Die
Menschwerdung in Dissonanz, die Geburt der menschlichen Tragödie
(Kap. 25), macht aus der Musik als WesensAnhang des viehischen Leibs
einen reinen Sprachanhang beim Menschen. Sprechen ist anfänglich
Schmerzzeichen und Leidgesang. Die Schrift zerreißt den Missklang
löst den Geist vom Leib und zersetzt beide in sich: sie analysiert
sich im Geist und lähmt den Leib im funktionalen Selbstwiderspruch.
Der Mensch wird u. a. stumm dabei. Von der verlorenen Sprache bleibt
uns als Rest reiner Klang und eine Musik, die sich nebenbei an den
Regeln des rechnenden Geists orientieren darf. Die Musik für sich
ist nichts: der Sprache war sie stärkendes Mittel, im Reich des
Geists jedoch ist sie bloß das unbegreifliche Leiblich-Viehische in
abstrakter wertfreier oder wertloser Allgemeinheit. Neben der Schrift
und Zahl, der leblosen Regel im Zeichen/Reich steht sie als
Untermalung der allgemeinen Begeisterung der MenschenMasse auf der
Bühne und ist also die verlogene Leere, der Verlust jedes
besondern Gefühls in unbestimmter leiblicher Not und geistiger
Niedergeschlagenheit. Musik hat also nie eine Wirkung, sie verstärkt
sie nur oder i s t selbst eine. Als Wirkung für sich ist
sie Objekt der Betrachtung und Darstellung, also Spiel im Spiel, der
die Schauspielerei untermalende Unsinn, der Laut der Idee, der
leibliche Rest des Idealismus. Das musikalische Genie ist der
Untergang der Idee, sein VerSchluss in KlangEigentum und
LautEinzigkeit. Die reine Musik ist nur eine FremdWirkung zur
Vorstellung allgemeiner Menschlichkeit, ein Summen aus einer
LeibesSumme der stammelnden Idiotie der Moderne. Melodien haben
nichts Absolutes an Sinn, sie sind sprachabhängig national. Die
Komposition folgt der Melodie, sie ist selbst leere SchauSpielerei,
Schau ohne Spieler, Politik, sie ist verstaatlichtes Menschsein und
eingebildete durchsichtige innerlich bildliche große Menschheit.
Ein FehlBGgriff. Komposition ist wie Bildung gestohlene Einsicht
ohne Verstand: zurückgewendete Anatomie des Körpers, Beschreibung
weit unter Schrift und also ohne lebendigen Zusammenhang.