellerisch weitergesponnen - der Autor war nach eigenem Bekunden außergewöhnlich gebildet und klug, viel-wissend, belesen -, es ist sein Wahn, das ist legitim und verfälscht ihn nicht. Er durfte den Wahn ausmalen zur Verdeutlichung oder Verstellung. Es ist ein Wahnen und Wähnen, es ist Bewusstes und Unbewusstes. Seine Deutungen verändern den Wahn für uns ja nicht. Das Buch bleibt wertvoll ehrlich. Text ist doch Text. Schreber hat sich selbst deutend aus dem Wahn gewunden, der vielleicht nur ein künstlich herbeigeführter Körperschaden war. Die vorbestehende Depression und das weite Begehren würde ich nicht als Wahn bezeichnen. Der 'Wahn in der Anstalt' hat Schrebers Realität und vor allem seine Sinneswahrnehmung bleibend verändert. Er hat Ansehen und Stellung verloren und sich zusätzlich zu den Depressionen und weiten Wünschen neue Körpersymptome eingehandelt, die er nie wollte. Die beste Interpretation des Buchs findet sich in den Erweiterungen/Ausführungen Schrebers zur Begründung der Berufung, in denen er ganz ausdrücklich sich und die Wirklichkeit der Andern vom Schreiben und aus dem Text zurücknimmt und er ganz Jurist ist und Allen seinen Realitäts-Sinn und auch die Reste des ursprünglichen Wahns als aufgearbeitete nochmal schildert und sie erneut, vereinfacht aber, abarbeitet. Sein Wahn ist ein zum Schluss dann beschriebener, er ist in Resten vorhanden, deutlich getrennt vom geschriebenen des Buchs an sich, Schreber ist schließlich und endlich dort vor Gericht ja dabei, als Autor aus dem Buch und als Mensch aus der Anstalt auszutreten. Er ist raus. Im 4. Kapitel werden Entwicklungen ab Oktober 1893 bis Mitte Juni 1894 und etwas darüberhinaus geschildert. Ein großer Teil des Buchs handelt wohl von wichtigen Veränderungen aus der Zeit. Er steigt aus aus dem Realen, bzw. wird mit Gewalt herausgetreten. Noch ist er drin: beim Spiel mit den Namen 'Daniel' und 'Abraham' scheint es um eine Auseinandersetzung Schreber – Flechsig gegangen zu sein. In Daniel (Daniel Fürchtegott Flechsig - langsam zu lesen! Ist eine Aufforderung: in die 'Grundsprache' von uns übersetzt: fürchte den gottverdammten sch... Flechsig) steckt Schreber selber und Abraham war der gottesfürchtige Schlachter (Abraham Fürchtegott Flechsig – Abraham, wie der in dem anderen großen Buch für Wahnsinnge). Abra-Kadabra-Ham. Nachdem sich Flechsig spaltet in zwei verschiedene (zwei und verschieden, hingeschieden, vergangen und tot) und nicht Schreber (ist zweimal als Daniel da und Daniel blieb Daniel, also ehrlich), war Flechsig wohl in vielfacher Hinsicht ein Übeltäter, der Übeltäter in der Geschichte. Er spaltet sich heißt: er ist ein Betrüger und - eben unehrlich. Schreber hat sich nur verdoppelt. Er wurde Autor und Schatten, Opfer. Schreber blieb aber Schreber, also ehrlich, auch als 'Markgraf von Tuszien und Tasmanien' (geflügeltes Wort? Heißt wohl Dichter, die beiden Orte umfassen die Welt): hier erzählt also noch ein Autor die Geschichte eines Missbrauchs und ist schon im Aufbruch zu neuen Kapiteln. Dazu gibt es auch noch eine ganz dichte Stelle um den Begriff der 'Mondscheinseligkeit' herum. Da ist die Rede von: Altweibersommer, zuflattern, mattere und vollkräftigere, kleines Rindvieh (Schreber in der neuen Anstalt, im Pferch und eventuell Flechsig, der wohl wirklich klein war), Vollkräftigkeit (Schwangerschaft), Führer zweier Sonnen (hier: zwei Frauen) und der Hinweis darauf, dass sich ein v. W. an dem Spiel nicht beteiligen wollte. Der 'kleine Flechsig' war wohl wirklich und nicht nur geistig ein Zwerg. Schreber hat es ihm nachgebrüllt aus dem Fenster der Anstalt. Wenn es um solche Geschichten geht, ist immer der Autor auch wirklich Autor seines Buches und Textes. Echte Geschichten sind hier angedeutet. Dies nur als Beispiel und - vielleicht doch wilde Spekulation? Die Elemente lassen sich aber natürlich auch in reinen Wahn verwandeln: dann wär mein Umgang damit und das Begriffsspiel der Analyse dazu: Deck-Erinnerung von Fehlgeburten (Schrebers Frau) und einer eigenen Scheinschwangerschaft Schrebers mit Einbildung eines weiblichen Körpers (wegen des Kinderwunsches). Was für ein schwacher Gedanke der Psycho-Lyse. In das Spiel des Wahns wäre er damit schon selbst eingetreten gewesen als wirklich Kranker, als er 'krank' aus der Pierson'schen Anstalt auf alles zurückblickte, wie er es später schrieb. In jener Anstalt hat er erstmals sein Werden als Opfer der Behandlung reflektiert und entstellt aus realer Angst. Er war allein und seine Vergewaltiger hatten starke, blöde und grobe Verbündete. Ich denke, dass sein Wahn echt wahr, jedoch nicht seiner. Er ist ihm angetan worden und wurde echt für den Glauben der Ärzte. Ein späterer Dichter Schreber hat m. E. über die Entwicklung eines Wahns berichtet, der ihn durch die physische Gewalt der Flechsig-Methode erst nur lähmte und stumm machte und in der Gift- und 'Teufelsküche' der Pierson'schen Anstalt vollendet wurde. Wahrscheinlich und wirklich ist er in der Zeit der Internierung erst richtig nervenkrank geworden durch die Behandlungsfehler des Schein-Therapeuten Flechsig und die 'Goldtropfen' der Pierson'schen Behandler. So zwischen März und Juni/Juli 1894 hat sich Schreber ja auch selbst auf die Bühne begeben und nach meiner Vorstellung sein Ich, seine Autorität abgegeben und verwandelt in die strahlenden Schein-Gottheiten Ariman und Ormuzd (übrigens sind diese mythische Figuren Strahlenwirkung, angebliche, als hätt er noch nie von ihnen gehört). Das waren sozusagen die Handpuppen Schrebers auf der Bühne der Wahnwelt, er als Rest-Selbst und künftiger Autor tritt mit Ihnen auf. Die Namen hat er ohne Zweifel später absichtlich gewählt („ … vermag ich weiter nichts … „ soll ihn vor der Offensichtlichkeit und Deutlichkeit des Schwindels bewahren und ist die Unwissenheit gespielt und nicht Ergebnis einer 'Verdrängung' - er wusste halt, woher die Gottheiten waren). Aber auch wenn er nachträglich deutet und sich mit der Namensgebung vom Wahn zu distanzieren sucht, ab jetzt ist er mitgenommen. Im Geiste geschwächt begibt er sich auf das Niveau seiner 'Heiler' und ersetzt sie durch einen gespaltenen Gott, Lügen über Lügen, hier wird daraus Wahrheit. Hierher gehört auch, dass sich der einst gedoppelte Schreber nun einfach verflüchtigt. Das ist das Eingeständnis des Wahns und verzweifelten Verloren-Seins. Die Realität ist weg. Die Frau ist weg, sie ist wirklich flatterhaft. Die Freiheit ist weg. Bald ist Dr. Schreber nicht mehr, er ist seelisch entmannt, eingesperrt und entmündigt (formal von der Ehefrau als Vormund), diesbezüglich nun ohne gesellschaftliches Ansehen, ohne Willen und eventuell erst mal ohne Wissen und ohne Hoffnung. Die Vorgeschichte im Buch ist weniger Wahn und ist also eher Erlebtem zuzuordnen (das dritte Kapitel wäre wichtig gewesen für die Deutung). Mit dem Wechsel in die Pierson'sche Anstalt sind die physischen Veränderungen soweit fortgeschritten, dass der 'Wahn' ab da irgendwie echt ist. Vom 'echten Wahn' also von den Folgen der Prügel und Vergiftung musste sich Schreber dann mal erholen, ganz langsam in Pirna (Schloss Sonnenstein - mehr bekannt vielleicht durch die Nazi-Morde an Kindern dort). Auf Schloss Sonnenstein wurde er erst mal 2 1/2 Jahre vernachlässigt wie ein blödes Tier, was ihm anscheinend dann gut getan hat. Endlich war Ruhe vor den irren Ärzten.
Nachtrag: zur Begründung meiner ersten Deutung der Mondscheinseeligkeit oben scheint mir wichtig eine Stelle in den späteren Nachträgen Schrebers zum Buch. Dort geht es um das erstmalige Erscheinen flatterhafter Seelen in Zusammenhang mit der entstandenen Weltordnungswidrigkeit. Schreber weist kurz vorher im selben Absatz darauf hin, dass Mittelinstanzen zum Schluss des Buchs und Wahns geschwunden sind zu Resten und sie gedankenlos geworden sind. Die noch verbliebenen Mittelinstanzen sind nur Reste der 'geprüften', also unreinen Seele Flechsigs und 'Reste der Vorhöfe des Himmels'. Gedankenlos deutet er als vergessen. Gedankenlos heißt für uns aber auch flatterhaft. Deutung: Schreber zeigt sich angeblich großzügig, vergisst und verzeiht zum Schein, während er alles nochmal deutlich beschreibt. Zweck der Nachträge ist Entschärfung und Verdeutlichung. Ich vermute, dass die erwähnte derbe Grundsprache der Vögel auch seine Frau charakterisiert. Ich kann 's nur lückenhaft als lückenhaft deuten. Es bleibt vage.
Nachtrag: Zusammenfassung des Werdens eines Wahns: Gewalt wurde in der ersten Anstalt angewendet (irgendwie war das verquickt mit Persönlichem), in der 'Teufelsküche' erhielt Schreber wohl ausreichend Morphium (Goldtropfen), komplett ruiniert kam er nach Pirna. Dort wurde er zwei Jahre lang gar nicht behandelt, als nicht therapierbar. Flechsig war ein Sadist. Je nun, klein war er dazu, hier war also mal wieder einer der 'großen' paranoiden Schöpfer am Werk.