Dienstag, 12. Februar 2013

Aller Anfang ist leicht

   Aller Anfang ist Schwere. Gefühlt. Dem zunehmenden Gewicht des Körpers kommt langsam der Bauch entgegen bis er die Hülle sprengt, die ihn umgibt. Der Körper ist zu groß und die Sinne schlafen noch. Die Sinne sind schon zu weit entwickelt und müssen mühsam nachlernen. Die Sinne sind für sich und die Eindrücke müssen sie öffnen, sich von sich aus in sie eindrücken. Die Sinne sind immer schon da. Die Eindrücke weiten sie nur. Sinne löschen Eindrücke aus und Eindrücke lösen Sinn auf, aus, sich in Sinn auf. Dies ist die erste Spiegelung. Eins, die Sache, spiegelt sich im Andern, in den Sinnen, rückschauend im Raum und rückwärts in der Zeit, einerlei. Der Sinn baut sich daraus den zweiten Spiegel, der wächst aus sich selbst. Zeichen um Zeichen, vorgestellt, entsteht eine Zeichenwelt. Die Sinne bleiben das Selbst der Dinge und vor dem Spiegel stehn. Die Welt der Zeichen aber ist hinter dem Spiegel, der dunklen Seite des schwarzen Rückens blinden Silbers. Wenn ich mir die Sinne von den Zeichen her nachziehe, mich in der Zeit also nach vorne bewege, nicht mit dem Gesicht, und die Sinne, die Sinnlichkeit in Eins fasse, als mein Selbst sie verdichte, als Seelen- und Geister-Grund sie nur mehr allgemein und machtlos gelten lasse, dann scheinen die Dinge, die Sachen, die sich in den Sinnen gespiegelt hatten, mir selbst grundlos, absolut und für sich und dumm real zu sein. Zeichenwelt des Sinns verwandelt den Körper in Seele und Selbst und die Dinge zu wirklichem Grund und fremdem Sein. Mach das im Spiel. Doch die bewusste Schein-Wirklichkeit lass schnell auch wieder sein. Lern doch Körper, Gefühl, Sinne-Sein, Körpergefühl, Körperlichkeit. Nimm es! Bitte! Damit ich dich sehen kann.
   Aller Anfang ist nur scheinbar, doch allzu vielen so schwer. Scheinbar zu früh scheint ihnen der Mensch geboren. Scheinbar hat er noch keinen Halt in sich, fällt auseinander, ist angeblich gleich Gemeingut, zerrissen, gebrochen, gehört allen und wird verteilt. Jeder hilft mit, jeder hält etwas von ihm, jeder erhält etwas – Schein, Geist, Schein-Heiligkeit. Scheinbar verlorene Körperteile werden ersetzt durch Zeichen, benannt und bezahlt, aufgezählt und gezählt, der Körper wird angeblich beschriftet. Lügen-Mythos. Er wird missbraucht? Nicht mal das. Simplifizierung von Sinn. Das Kind wird besprochen, gekleidet. Mag sein. Es wird so belogen von Anfang an und antwortet deutlich mit 'mich' und mit 'nein'. Das ‚Nein‘ beschreibt die Bewegung. Der Körper wurd' ihm verdreht, gewendet, ihm entwendet, verhüllt, der Kopf dem Rest vorgezogen. Im Kopf entsteht eine scheinbare neue Einheitlichkeit, der Körper bedürftig und mangelhaft neu, Sinn über den Sinnen. Kopfstand-Geburt. Das Nein besiegelt die Entäußerung des Körpers: ich bin ein anderer. Das Kind sagt 'nein', es will nicht anderer sein. Es beschwert sich. Zurecht. Es ist schwer zu sprechen, es ist noch schwerer zu brechen. Es muss noch erzogen werden - von Lügnern, Ver-Sprechern. Es spricht schon von sich als Objekt, sagt 'Kind', 'mich' und 'nein'. Sprache als Lüge wird ihm gegeben. Ein Mythos als Lüge wird uns erzeugt. Der Mythos von der Vorzeitigkeit der menschlichen Geburt, des angeblich allzu menschlichen Geburtsfehlers, ist - demokratischer Blödsinn, Analytiker-Wahnsinn, vorgeredet, abgeschrieben, ist nur Fehler der Masse, der Vielen, die in die Zeichen der Armut, des Hungers, der Dummheit, der Freiheit und Gleichheit und in Aller Exkremente auf immer gefallen sind.
   Aller Anfang ist leicht, für uns, für mich, für den, der sich niemals verändern will, lassen kann, der zwar lernt, doch nichts über sich, der Autist sich gern nennen lässt, Mensch höherer dichter Körperlichkeit, Spätgeburt gediegenen Mensch-Seins, der schaut rückwärts, und ach, wie lange schon und noch seit der Geburt - und die Zeichensysteme, die Tafeln, beschriftet mit Sinn, Regelwerk, durchschlägt er, zerbricht er im Sturzflug nach oben und wieder gern in blindem Stolpern nach vorn. 'Ich' ist das einzige Zeichen, das sein Wille über sich setzt. 'Ich' war sein erstes Wort, 'ich' nur aus Körper und allein zum Sinn hin gebor'n. Lieber seit je her den Rücken in endlosem Schmerz hin gewendet zu - echter Wirklichkeit, Wahrheit, als jemals in Wollust zu licht-blinder Blödheit und leuchtendem Stumpfsinn im Nu.