Die
atmende Kugel
Was
ist Schrift anderes als Strich plus Kugel? Und der wahre Dichter ist
nur ein Kugel-Be-Schreiber, also beides, dünner Stift und lebende,
atmende Oberfläche.
"Ich
werd' immer dünner, zerbrechlich und biegsam", sagte der Stift.
"Dabei wär' ich immer gern füllig und rund gewesen, stabil,
nicht unförmig unfassbar, also so was, wie ein in sich ruhender
voller schwerer Körper ohne Unregelmäßigkeiten und Kanten, hätte
gern rund in der Hand gelegen, ohne Nasenerker und
Jacken-Taschen-Haken, ohne eingefallene Wangen und Dellen und hohle
Augen-Druck-Knöpfe und ohne griffiges Rippen-Gitter, ohne mittiges
Riesen-Knick-Knie ohne Spinnen-Extremitäten-Länge."
"Ich
werd auch immer dünner", sagte der Schreiber und: "Ich
kann den Stift kaum mehr halten, ich kann ihn von den Fingern nicht
mehr unterscheiden. Und voller Körper bin ich trotzdem irgendwie."
Schreiber:
"Mir
wird die Seele zum Ballon
ich
denk, dass sie mir bald entfleucht.
ich
fühl mich riesig leicht,
im
dünnen Körper-Haut-Karton
ist
mir 's Hirn aufgeweicht."
Stift:
"Ich
fühl mich auch befreit,
das
Blatt wird mir so weit,
ich
zitter knitternd, bohr
mich
zur Blatt-Unterseite vor."
Der
Dorn der Gürtel-Schnalle ist stumm ausgehängt
zum
letzten Loch des Gürtels unterwegs und denkt:
"der
Grund, dass schwankend wandernd wir uns winden
ist
der, dass wir mit einem Bein im Hosen-Losen uns befinden."
Worten
darf man nicht trauen, sie können einem den Zugang zum Realen und
auch zum endlich Wirklichen verbauen, müssen das aber nicht. Man
muss sich gegen das allgemeine Geschwätz wehren, es zum Geräusch in
den Hintergrund verbannen. Sodann ist ein Wort-Sinn-Gleichgewicht im
Kopf zu erzwingen. Die Asymmetrie des Gehirns ist menschlich und
damit mit Sicherheit wesentlich auch der Sprache geschuldet. Aber sie
ist nicht notwendig und war nicht immer da. Die Sprache und die
Bilder im Kopf sind uns auseinander gefallen. Sprache ist kein
Sprechen mehr und Bilder sind keine Bilder in uns. Es ist alles
Schrift und Schrift verdichtet alle Zeichen, auch Sprach- und
Bilderflut außer uns sind Schrift. Ein kleines Sprachzentrum und
Freude am Schweigen erlaubt vielleicht eher die Rückkehr zur
Symmetrie im Gefühl einer großen Körperlichkeit oder in der
Trance. Der Text ist schlecht: das Streben nach Symmetrie und das
Schreiben vertragen sich nicht gut. Die Hypnose funktioniert anders
als die Trance, weil dabei einer das Sprechen für einen anderen auf
sich nimmt. Die Analyse bringt den Menschen zum Sprechen in Bildern.
Die Hypnose ist eine Gefahr für sie: weil sich Sprechen und Bilder
dann auf zwei verteilen. Die Übertragungs-Liebe ist die andere große
Gefahr, weil zwei dann mit Sprache und Bildern sich sinn- und
zusammenhangslos überlagern, sich aneinander abreagieren. Das hilft
keinem. Menschen, die gern und viel sprechen, sind leichter
hypnotisierbar, als dass sie von selbst in Trance fallen könnten.
Die positiven Wirkungen der Trance bleiben den eher beredten Menschen
nur mit Siegel (nicht Spiegel) erhalten, also in hypnotischer
Verzückung mit erfüllter Verliebtheit und eventuell Kuss. Wer
weniger beredt ist, hat die Chance von sich aus leichter einen
Zustand der Trance zu erreichen, braucht für den Erhalt der
Erfahrung und Siegel zum Schluss eine Dichtung. Der Dichtung steht
nur dann ausreichend Sprachmaterial zu Verfügung, wenn sich vorher im
Hirn des Dichters an Bilder ausreichend Sprache gehängt hat, Sprache
entsteht ihm nicht unmittelbar. Der Dichter kommt nur mühsam zur
Sprache. Vom Schwätzer ist hier nicht die Rede. Die Tatsache, dass
viele Bilder zur Sprache kommen müssen, hat möglicherweise selbst
wieder die Symmetrie des Hirns verstärkt. Es gibt eine urspüngliche
Bild-Sprach-Symmetrie im Hirn. Möglicherweise begünstigt eine
übermäßig geschwätzige Mutter ebenso wie eine stumme beim Kind
zunächst Schweigen, dann bildhaftes Füllen des Sprachraums. So
wehrt sich die Natur gegen das Patriarchat. Spekulation. Ist die
atmende Kugel, die der Mensch in der Trance sein kann, nicht dieser
sinnfreie Mutterleib gewesen? Entweder leer oder zugekleistert mit
Unsinn? Spekulation. Ich denke, nur wenn die Mutter stumm war,
bekommt Frau und Tochter auch Visionen. Zurück zur Inspiration: im
Ergebnis ist der Dichter eher allein, der Maler eher von einer
schreibenden Muße begleitet. Es gibt wohl auch Wort-Maler, die sich
die Muße einverleiben. Eine Ahnung göttlicher Verhältnisse haben
viele, aber der Zugang zum ganz anderen über ein allumfassendes
Bewusstsein, eine sich endlos weitende Seele, die Körperlichkeit der
Erfahrung des Außenwelt, das Eindringen in eine neue Wirklichkeit,
ist nur einem in seiner Einzigkeit oder Vereinzelung und Alleinigkeit
vorbehalten. Man muss darauf achten, ob sich einer eine bestimmte
Socke immer zuerst anzieht oder wie er beim Tanz sich dreht oder beim
Schlag im Golfspiel zum Ball steht. Einem Besonderen zieht das
Unwillkürliche und Unbewusste das Willkürliche und Bewusste nach
sich. Das Ziel fordert die Bewegung ein. Die Offenbarung erfordert
den dichtenden Verschluss. Es muss so etwas wie Gedankenübertragung
geben, wenn immer wieder der Mann als Maler über die Frau zur
abschließenden Sprache findet. Inspiration und Bild werden ergänzt
durch weibliche Redekunst. Was entsteht ist Offenbarung als
Wort-Mal-Kunst. Ich frage mich, ob nicht hinter allen Offenbarungen
und großen Werken Frauen mit Ihrer Formulierungskunst stecken.
Schaut Murakamis Frau auf den Fotos, die es gibt von ihr und ihrem Mann nicht wie
schuldbewusst zu diesem Geheimnis beider? Und fragt ihr Blick nicht:
'bin ich erkannt?'?
Woran
erkennt man die Betrüger des Geistes, die keinerlei wirkliche
Inspiration besitzen: Sie gehen unglaublich oft und gern auf die
Bühne, um dort vor allem den Frauen das Sprechen abzunehmen. Und
statt Besinnung predigen Sie das Glück im Spiel und Schauspiel.
Statt der kleinen Zeichen des Zufalls, die der Deutung bedürfen,
zaubern sie mit großen unbegreiflichen Wundern des statistischen
Wahns die großen Schätze herbei, die doch bloß den vielen
Dummheiten der Zahlreichen geschuldet sind, erst wird Geld
eingesammelt, dann werden Almosen verteilt. Und
sie haben Kisten dabei, aus denen wieder Kisten erscheinen und
verschwinden und immer sind es nur Dummen-Fress-Apparate in denen das
Futter für ihre Krokodile verschwindet. Und es ist nicht nur Geld,
das verschwindet oder ein Kaninchen, es sind ab und an auch lebendige
Menschen.