Kopf-Radio,
also ein Nachklang einprägsamer, Schwachsinn fördernder
hirnfüllender Melodien, diese von irgendeinem der primitivsten Teile
des Hirns verursachte wunderbar blöde Untermalung und Überdeckung
der Alltags-Leere ruft in mir ergänzend immer auch zu ihrer
unwiderstehlichen Wirkung Zorn und einen Wut- und Gedanken-Krampf
hervor und verlangt Ordnung.
Es
lässt sich nur mit völliger Einkehr beantworten, Abkehr von der
Welt bekämpfen und leiser drehen und langsam auslöschen - am besten
mit konzentrierter anstrengender destruktiver analytischer dichtester
Selbstbestimmung des Naheliegendsten, der Gedanken selbst und des
Schreibprozesses.
In den meisten Menschen sind zwei: einer, der spricht, das Sprach-Rede-Ich und dazu noch einer, der schreibt, ein Sprach-Schrift-Seelen-Selbst. Einer der diktiert und einer der aufzeichnet. Damit hier kein Missverständnis entsteht: der, der schreibt, ist nicht der, der aufzeichnet. Der Schreiber ist der, der diktiert, nämlich die Bilder, die er im Kopf hat und die der andere spürt, also aufzeichnet und sie in seiner Rede wiedergibt. Wenn einer allein sich so um sich dreht, ist es ruhig, es kommt zu intuitiver Wissensverarbeitung. Wenn zwei, der eine mit starkem Ich, der anderen mit starkem Selbst sich umkreisen (wie zwei sich fressende Sonnen), dann - kommt es zu einer Schein-Offenbarung von mehr oder weniger interessantem und schöpferischem Wert oder Unsinn.
Ich
seh zwei in jedem, in meiner Beziehung zu andern: mich mehr als
Schrift, den andern mehr als Rede, ganz gleich, was nun
der andere wirklich macht und wie er sich selbst sieht, jeder lebt in
seiner Welt für sich allein. Singsang (s. o.) ist ein wenig wie Rede
und dagegen muss man anschreiben, es wegschreiben. Aber man kann
nicht darüber schreiben. Melodischer Singsang ist nicht Rede,
sondern wesentlich wortlos, fast vor-menschlich, auf alle Fälle
prä-historisch. Schrift und Rede können sich fassen, Schrift, Musik
und Tanz sind noch nicht einmal Gegensätze. Mein Hass gegen das
unfassbare und unbeschreibliche Musische ist rein und wortlos und
stumm.
Alle
Welt ist außerhalb der Texte und außerhalb der Wahrnehmungsapparate
für sich und im Wechselspiel ihrer Kommunikation miteinander eher nur
langweilig. Sie - die Welt - lässt sich schildern. Aber es gibt nichts von Wert
und Bedeutung dabei zu entdecken und zu verbergen. Keine Götter und
Archetypen bringen ihr Licht, auch keine schwaches, rätselbehaftetes. Ich wünschte, es wär anders. Ich
könnte gelegentlich auch dagegen anschreiben. Wie mir scheint, ist
aber Weltlichkeit in diesem Sinn bei mir ein anderes Wort für
liederliche Liedhaftigkeit und verursacht mir sinnüberwindende
Übelkeit und in günstigsten Fall einer Äußerung dazu einen
Wort-Brechreiz.
Ist das Lied ein Zufall? Es gibt in meiner Welt Zufälle, die unscheinbar und an sich immer freundlich sind. In gewissem Sinn sind sie steuerbar, je wahrscheinlicher der Eintritt eines Ereignisses ist, umso leichter werden die Wünsche, bezogen darauf wahr. Unendlich groß ist die Gedankenkraft im Hirn selbst und unter seinen Regeln der Logik. Da lässt sich Welt und Sinn mühelos erzeugen – allerdings ohne festen Bezug zur greifbaren Welt. In der so rätselhaften realen Welt ziehen die Zufälle leider immer den Sinn nur hinter sich her, den man sodann in der Regel durch Interpretation herauslösen kaNN. Leider unterlaufen die Zufälle den Sinn der Deutung oftmals gleich wieder.
Es
gibt allerdings einen Rest von Glauben, den Aberglauben, der
behauptet, es gäbe einen nicht fassbaren Rest von Sinn, den die
Zufälle vor sich herschieben und sogar offen auf sich tragen. Auch
ich kann solchem zufälligen Sinn mit der Interpretation nicht
wirklich folgen. Ich bin beunruhigt, bin es aber auch nicht, beweist
mir doch die Unruhe den gesicherten Verstand. Ich lass sie so sein,
wie sie sind. Es ist nicht von Gewicht. Zufälle sind halt wie kleine
Kinder, manchmal ziemlich nervig. Der Zufall ist ein harmloser Unsinnsträger, wenn 's anders wär', wär' ich gläubig.
Die
Zufälle, sie hüpfen hin und her
von
der Melodie zum sinnlosen Geplärr.
Mir
sind die Zwischenklänge wichtig,
richtig
verdichtet, so vernicht ich
sie
in sauberer Ein-Tönigkeit
für
mich, und habe mir den Sinn befreit.
Musik
ist mir also nur angenehm, wenn sie n i c h t einprägsam ist, also
bei dauernder Improvisation. Obiger Lied-Lärm nervt leider immer
noch etwas.
Zufälle
wären von Gewicht, wenn sie ihr Gewicht real doch bloß auch
außerhalb von Texten hätten. Deshalb hab ich diesen Text betreffend
1Q84 geschrieben, in der Hoffnung, den Sprüngen der Denk- und
Gedankenschüssel, Folgen und vor allem Wirklichkeit zu verleihen. Es
ist leider nicht viel passiert bei mir im Leben, aber das darf jetzt
nicht sinnlos bleiben. Ansonsten hab ich eins davon verschwendet.
Natürlich nur eines der vielen geschriebenen.
Wieso diese Mühe, wieso die Mühe?
wieso diese Schwerst-Arbeit in der Frühe?
Wieso diese Mühe, wieso die Mühe?
wieso diese Schwerst-Arbeit in der Frühe?
Wieso
erheben sich die Kinder nicht
des
Zufalls, wenn der Verstand zu ihnen spricht?
Mit
neuen Reimen sind Lieder zu bekämpfen. Funktioniert fast immer, bei
fast jedem Lied.
Wo
man singt, da lass dich nieder-
ziehen
zu dem bösen Lieder-
klang
und -sang und halte wider
ihn
den neuen Reim, der wie der
alte
passt und dir begegnet nie der
andern
lauter Schwachsinn wieder.