Montag, 19. August 2013

Herz und Hirn

Der einzige Teil des menschlichen Körpers, der bedenkenlos transplantiert werden kann, ohne dass es dem Empfänger eine wesentliche Veränderung von Persönlichkeit und seelischem und körperlichem Befinden verursacht, ist das Großhirn, die hohe gefaltete Rinde. Möglicherweise befinden sich dort zwar auch Überbleibsel alter erinnerter Besonderheiten, die es mitnimmt. Diese werden aber nach der Übertragung her und hin als unbrauchbarer Rest des GHirns sogleich entweder vom neuen Körper vernichtet oder in sein tiefes Traumreich des Bösen verbannt. Der größte Teil des Speichers und sein neuer Freiraum sind sofort aufnahmefähig für alle äußeren Wahrheiten und die neue Person. Die neuen zur ihrer Seele, zum Leib passenden Erinnerungen werden sich allmählich finden im Oberstübchen, sich schon einfinden und zurecht finden, sich in ihm abfinden. Die Seele darf so gleich wieder hinauf und ins Freie. Ein kleiner Rest der alten mit- und hingerissenen Seligkeit wurmt vielleicht gelegentlich den neuen Körper ein wenig im Schlaf.

Vor einer Entnahme des Gehirn muss allerdings die sog. Leibwertlosigkeit festgestellt werden von Gutachtern mit großer Erfahrung in der Verurteilung von Menschen.

Das Herz hingegen ist nicht übertragbar. Jeder weiß, es bildet mit dem Bauch eine untrennbare Einheit. Herz und Bauch eines Menschen gehören zusammen wie Mutter und Kind. Getrennt verliert diese Mutter den Verstand und ihr Kind seine Seele. Ein neues Herz macht aus dem Menschen ein zerissenes seelenloses Untier.