Sonntag, 2. Dezember 2012

Die atmende Kugel

Die atmende Kugel


Was ist Schrift anderes als Strich plus Kugel? Und der wahre Dichter ist nur ein Kugel-Be-Schreiber, also beides, dünner Stift und lebende, atmende Oberfläche.


"Ich werd' immer dünner, zerbrechlich und biegsam", sagte der Stift. "Dabei wär' ich immer gern füllig und rund gewesen, stabil, nicht unförmig unfassbar, also so was, wie ein in sich ruhender voller schwerer Körper ohne Unregelmäßigkeiten und Kanten, hätte gern rund in der Hand gelegen, ohne Nasenerker und Jacken-Taschen-Haken, ohne eingefallene Wangen und Dellen und hohle Augen-Druck-Knöpfe und ohne griffiges Rippen-Gitter, ohne mittiges Riesen-Knick-Knie ohne Spinnen-Extremitäten-Länge."


"Ich werd auch immer dünner", sagte der Schreiber und: "Ich kann den Stift kaum mehr halten, ich kann ihn von den Fingern nicht mehr unterscheiden. Und voller Körper bin ich trotzdem irgendwie."


Schreiber:
"Mir wird die Seele zum Ballon
ich denk, dass sie mir bald entfleucht.
ich fühl mich riesig leicht,
im dünnen Körper-Haut-Karton
ist mir 's Hirn aufgeweicht."


Stift:
"Ich fühl mich auch befreit,
das Blatt wird mir so weit,
ich zitter knitternd, bohr
mich zur Blatt-Unterseite vor."


Der Dorn der Gürtel-Schnalle ist stumm ausgehängt
zum letzten Loch des Gürtels unterwegs und denkt:
"der Grund, dass schwankend wandernd wir uns winden
ist der, dass wir mit einem Bein im Hosen-Losen uns befinden."


Worten darf man nicht trauen, sie können einem den Zugang zum Realen und auch zum endlich Wirklichen verbauen, müssen das aber nicht. Man muss sich gegen das allgemeine Geschwätz wehren, es zum Geräusch in den Hintergrund verbannen. Sodann ist ein Wort-Sinn-Gleichgewicht im Kopf zu erzwingen. Die Asymmetrie des Gehirns ist menschlich und damit mit Sicherheit wesentlich auch der Sprache geschuldet. Aber sie ist nicht notwendig und war nicht immer da. Die Sprache und die Bilder im Kopf sind uns auseinander gefallen. Sprache ist kein Sprechen mehr und Bilder sind keine Bilder in uns. Es ist alles Schrift und Schrift verdichtet alle Zeichen, auch Sprach- und Bilderflut außer uns sind Schrift. Ein kleines Sprachzentrum und Freude am Schweigen erlaubt vielleicht eher die Rückkehr zur Symmetrie im Gefühl einer großen Körperlichkeit oder in der Trance. Der Text ist schlecht: das Streben nach Symmetrie und das Schreiben vertragen sich nicht gut. Die Hypnose funktioniert anders als die Trance, weil dabei einer das Sprechen für einen anderen auf sich nimmt. Die Analyse bringt den Menschen zum Sprechen in Bildern. Die Hypnose ist eine Gefahr für sie: weil sich Sprechen und Bilder dann auf zwei verteilen. Die Übertragungs-Liebe ist die andere große Gefahr, weil zwei dann mit Sprache und Bildern sich sinn- und zusammenhangslos überlagern, sich aneinander abreagieren. Das hilft keinem. Menschen, die gern und viel sprechen, sind leichter hypnotisierbar, als dass sie von selbst in Trance fallen könnten. Die positiven Wirkungen der Trance bleiben den eher beredten Menschen nur mit Siegel (nicht Spiegel) erhalten, also in hypnotischer Verzückung mit erfüllter Verliebtheit und eventuell Kuss. Wer weniger beredt ist, hat die Chance von sich aus leichter einen Zustand der Trance zu erreichen, braucht für den Erhalt der Erfahrung und Siegel zum Schluss eine Dichtung. Der Dichtung steht nur dann ausreichend Sprachmaterial zu Verfügung, wenn sich vorher im Hirn des Dichters an Bilder ausreichend Sprache gehängt hat, Sprache entsteht ihm nicht unmittelbar. Der Dichter kommt nur mühsam zur Sprache. Vom Schwätzer ist hier nicht die Rede. Die Tatsache, dass viele Bilder zur Sprache kommen müssen, hat möglicherweise selbst wieder die Symmetrie des Hirns verstärkt. Es gibt eine urspüngliche Bild-Sprach-Symmetrie im Hirn. Möglicherweise begünstigt eine übermäßig geschwätzige Mutter ebenso wie eine stumme beim Kind zunächst Schweigen, dann bildhaftes Füllen des Sprachraums. So wehrt sich die Natur gegen das Patriarchat. Spekulation. Ist die atmende Kugel, die der Mensch in der Trance sein kann, nicht dieser sinnfreie Mutterleib gewesen? Entweder leer oder zugekleistert mit Unsinn? Spekulation. Ich denke, nur wenn die Mutter stumm war, bekommt Frau und Tochter auch Visionen. Zurück zur Inspiration: im Ergebnis ist der Dichter eher allein, der Maler eher von einer schreibenden Muße begleitet. Es gibt wohl auch Wort-Maler, die sich die Muße einverleiben. Eine Ahnung göttlicher Verhältnisse haben viele, aber der Zugang zum ganz anderen über ein allumfassendes Bewusstsein, eine sich endlos weitende Seele, die Körperlichkeit der Erfahrung des Außenwelt, das Eindringen in eine neue Wirklichkeit, ist nur einem in seiner Einzigkeit oder Vereinzelung und Alleinigkeit vorbehalten. Man muss darauf achten, ob sich einer eine bestimmte Socke immer zuerst anzieht oder wie er beim Tanz sich dreht oder beim Schlag im Golfspiel zum Ball steht. Einem Besonderen zieht das Unwillkürliche und Unbewusste das Willkürliche und Bewusste nach sich. Das Ziel fordert die Bewegung ein. Die Offenbarung erfordert den dichtenden Verschluss. Es muss so etwas wie Gedankenübertragung geben, wenn immer wieder der Mann als Maler über die Frau zur abschließenden Sprache findet. Inspiration und Bild werden ergänzt durch weibliche Redekunst. Was entsteht ist Offenbarung als Wort-Mal-Kunst. Ich frage mich, ob nicht hinter allen Offenbarungen und großen Werken Frauen mit Ihrer Formulierungskunst stecken. Schaut Murakamis Frau auf den Fotos, die es gibt von ihr und ihrem Mann nicht wie schuldbewusst zu diesem Geheimnis beider? Und fragt ihr Blick nicht: 'bin ich erkannt?'?


Woran erkennt man die Betrüger des Geistes, die keinerlei wirkliche Inspiration besitzen: Sie gehen unglaublich oft und gern auf die Bühne, um dort vor allem den Frauen das Sprechen abzunehmen. Und statt Besinnung predigen Sie das Glück im Spiel und Schauspiel. Statt der kleinen Zeichen des Zufalls, die der Deutung bedürfen, zaubern sie mit großen unbegreiflichen Wundern des statistischen Wahns die großen Schätze herbei, die doch bloß den vielen Dummheiten der Zahlreichen geschuldet sind, erst wird Geld eingesammelt, dann werden Almosen verteilt. Und sie haben Kisten dabei, aus denen wieder Kisten erscheinen und verschwinden und immer sind es nur Dummen-Fress-Apparate in denen das Futter für ihre Krokodile verschwindet. Und es ist nicht nur Geld, das verschwindet oder ein Kaninchen, es sind ab und an auch lebendige Menschen.