Sonntag, 17. Februar 2013

Denkwürdigkeiten


Nachdenkungs-Gedanken hammirschon

'In den Gottesreichen mochte von jeher das Bewußtsein geherrscht haben, daß die Weltordnung, so groß und herrlich sie war, doch nicht ganz ohne Achillesferse sei, insofern die Anziehungskraft der menschlichen Nerven auf die Gottesnerven einen Keim der Gefahren für die Gottesreiche in sich barg.' Ein Satz in der Mitte des Buchs. Mitte des Sogs. Vorsichtige unvermeidbare Annäherung an Wahres. Wahn und Welt vor dem schönsten Fall. Keim neuen Sinns. Achillesferse der in die Natur der Dinge gesetzten gedachten Ordnungen. Darum herum endlich un/deutlich Schrebers endloses Wachtraum-Erkennen. Ein Schelmen-Roman mit drei Helden und einem hilflosen Deuter. Picus heißen die gewunderten Vögel im Buch, Picaro wäre der Schelm. Die Vögelchen, Wahn-Schemen, sind auch alle Schelmen, also Sinn-Gift-Transporter, scelmo, die Pest, Krankheits-Rest. Zurück zum Anfang und ersten Fall: Schrebers Sinn-Sturz mit uns und wir als Ariman und Ormuzd für sich. Seine Hauptdarsteller. Ein Puppenspieler und Regisseur hat sich in die Schnüre (Nerven/ Strahlen) seiner beiden Haupt-Hampel-Götter beidhändig verstrickt und ist auf die Bühne gefallen. Er ist in der Scheinwelt der kleinen Wunder und Träume des Tags mit dem Zuschauer und hat plötzlich so seine ihm zufliegenden 'Nachdenkungs-Gedanken'. Er arbeitet am Text seines Dramas und taucht selbst mit ein. Ein Roman im Roman. Improvisation der Regie auf der Bühne, Umsetzung von herrlich blöden 'Nichts-Denkungsgedanken': Draufhauen und Brüllen, Einfälle kommen lassen. Ein unerwartetes ärgerliches Ergebnis eines ärztlichen Missbrauchs- und Giftexperiments (alle Fälle des sogenannten paranoiden Wahns im 19. Jahrhundert waren Giftexperimente. Forschung in der Anstalt wurde als solche auch so bezeichnet - kann ich belegen. Psychiater haben sich im Morphium-Rausch selbst erschaffen). Doch Schreber bleibt nicht hilfloses Opfer des von den Ärzten erzeugten und erfundenen Wahnsinns. Schreber bringt sich ein in seinen Fall und als Mit-Spieler zieht er nun selbst die Fäden, hat sie als den Draht nach oben im eigenen Spiel bei und neben sich und nennt sie die göttlichen Wollust-Strahlen-Nerven, macht aus Kontrollverlust spiegelnd und spielend seine Kontrolle der Andern, macht Internierung zur Ver-ANSTALT-ung. Seine Behandler wehren sich vergeblich. Er spielt mit ihnen. Er sieht sie in Ariman und Ormuzd, in vergangenen, verstaubten Archetypen des Sinns (Mythos aus Persien), belebt ihr hohles Sein und totes Wissen, schenkt Ihnen die Wunder seiner Bühnenwelt, Bildung und erlesenes Wissen, gewunderte Requisiten, spielt mit der Systematik und geglaubten Symptomatik des Wahns, füllt die Hohl- oder Holzköpfe seiner Puppen mit seinen Traumwelt-Ideen, liest tatsächlich gemeinsam mit ihnen, seinen Kasperdarstellern und irren Ärzten, Kraepelins Ausführungen zur Morphium-Vergiftung. Schreber wird mit uns selbst Arzt und Mit-Heiler des Selbst, in deutlicher Opposition zu einem Paar blöden Wahns: Ariman - Ormuzd, also: gegen und ohne Prüfung / Geist / Autorität / Approbation / Ansehen und und und – Psychiatrie / Menschenverachtung / Praxis / Rendite / Experiment / Gift / Körperverletzung und und und. Der Hohl- und der Holzkopf, Ormuzd mit Ariman (was natürlich Schreber auch selbst für seiner Ärzte und Pfleger Wahn war) sind auch sonst zentrale Schlüssselfiguren im traumhaften Schreber'schen Sein im Roman, Sein auf der Bühne, höchste Repräsentanten der gesamten Theatermannschaft und des Publikums. Sie sind Arzt und Vormund (Ariman-Ormudzd = Vormund im Arzt = meine ergänzende Deutung im Buchstabenspiel so in etwa), Vater und Gott, Verleger und Autor, Dichter und Werk, Schreiber und Leser u. u. u. a. Das wirft durchaus nicht alles in Eins. Denn das, was so stark verdichtet erscheint, schließt erst Vieles auf, zwingt Reales, löst in Traumhaftes auf. Der Wahn wird von Körper nicht abgegeben. Wir wollen nicht auflösen, wir werden Traum und Traumdeuter bleiben. Von der Bühne kann Schreber mit seinen Genossen nun nachdem er erkannt ist vom Publikum, also mit seiner Seele und seinem Selbst, seinen falschen Göttern, nicht mehr leicht abtreten. Als Muse in eigener Person, die ein als Mensch erkannter Autor immer ist, bleibt er im Spiel. Ein Autor kann ins Werk unvermittelt wohl oft nur in Gestalt seiner (hier: weiblichen) Muse eintreten. Die begehrt er in sich, reinste Liebe zum Werk ist das. Und unterm Sinn-Text-Kleid zeichnet sich nicht nur der Schreibstift ab, sondern die Wirklichkeit jeder Urheber-Autorenschaft, die den Sinn zum Sinnlichen hin wachsen lassen muss, zur Wahrheit eines Sinn-Schwangeren mit Bauch und mit (haarigen und bescheiden kleinen) Brüsten. Schreber ist nicht nur einer der Selbstheiler, die man Schizos nennt, sondern auch Autor und alle möglichen Deuter und Deutungen in ihm selbst zusammen genommen. Als Heiler hat er zum Spielen den Wahn und als Autor inszeniert er eine Bühnenwelt, die auf ihn selbst auch in widerspenstigen Wunder-Zufällen herabregnet. Dass er der Autor ist, vergisst er beim Wundern und Schreiben bisweilen, was verzeihlich ist, denn Schreiben ist mit Leben auch mal verträglich. Rest eines tierischen Körpers muss sein. Dabei bleibt er der Fänger der Ratten. Der Prozess des Wahnens, des Irreseins und Schreibens und auch des Lesens wird dann mit kleinen witzigen Wahrheiten belohnt, die einfach im Text stehen und gesehen und gelesen werden dürfen, die über das Geschriebene hinausgehen, hinauszielen in die Welt, die Felder (und Wälder) der traum-arm Normalen, dorthin vom Sinn entlassen werden dürfen: so hier einer der Sinn-Kerne: das, was Schreber selbst als Absicht des Wahnens und unvermeidlich sieht und was eine Erkenntnis ist, mit der er sich leicht mal wieder herausringt aus dem Reich der Illusionen, eine unverschleierte nackte und wollüstige Wahrheit und zitiert aus dem Buch der Bücher (wieder mal eines): 'Ich möchte auch denjenigen Mann sehen, der vor die Wahl gestellt, entweder ein blödsinniger Mensch mit männlichem Habitus oder ein geistreiches Weib zu werden, nicht das Letztere vorziehen würde.' So nimmt er also in Demut seinen unvermeidlichen so wahnsinnig weiblichen Wollust-Körper (wWW) hin. Jeder Widerstand ist ihm auch gerne zwecklos und führt nur zu ' … blödsinnigem Lärm unter meiner wesentlich aus Verrückten bestehenden Umgebung.' Das nun zielt deutlich – halt für uns unabsichtlich - weit über die Anstalt hinaus. Wer es anders haben und lesen will, in dumm-perverser Absicht, soll es von mir aus für sich behalten. Schrebers Wahn gilt einigen als Heilungsprozess mit dem Ergebnis eines lebensfähigen Kompromisses aus Wahn und Wirklichkeitsbezug, wobei verkannt wird, dass sein Wahn nur die von ihm zunächst zertrümmerte widerwärtige Welt ist - wir nehmen uns das so - , der Heilungsprozess aber neutral gesehen nichts sonst, als eine Wiedergeburt des Menschen aus sich selbst mit dem nachfolgenden Neu-Aufbau eines fast erwachsenen nun anderen Subjekts (Alter entsprechend der Gesamtdauer der stationären Behandlung). Wenn der Neu-Aufbau etwas seltsam affektiert effeminiert daherkommt, so liegt das daran, dass nicht nur ein einzelner Wahn primär männlichen Zwangs geheilt wurde, sondern einer gegen zu viele Wahnsinnige antreten musste und, dass dieser Mensch am Ende wieder unter den viel zu vielen Verrückten der bestehenden Umgebung gelandet ist, zu funktionieren hatte und wohl auch etwas funktioniert hat. Schrebers Buch ist eine Puppen- und Schatzkiste voller mehr oder weniger absichtlich witziger Denk- und Merkwürdigkeiten, Spielmöglichkeiten (wenn er wahnsinig u n d auch eher schwachsinnig gewesen wäre, wär nur eine dumpf-dämliche Dumm-Schäm-Dich-Schön-Autobiographie oder eine Selbstdarstellung rausgekommen). Er hat sich auf seine Weltbühne, die real war, niedergeschrieben und musste sich dafür das Schreiben wie Sprechen neu erfinden, jedes Buchstaben-Fädchen wahrscheinlich neu ziehen. Das Schreiben selbst hat ihm dabei geholfen und wenn was irgendwann schon da war, hat 's 'hammirschon' gerufen. Halluzinationen sind halt Zeichen, wie Schriftzeichen, erlöstes Subjekt nachgezogen. Mann kann Schreber folgen, wie nachgezogen gewundert, zurück in Drehungen und Wendungen, und mit ihm am Strahlen-Faden-Gewirr, an denen er oder sein Ich hängt, arbeiten. Er hat sich zum Glück nicht erhängt. Das ist der Punkt, an dem schließlich auch die Analytiker alle abbiegen - sich aufhängen im und - in den allgemeinen Schwachsinn, verlockt vom Gesang der Ruhm- und Tantiemen-Sirenen hinein in den Selbst-Betrug und die hohle Ehre einer hohlen eigenen Autoren-Vaterschaft. Der selbe Wahn doch, nur weniger bunt an und aus sich, mehr farblos-wissenschaftlicher Text. Je nun, was soll 's, denkt der Kastrat. Aber die Analytiker hatten nicht den neuen Wollust-Leib und die Inspiration, die Zugabe zur Selbstheilung, dessen eigentlichen Lohn, also das Maximum an Menschlichkeit für ein Männchen, die erwünschte tiefe Seelen-Wollust. Sie kleben nur Sinn-Text auf Text, kalt abstrakt (noch ein KAltabSTRAkT). Das nimmt dem weiß-bekittelten Analytiker-Wahn-Wissen jede Tiefe und Farbe, das ganze Gefühl. Das Buch ist eine Ansammlung von Techniken des Selbstwiderspruchs und der Selbstüberwindung, die jeder kennen sollte, der denken kann, und von reichlich Witz erfüllt. Es ist lehrreich, wenn man die Aussagen hinterfragt, und lustig, wenn man sie nimmt, wie sie sind. Schrebers Seelen-Wollust-Fäden haben sich selbst noch nicht vergessen, sein Buch lebt, und sie alle sind nerv-endlich bei uns und kennen uns zwar nicht und lernen nicht mehr dazu und leiden nicht an uns (wie es geschrieben steht über die großen Seelen im Buch selbst), aber, solange sie noch nicht gereinigt sind vom Unrat des Irrtums der Deuter, schwarz und mit Leichengift beladen, also solange wir noch falsch denken, wird seine Seele geprüft von uns, mit der Schreber'schen Umkehr: sie prüft uns und bleibt uns als böser Geist erhalten. Wir müssen dann die geprüfte Seele weiter und wieder und wieder deuten. Wir werden spüren, wenn sie sich von uns verabschiedet, nämlich an unserem eigenen wollüstigen Brüllen, zu Aller erhellenden Freude, nicht Fremder und Kranker trauriger dunkler Sinn ('Niemals auf Erden lachte je ein Mensch, wie e r lachte!' - s.: Vom Gesicht und Räthsel – Also sprach Zarathustra III) . Nochmal: in Schrebers Buch geht es um ein Welt-Theater, es geht um das Schreiben und es geht um das Sprechen. Ein Paranoider - als der Schreber meist hingestellt wird - bleibt Subjekt des Wahns, löst sich nicht aus der verkehrt wahrgenommen Welt. Der gehört damit zu den Normalen, den Alltags-Blöden, den eingebildet Wachen und Wahren. Paranoide werden deshalb in der Regel als solche auch gar nicht erkannt. Sie sind meist Redner und keine Schreiber, sie stehen am Redner-Pult, sind nur finstere Blender. Schreber war nicht paranoid. Schizophrenie hingegen ist unabhängig vom Subjekt und der unentstellte Sinn des wirklichen Wahren, sie ist Zauber sinnlicher Wahrheit. Die Welt schreibt sich selber in ihr neu nieder und zieht ein Subjekt nach sich wie die Mutter das Kind. Es ist eine Wunder-Welt des Spiels mit einem Kind als weiterer interner Spielfigur. Das Buch dazu ist ein weiterer Welt-Spiegel, der einen Autor nach sich zieht. Bücher über Schreber allerdings haben nichts mit dem Fall zu tun. Sie haben fast alle paranoide Autoren. Es gibt von Schreber noch andere eigene Texte und Gedichte. Die hab ich nicht gefunden. Mir ist klar, wer die hat verschwinden lassen. Flüchtig hingemachte Männer, die übrigens immer noch 'möhrenrot' sind vor Ärger und Wut, und sie 'stinken', sie haben ja auch ein wenig verstanden mit ihrem kleinen Verstand, und haben nun unreine und unechte und unehrliche Gedanken.