Freitag, 30. November 2012

Zwischentöne im Kopf-Radio


Kopf-Radio, also ein Nachklang einprägsamer, Schwachsinn fördernder hirnfüllender Melodien, diese von irgendeinem der primitivsten Teile des Hirns verursachte wunderbar blöde Untermalung und Überdeckung der Alltags-Leere ruft in mir ergänzend immer auch zu ihrer unwiderstehlichen Wirkung Zorn und einen Wut- und Gedanken-Krampf hervor und verlangt Ordnung.

Es lässt sich nur mit völliger Einkehr beantworten, Abkehr von der Welt bekämpfen und leiser drehen und langsam auslöschen - am besten mit konzentrierter anstrengender destruktiver analytischer dichtester Selbstbestimmung des Naheliegendsten, der Gedanken selbst und des Schreibprozesses.

In den meisten Menschen sind zwei: einer, der spricht, das Sprach-
Rede-Ich und dazu noch einer, der schreibt, ein Sprach-Schrift-Seelen-Selbst. Einer der diktiert und einer der aufzeichnet. Damit hier kein Missverständnis entsteht: der, der schreibt, ist nicht der, der aufzeichnet. Der Schreiber ist der, der diktiert, nämlich die Bilder, die er im Kopf hat und die der andere spürt, also aufzeichnet und sie in seiner Rede wiedergibt. Wenn einer allein sich so um sich dreht, ist es ruhig, es kommt zu intuitiver Wissensverarbeitung. Wenn zwei, der eine mit starkem Ich, der anderen mit starkem Selbst sich umkreisen (wie zwei sich fressende Sonnen), dann - kommt es zu einer Schein-Offenbarung von mehr oder weniger interessantem und schöpferischem Wert oder Unsinn.


Ich seh zwei in jedem, in meiner Beziehung zu andern: mich mehr als Schrift, den andern mehr als Rede, ganz gleich, was nun der andere wirklich macht und wie er sich selbst sieht, jeder lebt in seiner Welt für sich allein. Singsang (s. o.) ist ein wenig wie Rede und dagegen muss man anschreiben, es wegschreiben. Aber man kann nicht darüber schreiben. Melodischer Singsang ist nicht Rede, sondern wesentlich wortlos, fast vor-menschlich, auf alle Fälle prä-historisch. Schrift und Rede können sich fassen, Schrift, Musik und Tanz sind noch nicht einmal Gegensätze. Mein Hass gegen das unfassbare und unbeschreibliche Musische ist rein und wortlos und stumm.

Alle Welt ist außerhalb der Texte und außerhalb der Wahrnehmungsapparate für sich und im Wechselspiel ihrer Kommunikation miteinander eher nur langweilig. Sie - die Welt - lässt sich schildern. Aber es gibt nichts von Wert und Bedeutung dabei zu entdecken und zu verbergen. Keine Götter und Archetypen bringen ihr Licht, auch keine schwaches, rätselbehaftetes. Ich wünschte, es wär anders. Ich könnte gelegentlich auch dagegen anschreiben. Wie mir scheint, ist aber Weltlichkeit in diesem Sinn bei mir ein anderes Wort für liederliche Liedhaftigkeit und verursacht mir sinnüberwindende Übelkeit und in günstigsten Fall einer Äußerung dazu einen Wort-Brechreiz.

Ist das Lied ein Zufall? Es gibt in meiner Welt
Zufälle, die unscheinbar und an sich immer freundlich sind. In gewissem Sinn sind sie steuerbar, je wahrscheinlicher der Eintritt eines Ereignisses ist, umso leichter werden die Wünsche, bezogen darauf wahr. Unendlich groß ist die Gedankenkraft im Hirn selbst und unter seinen Regeln der Logik. Da lässt sich Welt und Sinn mühelos erzeugen – allerdings ohne festen Bezug zur greifbaren Welt. In der so rätselhaften realen Welt ziehen die Zufälle leider immer den Sinn nur hinter sich her, den man sodann in der Regel durch Interpretation herauslösen kaNN. Leider unterlaufen die Zufälle den Sinn der Deutung oftmals gleich wieder.


Es gibt allerdings einen Rest von Glauben, den Aberglauben, der behauptet, es gäbe einen nicht fassbaren Rest von Sinn, den die Zufälle vor sich herschieben und sogar offen auf sich tragen. Auch ich kann solchem zufälligen Sinn mit der Interpretation nicht wirklich folgen. Ich bin beunruhigt, bin es aber auch nicht, beweist mir doch die Unruhe den gesicherten Verstand. Ich lass sie so sein, wie sie sind. Es ist nicht von Gewicht. Zufälle sind halt wie kleine Kinder, manchmal ziemlich nervig. Der Zufall ist ein harmloser Unsinnsträger, wenn 's anders wär', wär' ich gläubig.

Die Zufälle, sie hüpfen hin und her
von der Melodie zum sinnlosen Geplärr.
Mir sind die Zwischenklänge wichtig,
richtig verdichtet, so vernicht ich
sie in sauberer Ein-Tönigkeit
für mich, und habe mir den Sinn befreit.

Musik ist mir also nur angenehm, wenn sie n i c h t einprägsam ist, also bei dauernder Improvisation. Obiger Lied-Lärm nervt leider immer noch etwas.

Zufälle wären von Gewicht, wenn sie ihr Gewicht real doch bloß auch außerhalb von Texten hätten. Deshalb hab ich diesen Text betreffend 1Q84 geschrieben, in der Hoffnung, den Sprüngen der Denk- und Gedankenschüssel, Folgen und vor allem Wirklichkeit zu verleihen. Es ist leider nicht viel passiert bei mir im Leben, aber das darf jetzt nicht sinnlos bleiben. Ansonsten hab ich eins davon verschwendet. Natürlich nur eines der vielen geschriebenen.

Wieso diese Mühe, wieso die Mühe?
wieso diese Schwerst-Arbeit in der Frühe?
Wieso erheben sich die Kinder nicht
des Zufalls, wenn der Verstand zu ihnen spricht?

Mit neuen Reimen sind Lieder zu bekämpfen. Funktioniert fast immer, bei fast jedem Lied.

Wo man singt, da lass dich nieder-
ziehen zu dem bösen Lieder-
klang und -sang und halte wider
ihn den neuen Reim, der wie der
alte passt und dir begegnet nie der
andern lauter Schwachsinn wieder.