Nachdenkungs-Gedanken hammirschon
'In
den Gottesreichen mochte von jeher das Bewußtsein geherrscht haben,
daß die Weltordnung, so groß und herrlich sie war, doch nicht ganz
ohne Achillesferse sei, insofern die Anziehungskraft der menschlichen
Nerven auf die Gottesnerven einen Keim der Gefahren für die
Gottesreiche in sich barg.' Ein Satz in der Mitte des Buchs. Mitte
des Sogs. Vorsichtige unvermeidbare Annäherung an Wahres. Wahn und
Welt vor dem schönsten Fall. Keim neuen Sinns. Achillesferse der in
die Natur der Dinge gesetzten gedachten Ordnungen. Darum herum
endlich un/deutlich Schrebers endloses Wachtraum-Erkennen. Ein
Schelmen-Roman mit drei Helden und einem hilflosen Deuter. Picus
heißen die gewunderten Vögel im Buch, Picaro wäre der Schelm. Die
Vögelchen, Wahn-Schemen, sind auch alle Schelmen, also
Sinn-Gift-Transporter, scelmo, die Pest, Krankheits-Rest. Zurück zum
Anfang und ersten Fall: Schrebers Sinn-Sturz mit uns und wir als
Ariman und Ormuzd für sich. Seine Hauptdarsteller. Ein Puppenspieler
und Regisseur hat sich in die Schnüre (Nerven/ Strahlen) seiner
beiden Haupt-Hampel-Götter beidhändig verstrickt und ist auf die
Bühne gefallen. Er ist in der Scheinwelt der kleinen Wunder und
Träume des Tags mit dem Zuschauer und hat plötzlich so seine ihm
zufliegenden 'Nachdenkungs-Gedanken'. Er arbeitet am Text seines
Dramas und taucht selbst mit ein. Ein Roman im Roman. Improvisation
der Regie auf der Bühne, Umsetzung von herrlich blöden
'Nichts-Denkungsgedanken': Draufhauen und Brüllen, Einfälle kommen
lassen. Ein unerwartetes ärgerliches Ergebnis eines ärztlichen
Missbrauchs- und Giftexperiments (alle Fälle des sogenannten
paranoiden Wahns im 19. Jahrhundert waren Giftexperimente. Forschung
in der Anstalt wurde als solche auch so bezeichnet - kann ich
belegen. Psychiater haben sich im Morphium-Rausch selbst erschaffen).
Doch Schreber bleibt nicht hilfloses Opfer des von den Ärzten
erzeugten und erfundenen Wahnsinns. Schreber bringt sich ein in
seinen Fall und als Mit-Spieler zieht er nun selbst die Fäden, hat
sie als den Draht nach oben im eigenen Spiel bei und neben sich und
nennt sie die göttlichen Wollust-Strahlen-Nerven, macht aus
Kontrollverlust spiegelnd und spielend seine Kontrolle der Andern,
macht Internierung zur Ver-ANSTALT-ung. Seine Behandler wehren sich
vergeblich. Er spielt mit ihnen. Er sieht sie in Ariman und Ormuzd,
in vergangenen, verstaubten Archetypen des Sinns (Mythos aus
Persien), belebt ihr hohles Sein und totes Wissen, schenkt Ihnen die
Wunder seiner Bühnenwelt, Bildung und erlesenes Wissen, gewunderte
Requisiten, spielt mit der Systematik und geglaubten Symptomatik des
Wahns, füllt die Hohl- oder Holzköpfe seiner Puppen mit seinen
Traumwelt-Ideen, liest tatsächlich gemeinsam mit ihnen, seinen
Kasperdarstellern und irren Ärzten, Kraepelins Ausführungen zur
Morphium-Vergiftung. Schreber wird mit uns selbst Arzt und Mit-Heiler
des Selbst, in deutlicher Opposition zu einem Paar blöden Wahns:
Ariman - Ormuzd, also: gegen und ohne Prüfung / Geist / Autorität /
Approbation / Ansehen und und und – Psychiatrie /
Menschenverachtung / Praxis / Rendite / Experiment / Gift /
Körperverletzung und und und. Der Hohl- und der Holzkopf, Ormuzd mit
Ariman (was natürlich Schreber auch selbst für seiner Ärzte und
Pfleger Wahn war) sind auch sonst zentrale Schlüssselfiguren im
traumhaften Schreber'schen Sein im Roman, Sein auf der Bühne,
höchste Repräsentanten der gesamten Theatermannschaft und des
Publikums. Sie sind Arzt und Vormund (Ariman-Ormudzd = Vormund im
Arzt = meine ergänzende Deutung im Buchstabenspiel so in etwa),
Vater und Gott, Verleger und Autor, Dichter und Werk, Schreiber und
Leser u. u. u. a. Das wirft durchaus nicht alles in Eins. Denn das,
was so stark verdichtet erscheint, schließt erst Vieles auf, zwingt
Reales, löst in Traumhaftes auf. Der Wahn wird von Körper nicht
abgegeben. Wir wollen nicht auflösen, wir werden Traum und
Traumdeuter bleiben. Von der Bühne kann Schreber mit seinen Genossen
nun nachdem er erkannt ist vom Publikum, also mit seiner Seele und
seinem Selbst, seinen falschen Göttern, nicht mehr leicht abtreten.
Als Muse in eigener Person, die ein als Mensch erkannter Autor immer
ist, bleibt er im Spiel. Ein Autor kann ins Werk unvermittelt wohl
oft nur in Gestalt seiner (hier: weiblichen) Muse eintreten. Die
begehrt er in sich, reinste Liebe zum Werk ist das. Und unterm
Sinn-Text-Kleid zeichnet sich nicht nur der Schreibstift ab, sondern
die Wirklichkeit jeder Urheber-Autorenschaft, die den Sinn zum
Sinnlichen hin wachsen lassen muss, zur Wahrheit eines
Sinn-Schwangeren mit Bauch und mit (haarigen und bescheiden kleinen)
Brüsten. Schreber ist nicht nur einer der Selbstheiler, die man
Schizos nennt, sondern auch Autor und alle möglichen Deuter und
Deutungen in ihm selbst zusammen genommen. Als Heiler hat er zum
Spielen den Wahn und als Autor inszeniert er eine Bühnenwelt, die
auf ihn selbst auch in widerspenstigen Wunder-Zufällen herabregnet.
Dass er der Autor ist, vergisst er beim Wundern und Schreiben
bisweilen, was verzeihlich ist, denn Schreiben ist mit Leben auch mal
verträglich. Rest eines tierischen Körpers muss sein. Dabei bleibt
er der Fänger der Ratten. Der Prozess des Wahnens, des Irreseins und
Schreibens und auch des Lesens wird dann mit kleinen witzigen
Wahrheiten belohnt, die einfach im Text stehen und gesehen und
gelesen werden dürfen, die über das Geschriebene hinausgehen,
hinauszielen in die Welt, die Felder (und Wälder) der traum-arm
Normalen, dorthin vom Sinn entlassen werden dürfen: so hier einer
der Sinn-Kerne: das, was Schreber selbst als Absicht des Wahnens und
unvermeidlich sieht und was eine Erkenntnis ist, mit der er sich
leicht mal wieder herausringt aus dem Reich der Illusionen, eine
unverschleierte nackte und wollüstige Wahrheit und zitiert aus dem
Buch der Bücher (wieder mal eines): 'Ich möchte auch denjenigen
Mann sehen, der vor die Wahl gestellt, entweder ein blödsinniger
Mensch mit männlichem Habitus oder ein geistreiches Weib zu werden,
nicht das Letztere vorziehen würde.' So nimmt er also in Demut
seinen unvermeidlichen so wahnsinnig weiblichen Wollust-Körper (wWW)
hin. Jeder Widerstand ist ihm auch gerne zwecklos und führt nur zu '
… blödsinnigem Lärm unter meiner wesentlich aus Verrückten
bestehenden Umgebung.' Das nun zielt deutlich – halt für uns
unabsichtlich - weit über die Anstalt hinaus. Wer es anders haben
und lesen will, in dumm-perverser Absicht, soll es von mir aus für
sich behalten. Schrebers Wahn gilt einigen als Heilungsprozess mit
dem Ergebnis eines lebensfähigen Kompromisses aus Wahn und
Wirklichkeitsbezug, wobei verkannt wird, dass sein Wahn nur die von
ihm zunächst zertrümmerte widerwärtige Welt ist - wir nehmen uns
das so - , der Heilungsprozess aber neutral gesehen nichts sonst, als
eine Wiedergeburt des Menschen aus sich selbst mit dem nachfolgenden
Neu-Aufbau eines fast erwachsenen nun anderen Subjekts (Alter
entsprechend der Gesamtdauer der stationären Behandlung). Wenn der
Neu-Aufbau etwas seltsam affektiert effeminiert daherkommt, so liegt
das daran, dass nicht nur ein einzelner Wahn primär männlichen
Zwangs geheilt wurde, sondern einer gegen zu viele Wahnsinnige
antreten musste und, dass dieser Mensch am Ende wieder unter den viel
zu vielen Verrückten der bestehenden Umgebung gelandet ist, zu
funktionieren hatte und wohl auch etwas funktioniert hat. Schrebers
Buch ist eine Puppen- und Schatzkiste voller mehr oder weniger
absichtlich witziger Denk- und Merkwürdigkeiten, Spielmöglichkeiten
(wenn er wahnsinig u n d auch eher schwachsinnig gewesen wäre, wär
nur eine dumpf-dämliche Dumm-Schäm-Dich-Schön-Autobiographie oder
eine Selbstdarstellung rausgekommen). Er hat sich auf seine
Weltbühne, die real war, niedergeschrieben und musste sich dafür
das Schreiben wie Sprechen neu erfinden, jedes Buchstaben-Fädchen
wahrscheinlich neu ziehen. Das Schreiben selbst hat ihm dabei
geholfen und wenn was irgendwann schon da war, hat 's 'hammirschon'
gerufen. Halluzinationen sind halt Zeichen, wie Schriftzeichen,
erlöstes Subjekt nachgezogen. Mann kann Schreber folgen, wie
nachgezogen gewundert, zurück in Drehungen und Wendungen, und mit
ihm am Strahlen-Faden-Gewirr, an denen er oder sein Ich hängt,
arbeiten. Er hat sich zum Glück nicht erhängt. Das ist der Punkt,
an dem schließlich auch die Analytiker alle abbiegen - sich
aufhängen im und - in den allgemeinen Schwachsinn, verlockt vom
Gesang der Ruhm- und Tantiemen-Sirenen hinein in den Selbst-Betrug
und die hohle Ehre einer hohlen eigenen Autoren-Vaterschaft. Der
selbe Wahn doch, nur weniger bunt an und aus sich, mehr
farblos-wissenschaftlicher Text. Je nun, was soll 's, denkt der
Kastrat. Aber die Analytiker hatten nicht den neuen Wollust-Leib und
die Inspiration, die Zugabe zur Selbstheilung, dessen eigentlichen
Lohn, also das Maximum an Menschlichkeit für ein Männchen, die
erwünschte tiefe Seelen-Wollust. Sie kleben nur Sinn-Text auf Text,
kalt abstrakt (noch ein KAltabSTRAkT).
Das nimmt dem weiß-bekittelten Analytiker-Wahn-Wissen jede Tiefe und
Farbe, das ganze Gefühl. Das Buch ist eine Ansammlung von Techniken
des Selbstwiderspruchs und der Selbstüberwindung, die jeder kennen
sollte, der denken kann, und von reichlich Witz erfüllt. Es ist
lehrreich, wenn man die Aussagen hinterfragt, und lustig, wenn man
sie nimmt, wie sie sind. Schrebers Seelen-Wollust-Fäden haben sich
selbst noch nicht vergessen, sein Buch lebt, und sie alle sind
nerv-endlich bei uns und kennen uns zwar nicht und lernen nicht mehr
dazu und leiden nicht an uns (wie es geschrieben steht über die
großen Seelen im Buch selbst), aber, solange sie noch nicht
gereinigt sind vom Unrat des Irrtums der Deuter, schwarz und mit
Leichengift beladen, also solange wir noch falsch denken, wird seine
Seele geprüft von uns, mit der Schreber'schen Umkehr: sie prüft uns
und bleibt uns als böser Geist erhalten. Wir müssen dann die
geprüfte Seele weiter und wieder und wieder deuten. Wir werden
spüren, wenn sie sich von uns verabschiedet, nämlich an unserem
eigenen wollüstigen Brüllen, zu Aller erhellenden Freude, nicht
Fremder und Kranker trauriger dunkler Sinn ('Niemals auf Erden lachte
je ein Mensch, wie e r lachte!' - s.: Vom Gesicht und Räthsel –
Also sprach Zarathustra III) . Nochmal: in Schrebers Buch geht es um
ein Welt-Theater, es geht um das Schreiben und es geht um das
Sprechen. Ein Paranoider - als der Schreber meist hingestellt wird -
bleibt Subjekt des Wahns, löst sich nicht aus der verkehrt
wahrgenommen Welt. Der gehört damit zu den Normalen, den
Alltags-Blöden, den eingebildet Wachen und Wahren. Paranoide werden
deshalb in der Regel als solche auch gar nicht erkannt. Sie sind
meist Redner und keine Schreiber, sie stehen am Redner-Pult, sind nur
finstere Blender.
Schreber war nicht
paranoid. Schizophrenie hingegen ist
unabhängig vom Subjekt und der unentstellte Sinn des wirklichen
Wahren, sie ist Zauber sinnlicher Wahrheit. Die Welt schreibt sich
selber in ihr neu nieder und zieht ein Subjekt nach sich wie die
Mutter das Kind. Es ist eine Wunder-Welt des Spiels mit einem Kind
als weiterer interner Spielfigur. Das Buch dazu ist ein weiterer
Welt-Spiegel, der einen Autor nach sich zieht. Bücher über Schreber
allerdings haben nichts mit dem Fall zu tun. Sie haben fast alle
paranoide Autoren. Es gibt von Schreber noch andere eigene Texte und
Gedichte. Die hab ich nicht gefunden. Mir ist klar, wer die hat
verschwinden lassen. Flüchtig hingemachte Männer, die übrigens
immer noch 'möhrenrot' sind vor Ärger und Wut, und sie 'stinken',
sie haben ja auch ein wenig verstanden mit ihrem kleinen Verstand,
und haben nun unreine und unechte und unehrliche Gedanken.