Donnerstag, 10. April 2014

Brennen der Worte

Der Mensch des alten Glaubens hatte sein besonderes Lachen. Lachen war ihm einfach lichter leibloser Geist. Wo steht denn, dass etwas anderes als Lachen mit 'Lachen' in der Bibel gemeint ist? Der Christ stellt seinen Leib dagegen und es ist ihm das richtige Lachen fremd. Er lacht nur mehr heimlich – oder unheimlich, wie er es nennt. Er hat einen völlig geistlosen Leib. Er verleumdet Lachen und Lust. Beides ist ihm Lüge Falschheit. Er hat eine 'Wahrheit' erkannt. Die Wahrheit der Impotenz. 'Es war einmal ...' ist seine märchenhaft leere Lust an der Vergangenheit. Unbewusst ist ihm dabei die Wahrheit gekommen, dass des Lachens Lust nicht die höchste und tiefste ist. Die nahe Wahrheit und Wirklichkeit nennt er nun aber leider das Böse und das vollkommene Übel. Da wird mir schlecht. Das ist nur hinterhältigste menschliche männliche Bosheit. In diesem 'Bösen' der tiefsten Wollust hat er aber wenigstens 'unbewusst' die Erlösung des Weltalls erfasst. Das einzige uns bekannte Unbewusste ist das: diese sichtbare christlich-leiblich-sinnige Verkehrtheit und faule Verderbtheit. Dem 'Kosmos' der Hildegard v. B. fehlt nichts dergleichen. Da steckt keine Krankheit drin, kein 'Unbewusstes' und von hint nach vorn Verdrängtes. Da ist jede Lust und Wollust säuberlich skizziert und leiblich ausgemalt. Das ist ein Hortus Deliciarum, der nicht beschränkt ist auf die kleine Öffentlichkeit. Es ist in diesem Kosmos des Weibs nur eine Kleinigkeit verschwiegen: das offensichtliche Geschlecht wird nicht in Worte gefasst. Jedoch ist das Wirken der Leiber von Mann und Weib im Kosmos dem Wissenden buchstäblich im Innersten sichtbar und nur begrifflich dem Geist versteckt. Scivias ist bildlich in Worte gefasst, die brennen. Ihr sinnliches FeuerWerk hebt sich und ein Feuer der Begeisterung sprüht ihr und ihm entgegen. Blühende Glut. Es geht nicht weniger klar eindringlich. Zugleich ist der bunte Text zum schönen Bild und die Erleuchtung der sehenden schreibenden Frau jedoch leider auch vom sich bedeutenden Feuer der christlichen Bosheit Dummheit und Einschüchterung umschlossen. Der Christ hat im 'Kosmos' die innere Not und außen herum den tödlichen Zwang. Der kann nicht das Große und Kleine und nicht einmal innen und außen richtig scheiden. Der fällt auf die eigene Blödheit rein und nennt das Trieb. Der presst seine Not zwanghaft in engste Löcher. Der Hortus Deliciarum aber ist ein mächtiges Weib, das mit Bescheidenheit lockt und mit Schüchternheit täuscht. Der ist keine männliche Monokultur, in dem die alte WildSau frei und Gärtner ist. Der lädt in sinnlichem Reichtum zu vollem Genießen ein. In seiner leiblichen Wirklichkeit behandelt der 'Kosmos' eine innere Spaltung in Lust und Wollust und ihren Grund in äußerer Not. Hint gespalten und vorn, duldet er die Befeuerung zum Preis liebenden Bekennens. Blöde Begeisterung soll gefälligst nicht an ihm fehlen. Die soll sich zum eigenen Teufel schern. Scivias ist ein simpel sich wunderbar äußernder Zwang, er gehört ganz der Erde, dem WeltLeib der Menschlichkeit. In der Mitte des Bildes ist die Erde, genau über der HarnröhrenÖffnung. Bei diesem Rätsel beginnt die Deutung.