Hungern und Fressen ist so natürlich
wie Ein- und Ausatmen. Der Gegensatz darf allerdings nicht kombiniert werden mit arm / reich, denn dann wird 's uneingeschränkt unappetitlich widerlich.
Wenn ich hungere, füttere ich mein Selbst.
Wenn ich fress, bin ich ich. Es ändert sich dabei jeweils mein
Schreiben und meine Beziehung zu (anderen) Menschen (das andere ist
hier in Klammern gesetzt, weil es ja nur um den anderen ans sich
geht, und nicht um einen realen Körper, einen echten, hier
anwesenden, physisch auch greifbaren). Heute fress ich schreibend mein Selbst.
Eigentlich ist Hungern ein
Fluch, nicht bloß, weil es umbringt, es macht, wenn man es willig-zwanghaft macht - woher auch immer Zwang und Wille kommen - eher süchtig als Fressen. Man darf dabei bloß nicht
in den Spiegel schauen. In seiner Vorstellung ist der Hungernde
schön oder wenigsten weniger hässlich als befürchtet (oder erwünscht tief drin). Die Asketen halten sich für die schönsten Menschen der Welt. Sie sind halt irgendwie rein, mit den großen Impotenten haben sie 's gemein. Unsichtbar ist diese Schönheit der Beklagenswerten, die Schönheit ist nur die, die dem Verfahren (dem Prozess, der gegen sie läuft) anhaften kann. Wer hat 's geschrieben?
In Wahrheit, in den Augen der andern
und im Spiegelbild allerdings, ist der Hungernde hässlich. [anders als die geschönte Illustrierten-Schwindsucht, der veröffentlichte Sucht-Schwindel, der nur dann sich der Wahrheit nähert wenn die Magersüchtige und der dazu gehörende dicke satte Journalist sich paaren] Schief
schaut dich alles an. Zuerst hältst du die anderen für falsch und
das, was sie ihren 'fetten' Körpern antun, für verkehrt. Wenn du
jedoch eines Tages beim Vorbeilaufen am Spiegel seitlich im Blickfeld
einen festen und ruhenden Schatten bemerkst und dann schaust und
siehst, dass dir dein Selbst im Spiegel nicht mehr folgt, sondern
dich, wie du nun auch beim vorsichtigen Hinschielen merkst, gierig nur anglotzt mit Saugaugen, als ob es dich fressen wollte, und sich dir beim
Hinwenden des Gesichts nicht recht und richtig und gerade mehr
zuwendet, sondern sich verlegen schuldig und verzogen wegdreht und
dir schräg seitlich eine Fratze zeigt, die mittig sich zur
Rattenschnauze, zum kleinen Zelt mit winkender Zunge am Zugang
gespitzt hat, dann – wende den Blick nicht ab, sondern koste das
Gift des Selbst, das dich verzehrt und von dir zehrt und lebt von dir und deinem Körper. Sieh doch! Dünn bist du geworden und hässlich - und vielleicht auch sehr allein.
Jetzt wird es Zeit, dich wieder zu kleiden unter der Haut und zu
rüsten mit dem, was Mensch-Sein ist: Fülle und Hülle. Fett ist der
Sinn des Seins, des Lebens, der Sitz der Seele ist unter der Haut,
das Fett-Sein darunter. Der Mensch ist nur entweder fett oder leerer
Leder-Haut-Sack. Engel glänzen, schwitzen in sich und glühen,
leuchten feist-rot. Die Gerippe hat der Teufel im Sack.
[Exkurs:
Vitamin C kann der Körper des Menschen nicht selbst herstellen, dies
zum Schutz vorm Verhungern. Also kein Wundermittel sondern Hilfsmittel, selbstregulierend. Der Mangel hat aber auch erst das
Nachdenken beim Tier Mensch ermöglicht. Er begünstigt, denke ich, das Speichern von Fett-Energie im Körper. Ich denke, also bin ich: war
in Wahrheit: ich bin fett, also denke ich, also spiele ich, also bin ich kreativ usw.]
Der Hungernde weiß, dass
Essen mühsam und anstrengend ist, man muss sich daran gewöhnen.
Essen ist Arbeit. Einmal wieder ungezügelt sich vollstopfen, schlemmen und das Selbst
ist wieder geradegerückt. Das gefährliche Tier
wird wieder zahm. Das Seelen-Tier gehört wieder dir. Fettes
Schreiben ist aber viel mühsamer, als das des Hunger-Künstlers, dem lösen sich die Gedanken mit dem Hirn. Hirn ist nur Fett. Also achtet die Fetten, denn es sind die - Richtigen, Menschlichen
und Wahrhaftigen.
Aber auch der Lügner hat sein Seins-Recht. Ich
staune. Warum setzt sich jemand freiwillig seinem Selbst aus? Weil er
es für einen andern ist? Weil er dem andern das Reden und Denken und
Schreiben überlässt? So ist das bei Zweien manchmal, die sich zu lieben
glauben. Das Selbst ist und hat dabei den Leser der Wünsche von den
Augen (und und und) des andern für sich. Lies dich selbst, sagt der
Schreiber und sieh dich mit meinen Augen: 'du bist fett'. Der Leser
sieht doch tatsächlich dabei in der Lüge des andern die angebliche
Wahrheit: 'du bist hässlich'. Beide betrügen sich oder lassen sich
betrügen. Beide wissen, füllig ist schön, oder praktisch gedacht:
gesund. Beide wissen, dass es ein sinnloses Spiel ist, unerfüllbare Wünsche gegeneinander anlaufen zu lassen, bis zur Erschöpfung und - großen Versöhn-wöhnung.
Geteilte Wahrheiten sind manchmal doppelte Lügen.
Mitgeteilte natürlich auch. 'Ist Lügen nicht schön', fragte das Selbst. Vielleicht hab ich das alles erfunden,
weil ich Dicke (Frauen) mag? Wer weiß. Diesem Schluss bezüglich des Erfindens allerdings
verweigere ich mich standheftigst.